
Die Schatzsuche im Blaumeisental (Kinostart: 26. März 2026) nimmt uns mit in das kleine Dorf Bectoile, wo Caroline aufgewachsen ist und sie ihrer archäologischen Arbeit nachgeht. Im Mittelpunkt der Geschichte steht jedoch ihre 9-jährige Tochter Lucie, die dort ihre Sommerferien verbringen wird. Das gefällt ihr ganz gut, sie freundet sich mit dem Jugendlichen Yann an. Aber auch die Tiere, darunter ein verletzter Dachs, haben es ihr angetan. Doch es ist die Begegnung mit einem seltsamen alten Mann und eine Schlossruine, die sie erkundet, welche das Leben von ihr und ihrer Familie auf den Kopf stellt. Wir haben uns im Rahmen des Filmfest Hamburg 2025 mit Regisseur und Co-Autor Antoine Lanciaux unterhalten. Im Interview spricht er über die Arbeit an dem Animationsfilm, persönliche Bezüge und ein Gemeinschaftsgefühl.
Könnten Sie uns etwas über die Entstehungsgeschichte von Die Schatzsuche im Blaumeisental verraten? Wie sind Sie auf die Idee für den Film gekommen?
Ich wollte einen Film machen, der auf dem Land spielt, in dem aber auch etwas mit Geschichte und Archäologie vorkommt. Dabei wurde ich von meinem eigenen Leben inspiriert: Meine Mutter wurde als Kind aufgegeben, was mich selbst als kleiner Junge sehr beschäftigt hat. Ich habe ständig Fragen gestellt, aber nur wenige Antworten erhalten. Als ich dann das Dorf meiner Mutter besucht habe, habe ich herausgefunden, dass ich selbst dort geboren wurde. Der Film ist also vor dem Hintergrund meiner eigenen Lebensgeschichte entstanden.
Wie hat sich das dann für Sie angefühlt, in Ihre eigene Vergangenheit zu reisen?
Ich war schon immer sehr neugierig. Unter all den Kindern, die ich kannte, war ich immer der neugierigste. Deswegen hat mich das auch sehr interessiert. Wobei ich keinen Film über mich selbst oder meine Mutter drehen wollte. Mir ging es um die Gefühle, die ich hatte bei dieser Suche nach der Vergangenheit. Deswegen erzähle ich die Geschichte auch aus der Sicht des kleinen Mädchens, um etwas mehr Distanz zu mir selbst zu schaffen. Außerdem ist der Zeitrahmen sehr viel kürzer, die Protagonistin erforscht ihre Vergangenheit im Laufe eines einzigen Sommers.
Als Kind verlassen zu werden, ist eigentlich ein sehr trauriges Thema, was sich auch für ein Drama angeboten hätte. Stattdessen haben Sie ein sommerliches Familienabenteuer darauf gemacht. Wie kam es dazu?
Es stimmt, dass das für mich mit Traurigkeit verbunden war und einer gewissen Melancholie, sogar Angst. Aber eben auch mit Freude, weil ich die unterschiedlichsten Leute kennenlernen und mit ihnen reden durfte. Ich bin an dieser Suche und der Herausforderung gewachsen und habe ein ganz neues Fundament für mich gefunden, was etwas sehr Positives ist. Und dieses humanistische Grundgefühl wollte ich in dem Film vermitteln, nicht nur an Kinder, sondern auch an Erwachsene.
Es fällt an dem Film auf, wie stark das Gefühl der Gemeinschaft ist. Lucie freundet sich mit dem Jugendlichen an, mit den Älteren, sogar mit Tieren. Ist dies auch eine Reaktion auf die Welt da draußen, wo das Wir-Gefühl immer stärker nachlässt?
Mir war es tatsächlich wichtig, diesen Gemeinschaftsgedanken in den Vordergrund zu stellen, eine gewisse Menschlichkeit und den Willen, die Welt da draußen auch einfach anzunehmen. Die Schatzsuche im Blaumeisental sollte einen positiven Blick auf die Natur und das Landleben vermitteln, welches oft mit Vorurteilen beladen ist. Dort leben nicht nur rückständige Menschen, die Rechtsextreme wählen. Du findest dort Zusammenhalt und Menschen, die sich Zeit füreinander nehmen. Das hat auch die Wahl der Technik bei meinem Film beeinflusst. Dieses Langsame und sich Zeit nehmen, das gehört einfach bei dieser Geschichte zusammen.
Auf mich hat der Film auch nostalgisch gewirkt. Man sieht Lucie, wie sie die Welt erkundet, ganz ohne Handy oder soziale Medien. War der Film auch eine Liebeserklärung an das Leben, wie es früher war?
Ich wollte keinen Film über Nostalgie machen oder die Vergangenheit verklären. Die Geschichte spielt schon in der Gegenwart: Es gibt Handys, es gibt Computer, es gibt Windräder. Ich verzichte auch auf Flashbacks, das spielt sich alles im Hier und Jetzt ab. Aber es stimmt, dass sich auch ältere in dem Film wiederfinden und dabei an ihre eigenen Familien zurückdenken und wie es war, ein Kind zu sein. Da wird also schon die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft. Es hing mir jedoch um zeitlose Themen, mit denen genauso heutige Kinder etwas anfangen können. Und das habe ich auch bei der Technik versucht. Natürlich ist diese Scherenschnitt-Animation eine sehr alte, es gab sie schon vor hundert Jahren. Ich wollte sie aber so modernisieren, dass sie sich nicht vor Computer-Animation verstecken muss. Sie ist auch mit Gefühlen verbunden und einer gewissen Zerbrechlichkeit, welche den Inhalt der Geschichte mitträgt.
Diese Scherenschnitt-Technik ist sehr aufwendig. Wie lange haben Sie an dem Film gearbeitet?
Sehr lange. Allein für die ganzen Bilder haben wir drei Jahre gebraucht. Das Filmen setzt hat 13 Monate gedauert. Die Postproduktion, also zum Beispiel Musik in Schnitt, noch einmal ein Jahr. An dem Film selbst haben wir also fünf Jahre gearbeitet. Davor habe ich aber auch schon fünf Jahre an der Geschichte geschrieben, ich selbst habe also zehn Jahre an Die Schatzsuche im Blaumeisental gearbeitet. Wobei ich in der Zeit auch noch andere Sachen gemacht habe. Zum Beispiel habe ich beim Drehbuch von La colline aux cailloux mitgearbeitet.
Die Schatzsuche im Blaumeisental war auch Ihr erster Langfilm. Wie war die Erfahrung für Sie?
Für mich war das natürlich etwas Besonderes, auch weil ich keine richtigen filmischen Vorbilder dafür hatte. Ich habe zwar schon an vielen Animationsfilmen gearbeitet und mache das seit mehr als 30 Jahren. Aber das hier war eine einmalige Erfahrung für mich. Ich war mir sicher, dass ich eine schöne Geschichte hatte und die Technik richtig war. Aber ich war mir sehr unsicher, wie der Film bei anderen angenommen würde. Ich freue mich daher, dass die Reaktionen bisher sehr positiv waren. Es war auch wegen meines Teams eine sehr schöne Erfahrung, weil ich mit so vielen tollen Leuten zusammenarbeiten durfte. Manche kenne ich schon lange, andere sind noch jung und ganz neu dabei. Der Film war also auch für uns mit einem schönen Gemeinschaftsgefühl verbunden.
Vielen Dank für das Interview!
(Anzeige)

