
Die früh verwitwete Iva (Gergana Pletnyova) schuftet in einer bulgarischen Textilfabrik, um sich und ihren erwachsenen Sohn Misho (Todor Kotzev) über die Runden zu bringen. Das geht aber nur mit 12-Stundentag, zusätzlichen Überstunden und ohne Fehlzeiten. Eine Krankschreibung bekomme wohl nur, wer tot umfällt, lästert Iva beim Arzt, der sie trotz 39,5 Grad Fieber wieder zur Arbeit schickt. Und das, obwohl im März 2020 schon Covid grassiert, vor allem in der Hauptstadt Sofia. Die Krankheit wird dann auch in der Provinz entdeckt, zuerst bei Iva. Sie gilt als „Patient null“ der kleinen Stadt, wo sich das Virus wegen der Enge und unmenschlichen Bedingungen beim Hauptarbeitgeber Textilfabrik rasant verbreitet. In der um sich greifenden Panik wächst das Bedürfnis nach einem Sündenbock. Iva wird zum Ziel einer Hexenjagd, weil angeblich sie das Virus eingeschleppt hat, obwohl sie das Städtchen seit fünf Jahren nicht verlassen hat. Nur der erfahrene Klinikarzt Dr. Rusev (Ivaylo Hristov) steht der Mittvierzigerin bei.
Abgesang auf eine schöne Idee
Während des Abspanns summt eine Frau die Melodie von Freude, schöner Götterfunken. Ihre Stimme klingt müde und abgeschlagen, sie verschleppt das Tempo, sodass man die Europahymne erst nach ein paar Takten erkennt. Die lebensbejahende Komposition mit dem euphorischen Text Friedrich Schillers dient hier lediglich als desillusionierter Abgesang auf eine schöne Idee, die ihre einstigen Anhänger schwer enttäuscht hat. Regisseur Stephan Komandarev gehörte nach eigener Aussage zu denen, die glücklich waren, als Bulgarien im Jahr 2007 der Europäischen Union beitrat. Aber inzwischen fühlt er sein Land verraten und an den Rand gedrängt, als Billiglohnproduzent auf dem Ausbeutungsniveau einer Entwicklungsnation. Nur, dass im Gegensatz zu den entsetzlichen Arbeitsbedingungen in Asien und anderswo kaum einer hierzulande davon weiß. Das Label Made in EU, das Iva in die Mäntel einer Luxusmarke näht, gilt deutschen und westeuropäischen Konsumenten als Qualitätsmerkmal.
Freunde des Filmemachers beteiligten sich vor sieben Jahren an einer Studie der „Clean Clothes Campaign“, der Kampagne für saubere Kleidung. Das ist ein Netzwerk von Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen, das sich gegen Hungerlöhne und fehlenden Arbeitsschutz in der Textilindustrie wehrt, nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in Osteuropa. Als Stephan Komandarev und sein Ko-Autor Simeon Ventsislavov von der schockierenden Ausbeutung in Bulgarien erfuhren, brannte ihnen das Thema sofort unter den Nägeln. Sie ergänzten die Recherchen der „Clean Clothes Campaign“ durch eigene Gespräche mit den Betroffenen und entwickelten die Figur der Iva auf der Basis einer realen Geschichte.
In Bulgarien gilt Regisseur Stephan Komandarev (Eine Frage der Würde – Blaga’s Lessons, 2023) als Ken Loach des Ostens. Tatsächlich wirkt sein neuer Film wie eine Mischung aus Loachs Sorry We Missed You (2019) über die erbärmlichen Arbeitsbedingungen eines scheinselbständigen Paketauslieferers und der Hexenjagd, wie sie Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta in Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1975) schildern. Das beklemmende Klima von Angst, Verfolgung und der bedrohten Würde einer stillen Heldin fängt Made in EU in blassen Farben und dokumentarischen Szenen ein, die mit wenigen Schnitten auskommen und so das Gefühl vermitteln, das Publikum sei mittendrin in Ivas bedrückender Lage.
Spiegelungen und Reflexionen
Besonders das minimalistische Schauspiel und die berührende Durchlässigkeit von Darstellerin Gergana Pletnyova verstärken die Empathie, ohne dass der Film in Opferrolle und Rachedrama abrutscht, sondern im Gegenteil die Würde der ebenso leidens- wie widerstandsfähigen Heldin bewahrt. Zur vielschichtigen Visualität tragen die häufigen Spiegelungen in der Kameraarbeit von Vesselin Hristov bei. Auffällig oft greift er zu indirekten Bildern: Gesichter in Fenstern, als Reflektion einer Trennscheibe oder sogar eines Aquariums. Der visuelle Stil verdeutlicht so die Vereinzelung der Figuren, die gar nicht zusammen mit anderen im selben Raum zu sein scheinen (obwohl sie es sind). Vor allem aber zieht er neben der dokumentarischen Wirklichkeit eine zweite Ebene ein: die der Distanz, des Nachdenkens und der „Reflexion“ im übertragenen Sinn.
Leider konterkariert das Sozialdrama an einigen Stellen die Feinsinnigkeit seiner Betrachtungen. Besonders die Figur des aufopferungsvollen und menschenfreundlichen Klinikarztes Dr. Rusev dient als Sprachrohr des Filmemachers und als Verkünder von didaktischen Botschaften. „Was sie uns über den Kommunismus gesagt haben, war eine Lüge“, sagte er zum Beispiel über das sozialistische Regime zu Sowjet-Zeiten. „Aber was sie uns über den Kapitalismus gesagt haben, ist absolut wahr.“ In solchen Momenten treibt der Film das berechtigte Aufklärungsbedürfnis über ungezügelte Profitgier an eine Grenze, die Stephan Komandarev im Pressehaft selbst zieht. „Anstatt mit dem Finger zu zeigen, ist es besser, das Publikum zum Nachdenken anzuregen“, sagt er dort. Schade, dass er sich nicht durchgängig daran hält. Das Thema, das vielleicht besser in einem Dokumentarfilm aufgehoben wäre, hätte es verdient.
OT: „Made in EU“
Land: Bulgarien, Deutschland, Tschechische Republik
Jahr: 2024
Regie: Stephan Komandarev
Drehbuch: Simeon Ventsislavov, Stephan Komandarev
Kamera: Vesselin Hristov
Besetzung: Gergana Pletnyova, Todor Kotsev, Gerasim Georgiev, Anastasia Ingilizova, Ivaylo Hristov
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