(„The Fall“ directed by Tarsem Singh, 2006)

Niemand geringeres als Altmeister David Fincher und Regietalent Spike Jonze präsentieren The Fall. Doch auch der Regisseur Tarsem Singh selbst ist kein unbeschriebenes Blatt mehr: In The Cell tauchte Jennifer Lopez in das schizophrene und alptraumhafte Unterbewusstsein eines Serienkillers ein. Bereits in seinem Debüt beeindruckte Singh durch eine farbenprächtige Darstellungsweise, die Emotionen nach außen transportiert. In The Fall ist es nun die Fantasie eines kleinen Mädchens, die in bunten Bildern zum Leben erweckt werden.

Los Angeles 1915: Der Hollywood-Stuntman Roy Walker (Lee Pace) liegt nach einem missglückten Stunt im Krankenhaus. Viel schlimmer als die gebrochenen Beine schmerzt ihn jedoch der Verlust seiner großen Liebe, die ihn für einen anderen Mann verlassen hat. Im Krankenhaus trifft Roy auf das junge rumänische Mädchen Alexandria (Catinca Untaru). Bei jedem Besuch des Mädchens erzählt er ihr eine phantastische Geschichte über fünf mythische Helden, die gemeinsam einen Rachefeldzug gegen den korrupten Gouverneur Odious planen. Je weiter er die Geschichte erzählt, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Doch Roy will Alexandria die Geschichte nicht zu Ende erzählen, es sei denn, sie stiehlt ihm ein Glas Morphium, damit er sich umbringen kann,

Der Reiz von The Fall geht von dem narrativen Kunstgriff Singhs aus: Indem er abwechselnd die von Krankheit, Tod und Suizid geprägte Realitätsebene im Hospital und die aus Raum und Zeit losgelöste und überzeichnete Phantastik-Ebene der charismatischen Helden zeigt, befindet sich der Zuschauer in einem ständigen Wechsel zwischen ernsthafter Tragik und überzogener Abenteuergeschichte. In beiden Handlungssträngen kommt aber stets der augenzwinkernde Humor des Regisseurs zum Zug. Die fünf myhtischen Helden – Blue Bandit (Lee Pace), Indian (Jeetu Verma), Charles Darwin (Leo Bill), Otta Benga alias Slave (Marcus Wesley), Mr. Sabatini (Andrew Roussouw) – erinnern unweigerlich an die viktorianischen Literaturfiguren aus Alan Moores Comicserie „The League of Extraordinary Gentlemen“ – gleichnamig verfilmt von Stephen Norrington. Singh feiert das Erzählen an sich, in dem er märchenhafte Elemente in den Film einfügt.

Die Bilder der Phantasiewelt überzeugen durch die schlichte Schönheit der (exotischen) Natur und farbgewaltigen Aufnahmen – dominant sind die leuchtenden Primärfarben Rot, Blau, Gelb – der Kostüme oder auch einer blau angestrichenen Stadt. Auch die Schnitte sind meisterlich arrangiert und erinnern stark an die Comicsprache. Gegen die opulente Darstellung der Phantasiewelt steht die realistische Ästhetik des Hospitals. Die schattendurchfluteten Gänge und die kranken und sterbenden Patienten sorgen mitunter für alptraumhafte Zustände des Mädchens. Die Filmmusik besticht zum Großteil durch klassische Töne, die den Gesamteindruck eines Märchens angenehm unterstreichen. Die schauspielerischen Leistungen des unbekannten Ensembles können durchaus überzeugen. In erster Linie lebt der Film durch die emotionale Beziehung von Lee Pace und Catinca Untaru, die das hervorragend machen.

Dass der ganz große Wurf von Singh nicht gelungen ist, liegt zum einen an einem kurzen Durchhänger im Mittelteil der Geschichte. The Fall ist insgesamt ein amüsantes, aber auch tragisches Fantasy-Abenteuerdrama, das als Hommage an das Märchen bzw. das Erzählen und an die Phantastik zu verstehen ist. In 116 Minuten zeigt Singh, dass nicht immer nur millionenschwere Budgets mit überladenen Special Effects und einem Starensemble für gute Unterhaltung sorgen können.



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The Fall
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