
Der 26-jährige Lee Yong-jun (Hong Kyung) hat gerade sein Studium abgeschlossen und weiß nicht so recht, wohin sein Lebensweg ihn nun führen soll. Orientierungslos und eher widerwillig hilft er im Imbiss seiner Eltern (Jung Hye-young, Hyun Bong-sik) aus, wo er als Lieferant arbeitet. Bei einer Essenslieferung in ein Schwimmbad begegnet er der gleichaltrigen Seo Yeo-reum (Roh Yoon-seo), die sich dort um ihre jüngere Schwester Ga-eul (Kim Min-ju) kümmert – eine gehörlose Leistungsschwimmerin, die von der Teilnahme an den Olympischen Spielen träumt. Yong-jun verliebt sich auf den ersten Blick. Da er die koreanische Gebärdensprache beherrscht, gelingt es ihm, mit den Schwestern in Kontakt zu treten. Aus der zufälligen Begegnung entwickelt sich zunächst eine zögerliche Freundschaft, aus der schließlich eine behutsame Sommerromanze erwächst. Doch als Ga-eul einen Unfall erleidet, für den Yeo-reum sich verantwortlich fühlt, gerät die fragile Beziehung ins Wanken.
Koreanisches Remake eines Films aus Taiwan
Hear Me: Our Summer ist das südkoreanische Remake des taiwanesischen Films Hear Me aus dem Jahr 2009, der außerhalb Asiens kaum Verbreitung fand. Regisseur Cho Sun-ho verlegt die Geschichte ins Korea des Jahres 2024, bewahrt jedoch den zentralen Kunstgriff der Vorlage: eine Liebesgeschichte, die sich weitgehend über Gebärdensprache entfaltet. In einer Zeit, in der romantische Stoffe koreanischer Herkunft – nicht zuletzt durch Netflix-Serien wie Queen of Tears – international Konjunktur haben, findet auch dieser Film seinen Weg in westliche Kinos. Für Cho bedeutet das zugleich eine stilistische Neuorientierung, nachdem er sich mit seinem Debüt A Day noch im Terrain des Thrillers bewegte.
Das auffälligste Merkmal von Hear Me: Our Summer ist der bewusste Umgang mit Sprache – oder vielmehr deren Reduktion. Gesprochene Dialoge treten zugunsten der Gebärdensprache in den Hintergrund, wodurch der Film eine ungewohnte, oft berührende Intimität entwickelt. Das kommt besonders in jenen Momenten zur Entfaltung, in denen die Tonspur subjektiviert wird: etwa wenn in einer Discothek die Musik plötzlich verstummt und die Szene aus der Perspektive der gehörlosen Figuren erfahrbar wird. Oder wenn Yong-jun sich Ohropax in die Ohren steckt, um die Welt für einen Moment so wahrzunehmen wie ein Gehörloser. Dass diese Simulation völliger Stille nicht realistisch ist, spielt dabei kaum eine Rolle – sie folgt einer emotionalen Logik, die im Kontext des Films überzeugt.
Vertrautes Romcom-Terrain mit unnötigem Twist
Abseits dieser inszenatorischen Einfälle bewegt sich der Film jedoch auf vertrautem Terrain. Die Dramaturgie folgt den klassischen Mustern der romantischen Komödie: Begegnung, Annäherung, Krise, mögliche Trennung. Das ist solide und leichtfüßig erzählt, erzeugt ein angenehmes Gefühl und lebt nicht zuletzt von der Chemie zwischen Honh Kyung und Roh Yoon-seo, die ihre Figuren glaubhaft verkörpern. Dass die Protagonisten trotz ihres Alters von 26 Jahren mitunter erstaunlich unreif wirken, mag kulturell bedingt sein und fällt letztlich nicht allzu sehr ins Gewicht. Problematischer erscheint da eine Szene, in der eine Gruppe von Müttern aus irrationaler Angst davor zurückschreckt, ihre Kinder gemeinsam mit gehörlosen Schwimmerinnen trainieren zu lassen – ein Moment, der eher irritiert als überzeugt und unfreiwillig Fragen nach gesellschaftlichen Realitäten aufwirft.
So gelingt Hear Me: Our Summer über weite Strecken als charmante, sommerlich-leichte Romcom, die Inklusion nicht nur thematisiert, sondern erfahrbar macht. Umso bedauerlicher ist es, dass der Film ausgerechnet auf der Zielgeraden ins Straucheln gerät. Ein vorhersehbarer und zugleich unglücklich gesetzter Twist untergräbt die zuvor aufgebaute emotionale Glaubwürdigkeit. Man darf sich im Publikum schon so fühlen, als sei man für dumm verkauft worden, angesichts einer nun sichtbar werdenden hanebüchen Unlogik.
Damit bleibt ein zwiespältiger Gesamteindruck: Hear Me: Our Summer ist ein Film, der in seinen besten Momenten durch formale Eigenständigkeit und aufrichtige Zärtlichkeit überzeugt, sich jedoch durch ein missglücktes Ende um die nachhaltige Wirkung bringt. Statt beschwingt und mit einem leichten Gefühl das Kino zu verlassen, bleibt ein schaler Nachgeschmack – und die Ahnung, dass hier mehr möglich gewesen wäre.
OT: „Cheongseol“
Land: Südkorea
Jahr: 2024
Regie: Sun-ho Cho
Buch: Jae-won Na, Kyung-yoon Kwak
Musik: Yeong-wook Jo
Kamera: Min-woo Kang
Besetzung: Kyung Hong, Yoon-seo Roh, Min-ju Kim, Bong-sik Hyun, Hye-young Jung, Min-yeong Ahn, Yong-ju Jung
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