© Gianfranco Rosi

Pompeji: Unter den Wolken

„Pompeji: Unter den Wolken“ // Deutschland-Start: 27. März 2026 (MUBI)

Inhalt / Kritik

Die Archäologie ist ein Studium der Zeit. Der Regisseur Andrei Tarkowski beschreibt die Kunst des Films mit der Phrase der „versteinerten Zeit“ und hebt sie damit von anderen Kunstrichtungen ab. Jedoch kann dieses Konzept in gewisser Weise ebenso auf die Archäologie angewandt werden. Der Fund eines prächtigen Gewands oder einer reich verzierten Vase ist dabei genauso bedeutungsvoll wie der einer Gabel, eines Tellers oder eines Schilds, auf dem vor einem Hund gewarnt wird. Je besser man den Alltag der Menschen der Vergangenheit rekonstruieren kann, desto genauer lässt sich generell die Welt von damals verstehen. Auch für Außenstehende ist dieser Einblick faszinierend, lädt er doch zum Vergleich mit der eigenen Lebensrealität ein sowie zu einem möglicherweise kritischen Blick auf die eigene Person.

Ein Ort, an dem ein solches Erlebnis möglich ist, ist Pompeji. Bevor im Jahre 79 n. Chr. der Vesuv ausbrach, blühte in Pompeji das Leben. Streift man heute als Tourist durch die Überreste der Stadt, ist man erstaunt über die vielen Details, die man sehen kann und die einem den Alltag der Vergangenheit näherbringen. Da wäre zum einen das berühmte „Cave canem“-Mosaik aus dem Haus des Dichters, die Wandbilder im Lupanar, das Alexander-Mosaik und natürlich die zahlreichen Alltagsgegenstände wie Geschirr, Öllampen oder Werkzeuge. Die enorme Bedeutung Pompejis für die Archäologie ist anhand dieser Eindrücke mehr als eindeutig – weshalb auch noch heute dort Ausgrabungen vorgenommen werden. Andererseits kann man den Ort, vor allem aber die Gipsabdrücke der Opfer des Vulkanausbruchs, als Warnung betrachten, denn da der Vesuv nach wie vor aktiv ist, fürchten sich besonders die Bewohner Neapels und des Umlandes vor einer erneuten Katastrophe.

Pompeji ist also ein Ort, an dem die Vergangenheit Spiegel und Mahnung für die Gegenwart zugleich zu sein scheint. So jedenfalls legt es Gianfranco Rosis Dokumentation Pompeji: Unter den Wolken nahe, die auf den Internationalen Filmfestspielen in Venedig 2025 mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurded. Das Werk bildet einen interessanten Kontrast zu Rosis bisherigen Filmen wie Seefeuer, Unter dem Meeresspiegel oder Das andere Rom. Für den Regisseur stehen immer Orte im Fokus, an denen sich aktuelle Zeitgeschichte widerspiegelt, doch vor allem das Tempo von Pompeji: Unter den Wolken ist anders, sodass seine neue Dokumentation zugleich sein kontemplativster Film ist. Der Zuschauer erlebt die Ausgrabungen und die Geschichte Pompejis, aber ebenso das sozialpolitische Klima Neapels sowie seiner Vororte, die aufgrund der Nähe zum Vesuv in einem Zustand ständiger Wachsamkeit und Anspannung leben.

Notrufe und versteinerte Menschen

Ein Teil von Pompeji: Unter den Wolken zeigt die Einsatzzentrale der Feuerwehr Neapel, an der das Telefon nie stillzustehen scheint. Die geduldigen Beamten nehmen die aufgebrachten und manchmal etwas wirren Notrufe der Menschen entgegen, die ein Beben in ihrer Gegend wahrgenommen haben und wissen wollen, was zu tun ist. Danach zeigt ein Schnitt einen Vorort, in dem etwas in Flammen zu stehen scheint – doch das Feuer wurde von einer Jugendbande gelegt, ein Ausdruck der allgemeinen Anspannung.

Pompeji: Unter den Wolken mag ein kontemplativer Film sein, doch die Anspannung ist in jedem Bild klar zu erkennen. Neben Rosis Bildern spielt Fabrizio Federicos Schnitt dabei eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, die einzelnen Episoden zu einem stimmigen Gemälde zu verbinden, in dem die Vergangenheit nicht vergessen ist, sondern als ewige Mahnung fortbesteht. Als wir wenige Minuten später eine Gruppe Touristen dabei beobachten, wie sie die Gipsabdrücke der Opfer des Vulkanausbruchs in Pompeji besichtigen, wird schnell klar, dass Erinnerung hier als Warnung fungiert. Rosi mag das Tempo seines Films gedrosselt haben, dennoch zeigt er einen Zustand konstanter Unruhe – bei den Menschen Neapels ebenso wie bei jenen, die in Pompeji arbeiten.

Ein weiteres Bild, das gewissermaßen als visueller Rahmen von Pompeji: Unter den Wolken dient, ist ein altes Kino. Gezeigt werden alte Dokumentationen über die Ausgrabungen in Pompeji, Bilder von Grabräubern sowie eine kurze Sequenz aus Roberto Rossellinis Reise in Italien. Die Anspannung und Unruhe des Ehepaars Joyce beim Anblick eines versteinerten Menschen unter der Erde, der quälend langsam sichtbar wird, nimmt die Spannungen der Gegenwart vorweg. Doch das Kino ist leer, niemand sitzt in den Reihen – auch sie wirken wie die Reste einer Katastrophe, die ihren Tribut gefordert hat.

Credits

OT: „Sotto le nuvole“
Land: Italien, Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Gianfranco Rosi
Drehbuch: Gianfranco Rosi
Musik: Daniel Blumberg
Kamera: Gianfranco Rosi

Trailer

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Pompeji: Unter den Wolken
fazit
„Pompeji: Unter den Wolken“ ist eine Dokumentation über Pompeji als Erinnerung und Mahnung für die Gegenwart. Gianfranco Rosis Film vereint unterschiedliche Eindrücke zu einer vielstimmigen Symphonie, in der sich Anspannung, Unruhe und Angst widerspiegeln angesichts einer Tragödie, die jederzeit erneut eintreten kann.
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