(„Harold and Maude“, directed by Hal Ashby, 1971)

“Harold, everyone has the right to make an ass out of themselves. You just can’t let the world judge you too much.”

Feuilletonist Kurt Kister schrieb, Harold und Maude sei auch irgendwie ein Hippiefilm. Er hat recht. Harold und Maude ist eine Rebellion gegen Spießer, ein typischer Film der frühen 70er Jahre, ein anarchistischer Film mit Figuren, die das Leben nehmen, wie es kommt, es voll auskosten und sich nicht um Gesetze oder Regeln scheren. Das passt auch irgendwie zum Regisseur dieses Klassikers, Hal Ashby, eine der interessantesten Regie-Figuren der Filmgeschichte. Nach der Scheidung seiner Eltern in noch jungen Jahren, beging sein Vater Selbstmord und es geschah, dass es der zwölfjährige Hal war, der die Leiche dessen fand. Er heiratete zwei Mal und ließ sich zweimal wieder scheiden – bevor er 21 war. Schon vorher, im Alter von nur 17 Jahren, büxte er von zu Hause aus, indem er nach Los Angeles trampte, um dort sein Glück zu versuchen. Nach – laut eigenen Aussagen – über 50 gescheiterten Jobs bekam er schließlich eine Anstellung bei den Universal Filmstudios als Hilfsjunge, der sich bald mit einem ebenfalls noch jungen Jack Nicholson anfreundete. Ashby arbeitete sich schnell hoch und arbeitete für den angesagten Regisseur Norman Jewison als Cutter.

Dieser Beschäftigung hatte er es zu verdanken, dass er schließlich einen Oscar für seine Arbeit an In der Hitze der Nacht erhielt, ein Anti-Rassismuskrimi mit Sidney Poitier und Rod Steiger. Jewison hat er es auch zu verdanken, dass er 1970 seinen ersten Film drehen konnte, der wiederum ein Jahr später gefolgt wurde von Harold und Maude, einem seiner besten Filme, der damals kritisch beäugt wurde. Seine Drogensucht wurde dem begabten Hippie jedoch bald zum Verhängnis. In den frühen 80er Jahren brach er zusammen, seine letzten Filme, die nur noch Schatten seiner früheren Werke sind, wurden ihm von den Produzenten aus den Händen gerissen und Ashby fiel es schwer, neue Anstellungen zu finden. 1988 starb er im Alter von nur 59 Jahren an Krebs. Ein Leben im Schnelldurchlauf.

Ein Leben im Schnelldurchlauf soll es auch für Harold (Bud Cort) werden, denn der 18jährige Spross einer wohlhabenden Mutter hat nicht das geringste Interesse am Leben. Stattdessen ist er vielmehr interessiert am Tod, der ihn magisch anzieht und dazu bringt, über ein Dutzend Selbstmordversuche zu starten – vor den Augen seiner Mutter. Diese interessiert das nur beiläufig und schickt Maude stattdessen zu einem Psychiater, der den Jungen aber auch nicht von seiner Faszination für den Tod und von Besuchen auf Beerdigungen abbringen kann. Denn auch diese ziehen Harold in seinen Bann, auch wenn er die Verstorbenen überhaupt nicht kennt. Fasziniert ist auch die 79jährige Maude (Ruth Gordon) von Beerdigungen, wenn auch auf eine ganz andere Art.

Die rüstige Rentnerin liebt das Leben und nimmt alles so hin wie es kommt. Sie stiehlt Autos, veräppelt Polizisten und setzt sich – ein fröhliches Hallo an die Hippiejugend – für Bäume ein, die zwar Eigentum des Staates sind, aber wenn diese unfreundlichem Smog ausgesetzt sind, finden sie in Maude eine Kämpferin für das Recht, die die Pflanzen an einen schöneren Ort bringt. Langsam freunden sich Harold und Maude an und beeinflussen sich gegenseitig. Aus dieser Freundschaft wird jedoch bald mehr und Harold muss dafür kämpfen, endlich so leben zu dürfen, wie er will. Seine Liebe zu Maude ist das einzige, was ihm die Freude am Leben schenkt und gerade in diesem Punkt steht ihm seine Mutter im Weg, die ihren Spross verzweifelt mit jungen Damen verkuppeln möchte.

Harold und Maude ist ein Hippiefilm in seiner bitterbösen Abrechnung mit den Idealen jener Zeit, auf denen Hal Ashby und Drehbuchautor Colin Higgins mit Vergnügen herumtrampeln. Das Spießertum wird verhöhnt in Form der gefühlskalten Mutter von Harold, die ihrem Sohn einen neuen Jaguar schenkt, den dieser jedoch aus Protest in einen Leichenwagen umwandelt. Bitterböse sind auch die Selbstmordversuche des Jungen, der diese bewusst vor den Augen seiner Mutter vollzieht, doch diese ist zunehmend genervt von diesen Aktionen. Dem Zuschauer dreht sich indes bei dieser grotesken Mischung aus Drama und Komödie der Magen um, denkt man an die Kindheit des Regisseurs, der seinen toten Vater entdeckte und hier bewusst alle Grenzen des guten Geschmacks überschreitet, wenn er das Badezimmer der gutbetuchten Familie mit leuchtendem Rot als Blut bespritzen lässt und die Kamera auf den am Boden liegenden Harold schwenkt, aus dessen Mundwinkeln eine rote Flüssigkeit tropft.

In diese rabenschwarze Abrechnung reiht sich der Onkel Harolds, Victor (Charles Tyner), ein, der in seinem patriotischen Fanatismus den Krieg befürwortet und seinen Neffen unbedingt einziehen will. Wäre Harold und Maude jedoch nur irgendein Hippie-Film, wäre er nicht der Klassiker, der er heute ist, denn die Schilderung der Beziehung zwischen den beiden sich Liebenden gehört zu den schönsten, komischsten und herzerwärmendsten überhaupt. Frisch und originell macht das kongeniale Zusammenspiel von einer bezaubernden Ruth Gordon als vitale Rentnerin und einem schüchternen Bud Cort alle Altersunterschiede vergessen, wenn man beobachtet, wie sich beide Charaktere aufgrund der gegenseitigen Beeinflussung verändern und Harold in Form von Maude pure Lebensfreude eingetrichtert bekommt. Die Figuren sind interessant und vielseitig und symbolhaft dafür öffnet Ruth Gordon eines Tages ihren Schrank voller antiker Instrumente. Es ist ihre persönliche Schatzkammer, so wie das Leben der Maude eine solche ist, indem es stets Neues zu entdecken gibt. Harold und Maude ist in seiner schönen Traurigkeit und in seiner radikalen Mischung aus Absurdität und Realismus unwiderstehlich charmant und zweifellos eine der bezauberndsten, da ungewöhnlichsten Romanzen der Filmgeschichte.

Harold und Maude
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