Ein junger Mann aus gutem Hause
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Ein junger Mann aus gutem Hause

Ein junger Mann aus gutem Hause
„Ein junger Mann aus gutem Hause“ // Deutschland-Start: 19. Januar 2026 (arte)

Inhalt / Kritik

In einer Szene aus Paul Thomas Andersons Boogie Nights beschreibt der Erotikfilmregisseur und -produzent Jack Horner, gespielt von Burt Reynolds, seinen Traum von der Zukunft. Nach der Blütezeit, welche die gesamte Erotikfilmindustrie in den 1970ern und 1980ern erlebt hatte, stellt er eine gewagte Vision vor, nach der sich Menschen seine Filme nicht mehr wegen der Sexszenen ansehen, sondern wegen der Geschichte und der Figuren. Diese Vision ist durchaus keine fixe Idee des Drehbuchautors, denn in den 1970ern sah es auch in Europa tatsächlich so aus, als würde der Pornofilm salonfähig werden. In Frankreich etwa trugen eine Vielzahl verschiedener Faktoren zum „Porno Chic“ bei – einer Zeit, in der pornografische Inhalte gesellschaftlich akzeptiert schienen und Teil der Popkultur wurden. Auch Autorenfilmer wie Jean-Luc Godard oder Walerian Borowczyk zeigten teils sehr explizite Sexszenen in ihren Produktionen. Auch wenn im Nachhinein nicht alles an dieser Bewegung erstrebenswert war, trug sie maßgeblich dazu bei, dass Sexualität und Pornografie nicht mehr länger ein Tabu blieben – zumindest so lange, bis in den 1980ern durch die Kommerzialisierung der Filmindustrie sowie die AIDS-Epidemie die Zensur wieder Einzug hielt und Pornofilme in die „Schmuddelecke“ der Videotheken verbannt wurden.

Von daher ist es nicht überraschend, dass die Biografie eines ehemaligen Sexfilmdarstellers wie Claude Loir auch eine Geschichte dieser Zeit ist. Trotz seiner bürgerlichen Herkunft wirkte er wegen seines gepflegten, fast aristokratischen Aussehens wie ein „junger Mann aus gutem Hause“ und wurde in entsprechenden Rollen in zahlreichen Pornos besetzt. Neben vielen anderen Darstellern wurde Loir zu einem Aushängeschild des „Porno Chic“, geriet jedoch nach dessen Ende schnell in Vergessenheit. Er wurde zu einer Randerscheinung, einem Außenseiter, der sich auch durch eigenes Fehlverhalten aus dem kulturellen Gedächtnis seiner Heimat verbannte. In der Dokumentation Ein junger Mann aus gutem Hause, die am 19. Januar 2026 auf arte zum ersten Mal im deutschen Fernsehen zu sehen sein wird, kommt Regisseur Sébastien Lifshitz mit Loir ins Gespräch über dessen Leben, seine Familie, seine Filme sowie seine Homosexualität. Vom Sender beschrieben als „einfühlsames Porträt eines Hedonisten ohne Furcht und Reue“, ist Ein junger Mann aus gutem Hause vor allem als Bild einer sehr kurzlebigen Zeit interessant, in der ein Umdenken über Sexualität und deren Tabuisierung möglich war. Loir erscheint als Mensch, der stets auf der Suche war nach dem, „was möglich ist“, und sich für Verbote nicht interessierte.

Ein entdeckenswertes Leben

In seiner Jugendzeit macht sich Claude Loir eines Tages auf in das etwa hundert Kilometer entfernte Toulouse. Ohne jemandem Bescheid zu geben, aber fest entschlossen, endlich den kleinbürgerlichen Mief seines Heimatdorfes hinter sich zu lassen, will er die Stadt entdecken. An einem öffentlichen Pissoir hat er eine erste verheißungsvolle Begegnung mit einem Mann, der ihn intensiv ansieht. Er ist nicht hundert Kilometer für nichts gefahren, sagt er sich immer wieder, und lässt sich auf die Begegnung ein – doch sie kommt zu einem für ihn erfreulichen, aber abrupten Ende.

In seinen Erzählungen beschreibt Loir dem Zuschauer ein für ihn „entdeckenswertes“ Leben, dessen Möglichkeiten mehr einen Reiz als eine Gefahr darstellten und denen er sich – manchmal etwas unbedarft – stellen wollte. Loirs Geschichte steht exemplarisch für eine Biografie, die sich von den Werten der Elterngeneration lossagen und das Neue entdecken (und erleben) will, sodass es ihn von einer Station zur nächsten treibt. Es ist ein facettenreiches, abenteuerliches und spannendes Leben, in dem seine Tätigkeit in der Sexfilmindustrie lediglich ein Kapitel darstellt – auch wenn es sicherlich das schillerndste ist.

Durch die Verbindung von Loirs Beschreibungen mit entsprechendem Archivmaterial zu den gesellschaftlich-politischen Umwälzungen Frankreichs jener Zeit verweist Lifshitz stets auf einen größeren Kontext. Ein junger Mann aus gutem Hause wird zur Geschichte eines Augenblicks, in dem vieles möglich schien – geschildert aus einer manchmal humorvollen, aber auch sehr melancholischen Perspektive. Loir und Lifshitz unterschlagen keineswegs das plötzliche Ende dieser Zeit, die Fallgruben einer oftmals von Hyänen dominierten Industrie sowie die persönlichen Verluste. Wenn Loir dann auf jene Landschaft blickt, die er einst wegen des Abenteuers in Toulouse verlassen hatte, bleibt die Frage, was nun bleibt von den Entdeckungen und Eskapaden. Vielleicht liegt die Antwort weniger in den Aussagen Loirs als in dem Bild eines Mannes, der mit seiner neuen Liebe in Tunesien telefoniert.

Credits

OT: „Un jeune homme de bonne familie“
Land: Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Sébastien Lifshitz
Musik: Leonardo Ortega, Jérémie Arcache
Kamera: Paul Guilhaume

Bilder

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Ein junger Mann aus gutem Hause
fazit
„Ein junger Mann aus gutem Hause“ ist die Geschichte des Pornodarstellers Claude Loir sowie der kurzlebigen Phase des „Porno Chic“ in Frankreich. Regisseur Sébastien Lifshitz verbindet die Erzählungen Loirs mit dem gesellschaftlich-politischen Kontext der 1960er und 1970er Jahre, sodass eine Erzählung über eine Zeit entsteht, in der für einen Moment vieles möglich schien.
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