
Marty Mauser (Timothée Chalamet) ist der junge Protégé des amerikanischen Tischtennissports. Während diese Disziplin in Asien längst als Breitensport großen Anklang findet, liegt Amerika weit hinter den Vorreiternationen wie Großbritannien und Japan zurück. Mauser sieht sich berufen, das zu ändern, und sein Talent gibt ihm Recht. Für Sponsoren oder das große Geld wird Tischtennis jedoch bisher nicht ernst genug genommen. So muss Mauser abseits von Nebenjobs auch immer wieder zu Tricks und Betrügereien greifen, um seine Reisen zu Turnieren zu finanzieren. Sein rücksichtsloser Egoismus bringt ihn dabei in zunehmend prekäre Lagen.
Battle of Brothers
Nachdem beide zuletzt bei Der schwarze Diamant im Jahr 2019 gemeinsam Regie führten, trennten sich die Safdie-Brüder beruflich und versuchen sich an Soloprojekten. Ironischerweise dreht sich sowohl Bennie Safdies Projekt The Smashing Machine als auch Joshs Marty Supreme um die Leben zweier fast vergessener Helden ihrer respektiven Sportarten, UFC und Tischtennis. Während The Smashing Machine einer klassischen Biografie entspricht, wählt Josh Safdie einen mutigeren Ansatz und basiert seinen Protagonisten Marty Mauser lediglich lose auf der Person des amerikanischen Tischtennisspielers Marty Reisman.
American Supremacy?
Marty Mauser ist damals wie heute die Personifikation US-amerikanischer Selbstwahrnehmung auf der globalen Bühne. Arrogant, narzisstisch, rücksichtslos – einmal mehr sitzt die Welt court-side, wartend auf den Aufstieg oder Fall des Ikarus. Im Fall von Marty Supreme ist die Fallhöhe für Zuschauende zwar gering, für Mauser selbst könnte sie jedoch kaum größer sein. Marty Supreme etabliert gleich zu Beginn, dass die Allüren des Tischtennisprotégé ihn in zunehmend aussichtslosere Situationen bringen. Der Gewinn der Tischtennis-Weltmeisterschaft scheint der letzte Weg, sich den Konsequenzen seiner Taten erneut zu entziehen. Während Talent im Überfluss vorhanden ist, mangelt es vor allem an Geld, um den weiten Weg nach Japan auf sich zu nehmen.
Abseits seiner Fähigkeiten zeichnet sich der ambivalente Charakter Marty Mausers vor allem durch negative Eigenschaften gepaart mit unbedingtem Siegeswillen aus. In einer Welt, die gegen ihn zu sein scheint, müsse es ihm erlaubt sein, seinen Platz einzufordern und zu erkämpfen, koste es, was es wolle. Selbst legitimiert durch Gabe und Willen jagt Mauser sein flüchtiges Ziel. Während ihm zunehmend der Boden unter den Füßen wegbricht, manifestiert und idealisiert er den Sieg in Japan als einziges sinnstiftendes Element seines Lebens und wird dadurch blind gegenüber seinem Umfeld. Abseits der Tischtennisplatte ist Marty Supreme nicht nur der Einblick in die fast wahnhafte Psyche eines jungen Profisportlers, sondern gleichzeitig eine Liebeserklärung an das New York der 50er Jahre.
Figuren im Flair der 50er
Eine der vielen Stärken von Marty Supreme liegt in Safdies Charakterzeichnung. Jede Figur rund um Marty bekommt genug Raum, um eine eigene Identität zu entwickeln. Über Tischtennis-Hustler, Geschäftsleute, Freunde und Gangster sind es die Nebencharaktere, die ein authentisches Bild eines New Yorks der Nachkriegszeit zeichnen. Der Zeitgeist der 50er Jahre mit wirtschaftlichem Aufschwung und generellem Optimismus findet sich parallel dazu prominent im Wesen des Protagonisten wieder. Marty Supreme ist fast ausschließlich figurengetrieben. Die Handlung des Films ergibt sich aus den Konflikten zwischen den Figuren; frei nach dem Motto „Show, don’t tell“ ist die Exposition subtextuell und demnach organisch eingeflochten. Im Mittelteil des Films gibt es einzelne repetitive Handlungselemente, die kaum mehr zur Etablierung von Martys Persönlichkeit beitragen. Dank des ansonsten rasanten Erzähltempos und des pointierten, sehr bissigen Humors des Films ist Marty Supreme trotz einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden durchgehend kurzweilig.
Absichtlich Anachrom
Für seine ikarische, fiktionalisierte Biografie bricht Josh Safdie mit seiner Präferenz für ein kontemporäres Setting. Marty Supreme ist gleichermaßen eine Liebeserklärung an das New York der 50er Jahre wie eine Charakterstudie. Die inhärente Ambivalenz Marty Mausers findet sich in Safdies inszenatorischen Entscheidungen wieder. Die Filmmusik besteht hauptsächlich aus Liedern der 80er Jahre und bricht damit bewusst mit der zeitlichen Verortung der Handlung. Ein weiterer Anachronismus, in dem Marty Supreme bewusst mit vergleichbaren Period-Pieces bricht, ist Daniel Lopatins moderne, schnelle Kameraarbeit, gestützt durch sehr dynamischen Schnitt.
Timothée Chalamet ist Marty Mauser. Passend zu seiner Hybris auf der Jagd nach seinem ersten Oscar liefert er als Marty Mauser eine schauspielerische Ausnahmeleistung. Trotz des moralisch ambivalenten Charakters des Protagonisten ist es Chalamets Charme, der Zuschauern mühelos eine widerwillige Sympathie abgewinnt. Darüber hinaus brilliert der Rest des Ensembles. Neben Gwyneth Paltrow sind es vor allem Kevin O’Leary, Tyler The Creator und Abel Ferrara, die ohne schauspielerische Ausbildung exzellent spielen und dem Handlungsrahmen die nötige Authentizität einhauchen.
OT: „Marty Supreme“
Land: USA
Jahr: 2025
Regie: Josh Safdie
Drehbuch: Josh Safdie, Ronald Bronstein
Musik: Daniel Lopatin
Kamera: Darius Khondji
Besetzung: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A’zion, Kevin O’Leary, Tyler Okonma, Abel Ferrara, Fran Drescher
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