
Phillips (Brendan Fraser) Schauspielkarriere steckt in einer Sackgasse. Seit sieben Jahren schlägt sich der in Tokio wohnende US-Amerikaner als Werbefilm-Maskottchen durch, Angebote für die ganz großen Rollen bleiben jedoch aus. Schließlich fängt er bei einer sogenannten Rental-Family-Agentur an, die ihren Kunden Darsteller für jeden erdenklichen Anlass zur Seite stellt: Fortan begibt sich Phillip als Ehepartner vor den Altar, spielt den Trauernden auf inszenierten Beerdigungen oder wird zum Gaming-Buddy auf Zeit. Als er die Rolle des Vaters für das kleine Mädchen Mia (Shannon Mahina Gorman) annimmt, dessen Mutter dadurch auf die Zusage einer elitären Schule für ihre Tochter hofft, und parallel als Journalist den alten, kranken Schauspieler Kiku (Akira Emoto) begleitet, stellt er fest, dass er sich schwerer aus den kleinen Täuschungen herauslösen kann, als ihm lieb ist…
Ersatz für fehlende Menschen
„Ich möchte meine Eltern den Eltern meines Freundes vorstellen, aber ich kann ihnen nicht sagen, dass sie geschieden sind. Deshalb befinde ich mich in einer schwierigen Lage und brauche Rat […] Ich habe keine Freunde oder Verwandten, die ich bitten könnte, mich ins Krankenhaus zu begleiten […] Als Firmenchef möchte ich Sie bitten, bei der Hochzeitsfeier eine Rede zu halten.“ Mit solchen und ähnlichen Anfragen bewirbt die echte Rental-Family-Firma Hagemashi-tai, ansässig in der Stadt Noda, ihren Service für „Väter, Mütter, Ehemänner, Ehefrauen usw., sowie für Freunde, Bekannte, Vorgesetzte, Kollegen, Untergebene und die Vertretung bei Terminen“.
Die Prämisse von Rental Family ist also deshalb so charmant, weil es in Japan tatsächlich, und das seit mehr als drei Jahrzehnten, verbreitet ist, einen nahestehenden Menschen gegen eine Gebühr und für begrenzte Zeit zu ersetzen – zum Beispiel weil man kein soziales Netz hat, sich einsam fühlt oder einen serösen Eindruck vermitteln will. Zwar verbreiten sich ähnliche Firmenkonzepte mittlerweile weltweit, doch vor allem im Land der aufgehenden Sonne, wo die Außendarstellung, egal ob im beruflichen, familiären oder partnerschaftlichen Kontext, einen hohen Stellenwert hat, ist dieses Phänomen deutlich präsenter.
Emotion als Ware
Genau diesen normativen Strukturen und der Frage, wie und ob man dem menschlichen Wunsch nach Nähe, Dazugehörigkeit und Akzeptanz mit einem bezahlten Darsteller gerecht werden kann, widmen sich Mitsuyo Miyazaki, bekannt unter ihrem Künstlerinnennamen Hikari (37 Seconds), und ihr Drehbuchkollege Stephen Blahut thematisch in Rental Family. Wie schon in der österreichisch-deutschen Ko-Produktion Pfau – Bin ich echt? (2024) oder dem Lanthimos-Drama Alpen (2011) werden uns Gesellschaftsstrukturen gezeigt, in der Authentizität und Emotionen zu einer kalkulierbaren Ware geworden sind, wobei der Ton hier ein deutlich leichterer ist.
Das liegt zum einem am Humor beziehungsweise dem Comedic Timing, das oft durch mimische Pointen, wie Räuspern, Ohrfeigen oder entgeistertes Blicken, einer absurden Situation entsteht. Zum anderen an Brendan Fraser (Die Mumie, The Whale), der wie praktisch seine ganze Karriere die Rolle eines leicht trotteligen, aber warmherzigen und empathischen Mannes einnimmt, was zwar über die meiste Zeit funktioniert, ab einem gewissen Zeitpunkt – wie die Beziehungen zu den Menschen, denen er etwas vorspielen muss – allerdings zu aufgesetzt wirkt. Mehr abgedroschene Theatralik findet man nur in dem Moment, wo sich Phillip zwischen seinem neuen Job und der alten Schauspielkarriere entscheiden muss.
Doch wäre es nicht angebracht, Rental Family aufgrund seiner Klischeehaftigkeit zu hart zu verurteilen: weder bei den Handlungswendungen noch bei der Romantisierung Tokios in jeder zweiten Einstellung, wie es schon Wim Wenders vor nicht allzu langer Zeit in Perfect Days getan hat. Hikaris zweiter Langspielfilm ist einfach ein Feel-Good-Streifen, der die Herzen vieler Kinozuschauer erobern könnte, die vielleicht noch nie in Japan waren und definitiv Lust bekommen werden, dorthin zu fliegen, oder schon einmal dort waren und sich sehnsüchtig an ihre Zeit in der größten Metropole der Welt zurückerinnern wollen.
OT: „Rental Family“
Land: Japan, USA
Jahr: 2025
Regie: Hikari
Drehbuch: Hikari, Stephen Blahut
Musik: Jón Þór Birgisson, Alex Somers
Kamera: Takurô Ishizaka
Besetzung: Brendan Fraser, Shannon Mahina Gorman, Akira Emoto
Ihr wollt mehr über den Film erfahren? Wir hatten die Gelegenheit, uns mit Regisseurin Hikari zu unterhalten. Im Interview zu Rental Family spricht sie über die Zusammenarbeit mit der Besetzung und das Leben in einer fremden Kultur.
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