(„Blood Simple“, directed by Joel Coen, 1984)

„Lover boy really oughta lock his door. Lotta nuts out there.“

Blood Simple“ ist ein Film über irrende Menschen, die aneinander vorbeireden und dafür die Konsequenzen tragen müssen. Es ist ein Werk über die Unmöglichkeit einer Konversation. Und die Coen-Brüder haben einen diebischen Spaß daran, ihre Charaktere die Folgen ihrer Unvernunft ausbaden zu lassen. Schmutzig, bitterböse und voller Sarkasmus ist der erste Spielfilm von Joel und Ethan Coen ein Paradebeispiel für das bisherige Gesamtwerk, denn Blood Simple vereint bereits all das, womit die beiden Amerikaner zu Ruhm und Oscar-Ehre gelangen sollten.

Eine jede Figur in diesem clever konstruierten Thriller ist sich einer Sache sicher, doch diese wird niemals deutlich ausgesprochen, was nur darin resultiert, dass mehr und mehr Missverständnisse entstehen, die in einem Blutbad enden, das seinesgleichen sucht.  Ray (John Getz) ist sich sicher, dass seine Frau Abby (Frances McDormand) ihn betrügt. Der von ihm angeheuerte Privatdetektiv Visser (M. Emmet Walsh) glaubt das auch, hat er doch kompromittierende Beweisfotos von Abby und ihrem Geliebten gemacht. Nun ist der Geliebte nicht irgendwer, sondern Julian (Dan Hedaya), ein Freund und Mitarbeiter Rays. Dieser ist sich sicher, dass er das Paar umbringen muss, da er diese Affäre keinesfalls auf sich sitzen lassen kann. Er ist sich auch sicher, dass er es nicht selber machen kann und fragt Visser, ob dieser den Auftrag für 10.000 $ ausführen will. Visser sagt, er sei sich sicher, dass er es tun könne. Doch Visser ist zu klug dafür, schließlich könnte man ihm irgendwie auf die Spur kommen. Natürlich sagt er Ray nichts davon und so ist Ray der erste, der hereingelegt wird.

Dieser fängt sich nämlich bald darauf eine tödliche Kugel von Visser ein – aus einer Pistole, die der Privatdetektiv und Auftragskiller Abby – der Frau seines Opfers – entwendet hat. Visser ist sich sicher, dass man daraufhin Abby verdächtigen wird und er mit den versprochenen 10.000 $ abhauen kann. Natürlich verkompliziert sich die Sache noch, denn wenig später erscheint Abbys Geliebter Julian auf der Bildfläche, der den ermordeten Ray in seinem Büro liegen sieht. Julian ist sich sicher, dass Abby ihren Mann getötet hat, schließlich liegt ihre Pistole auf dem blutverschmierten Boden. Natürlich sagt Julian ihr nichts von seiner Entdeckung – stattdessen muss er sich etwas einfallen lassen, wie er aus dem Schlamassel wieder herauskommt…

Es ist auffällig, dass die Polizei in den Filmen der Coen-Brüder fast nie zu Rate gezogen wird oder zur Auflösung eines Falles beiträgt – sieht man von Fargo ab, in welchem die Hüter von Gesetz und Ordnung als schwangere Frau mit Morgenübelkeit dargestellt wird. Tommy Lee Jones steht als Gesetzeshüter in No Country For Old Men außerhalb der Szenerie, Miller’s Crossing ist ohnehin nur ein Film über einen Bandenkrieg, indem die Polizei nichts zu suchen hat. Die Liste ließe sich in dieser Weise fortführen, denn die eigentlichen Helden in den Filmen – Antihelden per se – sind stets zwielichtige Gestalten, die ihren eigenen Weg gehen, koste es was es wolle und die nie im Leben daran denken würden, die Polizei zu alarmieren. Auch hier nicht. Frances McDormand steht ihre Frau und erledigt ihren Peiniger auf eigene Faust, ohne Hilfe anzunehmen.

Auf diese Weise vereint Blood Simple bereits zahlreiche Elemente späterer Filme der Coen-Brüder. Am auffälligsten ist vielleicht die Parallele zu Fargo, in welchem ein Ehemann Verbrecher damit beauftragt, seine Frau zu entführen, was gründlich schief geht. Auch hier ist es der Hass auf die eigene Frau, der herausgelassen werden muss, dabei aber das falsche Ventil findet. Kameramann dieses beeindruckenden Frühwerks war niemand Geringeres als der spätere Regisseur Barry Sonnenfeld (Men in Black), der hier unter Beweis stellt, welches Talent in ihm steckt. Ungewöhnliche Winkel, extravagante, alptraumhafte Kamerafahrten und vor allem die surreale Beleuchtung verhelfen diesem Werk zu seiner intensiven, packenden Atmosphäre. So ist der Film bis zum Beseitigen der Leiche Rays oftmals in starkes rotes Licht getaucht, wo man es nicht zwangsläufig erwarten würde: rote Decken, in blutrot getauchte Fahrbahnmarkierungen, ehe Blood Simple sich ein unangenehm dunkles Blau zu Eigen macht und die Wohnung Abbys in Unterwasserfarbe taucht.

Abseits der hervorragenden Kameraarbeit und der experimentellen Beleuchtung lassen sich auch einige Referenzen an Alfred Hitchcock nicht leugnen. So ist der Angriff Rays auf seine Frau Abby ohne Zweifel dem Kampf Grace Kellys gegen ihren Peiniger in Bei Anruf Mord nachempfunden, wenn Abby verzweifelt versucht, nach einer Waffe in ihrer Handtasche zu greifen, während sie gewaltsam aus dem Haus gezerrt wird. Auch das folgende Verstecken der Leiche wirkt wie eine schmutzige Erwachsenenversion von Immer Ärger mit Harry, gespickt mit massenweise Blut und subtilem, groteskem Humor. Wortkarg, intensiv, packend, sarkastisch hat Blood Simple seinen Weg in die großen Thriller der Filmgeschichte gefunden. Dabei ist es eigentlich ein sehr bescheidener Film, für den die Coen-Brüder Geld sammeln mussten, um ihn drehen zu können, womit sie schließlich anfangen konnten, als sie eine ¾-Million $ beisammen hatten. Dieses ehrgeizige Projekt ist vollauf geglückt und noch heute einer ihrer besten Werke.

Blood Simple
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Blood Simple
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