
Der abgehalfterte Kleinganove Jos (Fedja van Huêt) wurde in eine Familie von Verlierern geboren. Als einer seiner Vorfahren (ebenfalls: Fedja van Huêt) beim Torfstechen in der Peel-Region Limburgs einen Goldhelm aus der Römerzeit findet, macht er den Schatz nicht etwa zu Geld, sondern verbuddelt ihn in seinem Vorgarten. Jos‘ Vater Lei (Michiel Kerbosch) gräbt bis heute erfolglos danach. Jos‘ Bruder Hendrik (Georg Friedrich), ein Ex-Junkie, haust in einem Wohnwagen. Und auch Jos hat schon bessere Tage gesehen. Um seine Schulden zu begleichen, lässt er sich auf einen Deal ein, den Özgür (Sezgin Güleç), sein ungeliebter Schwiegersohn in spe, mit ein paar deutschen Türken eingefädelt hat. Doch der Deal geht schief, eine Tasche Bargeld geht flöten und der Versuch, die Scheine wiederzubeschaffen, mündet in einen Roadtrip, der Jos und Özgür unter anderen zu einem wunderlichen Weingutsbesitzer (David Kross) und einer noch wunderlicheren Waffenhändlerin (Chris Nietvelt) führt.
Durchgeknallte Donquichotterie
Schon mit seinem Spielfilmdebüt erregte Michiel ten Horn Aufmerksamkeit. Nachdem De ontmaagding van Eva van End unter dem internationalen Titel The Deflowering of Eva van End im September 2012 beim Toronto International Film Festival (TIFF) uraufgeführt wurde, kürte ihn das US-Branchenblatt Variety zu einem der zehn europäischen Regisseure, auf die man achten sollte. Die Gründe dafür lassen sich allein schon an der Bildsprache dieses Erstlings ablesen. Denn der 1983 geborene Filmemacher findet für sein rabenschwarzes Familiendrama Kompositionen, die so außergewöhnlich und bisweilen einzigartig aussehen, dass sie sich umgehend ins Gedächtnis einbrennen.
Zwei Kinofilme und eine Netflix-Serie später besinnt sich ten Horn auf seine Ursprünge. Zwar hat der Niederländer sein Heimatland filmisch nie verlassen, mit Fabula setzt er jetzt aber seiner von Hochmooren geprägten Herkunft „ein filmisches Denkmal“, wie er selbst sagt. „Ich bin in der Peel-Region Limburgs aufgewachsen, umgeben von guten Geschichtenerzählern“, erinnert er sich. „Die katholische Kirche sprach von Gut und Böse, die Witte Wieven spukten in den Sümpfen, und während des Karnevals verwandelte sich alles.“ Von einer „Karnevalisierung“ der Verhältnisse, ganz im Sinne des russischen Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin (1895–1975), ließe sich auch in ten Horns Film sprechen. In der selbst ernannten „filmische[n] Odyssee durch Limburg“ geht es aber nicht nur karnevalesk und grotesk zu, sondern auch „bewusst opernhaft und opulent“.
Fabelhafte Fabulierlust
Ten Horns neuer Film wird seinem Titel gerecht. Fabula ist eine fantastisch angehauchte Geschichte übers Gewinnen und Verlieren, über irrwitzige Zufälle, die unerbittliche Ironie des Schicksals und die Kraft der Erlösung. Allein schon das lohnt einen Kinobesuch. Michiel ten Horn bietet jedoch noch mehr, denn er hat auch eine absurde Komödie über die Fabulierkunst gedreht, die zur großen Freude des Publikums ihre unbändige Fabulierlust in alle erdenklichen Richtungen sprießen lässt. In den verschachtelten, von einem Erzähler aus dem Off dargebotenen Kapiteln treffen die zwei an Don Quichotte und Sancho Panza erinnernden Hauptfiguren auf weitere Geschichtenerzähler, die ihnen abstruse Storys auftischen. Sowie auf fabelhafte Bildräume, wie sie nur das Kino eröffnen kann. Dann tut sich unter dem Vereinsheim eines Schützenklubs ein verwinkeltes Höhlensystem auf, in dem eine rüstige Waffenhändlerin ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat oder das Anwesen eines sinisteren Winzers geht während einer hausinternen Rebellion in Flammen auf. Man muss es mit eigenen Augen gesehen haben, um die Absonderlichkeiten zu glauben, die ten Horn hier auffährt.
Für den Massengeschmack dürfte all das zu viel des Guten sein. Denn man könnte dem Film vorwerfen, dass die episodenhafte Handlung zu sehr zerfasert. Der Roadtrip der zwei tumben Toren wird aber nicht nur von den überzeugenden Darbietungen von Fedja van Huêt, der gleich fünf Rollen spielt, und Sezgin Güleç sowie den mit David Kross und Georg Friedrich toll besetzten Nebenrollen zusammengehalten. Es sind gerade die vielen kleinen, durchweg originellen Einfälle, die so sehr begeistern, dass sie manch holprige Stelle glattbügeln. Sie fangen beim buckligen Vater des Protagonisten an, der die Welt nur durch einen umgehängten Spiegel sehen kann, was der Handlung als Running Gag und Comic relief dient, und enden bei der Idee, als das Auto der vom Pech verfolgten Glücksritter nur noch rückwärts fahren kann, auch erzählerisch den Rückwärtsgang einzulegen.
OT: „Fabula“
Land: Niederlande, Deutschland, Belgien
Jahr: 2025
Regie: Michiel ten Horn
Drehbuch: Michiel ten Horn
Musik: Djurre de Haan
Kamera: Robbie van Brussel
Besetzung: Fedja van Huêt, Sezgin Güleç, Anniek Pheifer, Georg Friedrich, David Kross
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