No Other Choice
ⓒ Plaion Pictures

Byung-hun Lee [Interview]

Lee Byung-hun wurde am 12. Juni 1970 in Seongnam, Südkorea, geboren. 1991 bewarb er sich bei der KBS Super Talent Audition, wurde ausgewählt und debütierte anschließend in der Fernsehserie Asphalt My Hometown. Seinen Durchbruch feierte er im Jahr 2000 in Park Chan-wooks Drama Joint Security Area. Danach übernahm der Südkoreaner große Rollen in zahlreichen Actionblockbustern sowie in Streaming-Produktionen, bevor er 2025 erneut mit Regisseur Park Chan-wook für No Other Choice (Kinostart: 5. Februar 2026) zusammenarbeitete.

In Venedig sprach Lee Byung-hun mit uns über seine Rolle in No Other Choice und die Parallelen des Films zur Realität.

Könnten Sie ein wenig darüber erzählen, wie Sie sich auf diese Rolle vorbereitet haben?

Es ist die Geschichte eines Familienmitglieds, das sich extremen Situationen stellen muss. Der Krise, alles zu verlieren, und eine extreme Entscheidung trifft. Für mich war es eine große Aufgabe, diesen Charakter so darzustellen, dass seine Entscheidung nachvollziehbar wird, und gleichzeitig das Publikum davon zu überzeugen, dass unser Held diese extremen Dinge tut. Mein Schauspiel musste das Mittel sein, das die Zuschauer auf dieser Reise mitnimmt. Ich habe sehr viel mit Park darüber gesprochen, und das war die größte Herausforderung, die wir gemeinsam lösen mussten. Manchmal kann es passieren, dass das Publikum aus der Geschichte herausgerissen wird, wenn eine Figur eine dramatische Wandlung durchmacht. Das ist der schlimmste Fall und darüber habe ich viel nachgedacht. Wenn die Veränderung zu abrupt oder nicht nachzuvollziehen ist, besteht die Gefahr, das Publikum zu verlieren. Davor war ich sehr vorsichtig.

Ihre Figur im Film verliert seinen Job und muss Vorstellungsgespräche führen. Als Schauspieler suchen Sie ja auch ständig nach neuen Rollen. Haben Sie sich jemals so gefühlt wie Ihre Figur, mit der Angst, dass es vielleicht nie wieder klappt?

Zum Glück hatte ich nie das Gefühl, meinen Job verloren zu haben. Ich bin in der privilegierten Lage, meine Projekte selbst auszuwählen. Aber ich habe viele Bekannte gesehen, so wie Man-soo im Film, die ihre Arbeit verloren haben. Dieses Gefühl der Krise kennt eigentlich jeder. Ich selbst war nie an dem Punkt zu denken, dass meine Karriere vorbei ist. Ich fühle mich da sehr privilegiert. Aber wenn ich andere Schauspieler und Kollegen sehe, habe ich oft den Eindruck, dass sie keine Zukunftsperspektive haben. Über ihre Erfahrungen kann ich das zumindest indirekt nachvollziehen. Und das betrifft ja nicht nur Schauspieler, es kann jeden treffen.

No Other Choice thematisiert konkret die Bedrohung von Arbeitsstellen durch Automatisierung und KI. Eine Angst, die heute besonders in kreativen Berufsfelder allgegenwärtig scheint. Wie sehen Sie persönlich diese Herausforderung? Erkennen Sie dieselbe Art von Angst wie Ihre Figur?

Ich denke, das ist in jedem Berufsfeld gleich. Unter uns Schauspielern haben wir erst gestern darüber gesprochen, dass unsere Stimmen und Gesichtsausdrücke bereits jetzt in sozialen Medien nachgebildet werden, ohne unser Zutun. Das ist ein beängstigender Gedanke, weil es schon Realität ist. Wir wissen noch nicht, wie man KI sinnvoll oder rechtlich korrekt einsetzt. Natürlich machen sich Schauspieler Sorgen darum, aber das gilt genauso für viele andere Berufsgruppen.

Die Schauspielwelt ist sehr wettbewerbsorientiert. Wie bewahren Sie sich in so einem Umfeld Ihre Menschlichkeit und Würde?

Die Situationen in No Other Choice sind sehr filmisch überhöht. Man-soo glaubt, alles verloren zu haben, und trifft extreme Entscheidungen. Schauspieler konkurrieren nicht auf diese Weise. Unsere Individualität ist unsere Stärke, darauf sind wir stolz. Wenn man genau hinschaut, ist Man-soo gar nicht wirklich verzweifelt. Er hat immer noch seine Familie und andere Möglichkeiten. Aber seine Besessenheit, seinen Status zu bewahren, treibt ihn ins Extreme. Diese Besessenheit ist die Grundlage der Dramatik. Für uns Schauspieler geht es nicht darum, besser zu sein als jemand anderes. Jeder von uns glaubt, seine eigene Farbe, seinen eigenen Platz in einem Projekt zu haben. Dieser Glaube und Stolz, auch wenn er manchmal unrealistisch ist, hält uns am Leben.

Im Film gibt es einen sehr gelungenen Witz über ein Netflix-Abo. War das ein Hinweis auf Ihre Karriere bei Netflix, oder davon unabhängig. Bekommen Sie nach dem Erfolg von Squid Game und KPop Demon Hunters eigentlich ein Gratis-Abo?

Ich liebe es Content zu schauen. Wenn ich Pausen mache, einmal sogar für ein ganzes Jahr, bleibe ich zu Hause und sehe Filme und Serien. Nicht nur auf Netflix, sondern auf allen Streamingdiensten und wenn ein neuer Film erscheint, auf den ich mich freue, gehe ich ins Kino. Aber nein, ich bekomme kein kostenloses Abo. Ich zahle mein Netflix selbst.

Glauben Sie, dass der Film und vor allem das Ende eine größere moralische Botschaft vermittelt?

Ich glaube nicht, dass No Other Choice ein belehrender Film ist. Ob er ein Happy End hat oder nicht, ist gar nicht der Punkt. Wir haben sogar mehrere Enden gedreht. Eine Version hat ganz klar gezeigt, dass es kein Happy End gibt. Aber im finalen Schnitt spiegelt das Ende den Anfang wider. Die Familie wirkt glücklich, sie reden über ein Barbecue. Oberflächlich betrachtet scheint alles wieder normal. Aber innerlich sind alle zerstört. Die Frau und die Kinder wissen die Wahrheit, müssen sie aber verschweigen. Der Protagonist weiß, dass sie Bescheid wissen. Für mich ist das kein Happy End, die Familie ist innerlich schon zerbrochen.



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