
Die beiden jungen Belarussen Alexej (Frank Rogowski) und Mikhail (Michal Balicki) überqueren gemeinsam die Grenze nach Polen, auf dem Weg nach Frankreich. Dort wollen sie ein neues Leben beginnen und die traurigen Erinnerungen an ihre Heimat hinter sich lassen. Doch schon auf dem Weg kommt Mikhail ums Leben. Von nun an auf sich alleingestellt, beschließt Alexej sich der französischen Fremdenlegion anzuschließen, wo nach fünfjährigem Dienst die französische Staatsbürgerschaft lockt. Ein erster Auftrag führt ihn nach Nigeria, wo er mit anderen Legionären französische Geiseln aus der Hand von Rebellen befreien soll. Dabei macht er Erfahrungen, die er anschließend nicht mehr vergessen kann …
Ein Film auf unvorhersehbaren Wegen
Disco Boy ist einer dieser Filme, die das Publikum immer wieder mit unerwarteten Richtungen überrascht. Das fängt schon mit dem Titel an. Wer diesen liest, könnte vermuten, dass es sich dabei um einen Film handelt, der primär eine Club-Erfahrung zum Inhalt hat – siehe etwa die rauschhafte Odyssee in Rave On. Tatsächlich wird der Protagonist später auch solche Clubs besuchen. Aber eben erst später und das auch unter anderen Umständen, als man vorhersagen würde. Stattdessen beginnt das Drama als ein mehr oder weniger typisches Flüchtlingsabenteuer, das sich um zwei junge Männer und deren Traum von einem neuen, freien und glücklichen Leben dreht. Bis dieser Traum ganz schnöde in einem Fluss ertrinkt.
Auch danach geht es prinzipiell zwar darum, wie ein Mensch auf der Flucht, jetzt um eine eigene Identität beraubt, um einen Platz für sich kämpfen muss. Und das geschieht in Disco Boy wortwörtlich, wenn der Protagonist als Teil der Fremdenlegion nach Nigeria geschickt wird. Das Perfide an der Situation ist, dass er in einen Kampf hineingezogen wird, der eigentlich nicht seiner ist. Er muss Geiseln eines Landes befreien, in dem er höchstens geduldet ist, und dabei gegen Menschen antreten, die ihr Land von ausländischen Investoren ausgebeutet und unterjocht wird. Die Zeiten der Kolonisierung sind zwar offiziell vorbei. Inoffiziell ist das aber weitergegangen, sind die Spuren von früher zu spüren. An dieser Stelle meint man dann, dass der Film vielleicht über das Konzept von Heimat und Identität sprechen möchte.
Faszinierende Odyssee voller Grenzerfahrungen
Und doch ist auch das nur eine Zwischenstation. Disco Boy handelt viel von Traumata, wenn der Protagonist durchs Leben stolpert und dabei auf Schritt und Tritt furchtbare sowie schmerzhafte Erfahrungen macht. Was genau in Belarus geschehen ist, wird zwar nicht verraten, es bleibt bei Andeutungen. Doch der tragische Verlust seines besten Freundes zu Beginn der Geschichte und die Erlebnisse, die er in der Fremde macht, reichen aus, um ihn wohl noch auf lange Zeit zu beschäftigen. Wenn sich Alex gegen Ende hin in die besagte Disco begibt, wo er zwischen Erinnerungskultur und Vergessen schwankt, dann sind die Geister der Vergangenheit immer dabei, verschmelzen auf der Tanzfläche mit der Gegenwart zu hypnotischen Visionen.
Das Drama, das 2023 im Wettbewerb der Berlinale Weltpremiere hatte, ist dabei keines, das wirklich durch die Handlung auf sich aufmerksam machen will. Vielmehr nutzt Regisseur und Drehbuchautor Giacomo Abbruzzese bei seinem Langfilmdebüt die Odyssee seines Protagonisten, um sich mit den verschiedensten Themen auseinanderzusetzen. Und er nutzt sie für inszenatorische Experimente, wenn das anfangs noch dokumentarisch anmutende Werk zunehmend abdriftet und die Grenzen verschwimmen lässt. Das wird manchen nicht gefallen, da Disco Boy eben so vieles auf einmal ist und doch nichts wirklich. Aber es ist eine faszinierende Reise, bei der mit der Zeit immer mehr klar und unklar zugleich wird, die Suche nach einer neuen Heimat mit dem Verlust des eigenen Ichs einhergeht und der deutsche Schauspieler Frank Rogowski im Zentrum von allem verlorengeht.
OT: „Disco Boy“
Land: Belgien, Frankreich, Italien, Polen
Jahr: 2023
Regie: Giacomo Abbruzzese
Drehbuch: Giacomo Abbruzzese
Musik: Vitalic
Kamera: Hélène Louvart
Besetzung: Frank Rogowski, Morr Ndiaye, Laëtitia Ky, Leon Lučev, Matteo Olivetti, Robert Więckiewicz, Michal Balicki, Wahab Oladiti, Salem Kisita
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