
Nach seiner überstürzten Flucht von der sicheren Insel Lindisfarne und vor seinem Vater gerät der allein umherziehende Spike (Alfie Williams) an Sir Jimmy Cristal (Jack O’Connell) und seine Jünger, seine sogenannten Finger. Unfreiwillig wird Spike Teil seines Kults und sieht sich gezwungen, seinen Anweisungen zu folgen und die Gräueltaten der Gruppe mitzutragen. Währenddessen intensiviert Dr. Ian Kelson (Ralph Fiennes) seine Forschungen bezüglich des Wut-Virus mithilfe eines unkonventionellen wie unverhofften Patienten, zu dem er nach und nach eine echte Bindung aufbaut.
Vertraute Vision, neuer Blick
Als inzwischen vierter Film des 28-Days-Franchise schließt 28 Years Later: The Bone Temple nahtlos an die Handlung des Vorgängers 28 Years Later von 2025 an. Danny Boyle zieht sich für die Fortsetzung in eine Produzentenrolle zurück und überlässt die Regie Nia DaCosta. Nach ihren letzten Projekten wie The Marvels und Hedda setzt sie die kreative Vision Boyles und Alex Garlands fort, wobei sie für 28 Years Later: The Bone Temple verglichen mit dem Vorgänger eine konventionellere Erzählstruktur wählt.
Postapokalyptisches Psychologie-Paradigma
Der während 28 Years Later noch prominentere Horror-Aspekt tritt weitgehend in den Hintergrund. Genretypische Stilmittel wie Jump Scares sind selten, dabei jedoch wirksam und pointiert. Gleichermaßen treten die zombieähnlichen Infizierten als stetige Bedrohung in den Hintergrund. Über die beiden parallel geführten Erzählstränge um Spike und Dr. Kelson verbindet DaCosta die Untersuchung der psychologischen und sozialen Dynamiken der Überlebenden mit schrittweiser Exposition bezüglich des Wut-Virus. Durch die Figuren des Alphas Samson und Sir Jimmy Cristal thematisiert 28 Years Later: The Bone Temple die Humanität vermeintlicher Monster sowie den moralischen Verfall des Menschen im postapokalyptischen Kontext.
Beide Erzählperspektiven spielen geschickt mit Parallelen und Ambivalenzen. Ein ganz zentrales Thema des Films ist dabei Einsamkeit in verschiedenster Form. In fast allen Figuren findet sich diesbezüglich eine Referenz, von Kelsons einfacher Isolation bis zu Spikes Entfremdung unter Vielen. Seine Entwicklung kreist trotz des Bruchs mit seinem leiblichen Vater erneut um Paternalismus. Jimmy Cristal sieht sich selbst als Vaterfigur seines Gefolges, während er seinerseits glaubt, der Sohn Satans zu sein. Im Kreis der Finger ist es Jimmy Ink (Erin Kellyman), die ihrerseits eine beschützerische Rolle für Spike einnimmt. 28 Years Later: The Bone Temple führt damit eines der grundsätzlichen Themen des Vorgängers fort, welches sich ebenso in der Handlung rund um Dr. Kelson wiederfindet. Ambivalent dazu illustrieren beide Perspektiven den Gegensatz zwischen Wissenschaft und Religion beziehungsweise Satanismus. Dr. Kelsons Überlebensphilosophie durch Forschung, Wissen und Empathie steht in direktem Kontrast zu Jimmy Cristals Kult, der sich vor allem durch Sozialdarwinismus und religiöse Legitimation prägt.
Klangfarben des Chaos
28 Years Later: The Bone Temple bedient sich einer konventionellen, zweispurigen Narrationsweise, welche sich im Lauf des Films zusammenfügt. Der strukturelle Bruch des Vorgängers bleibt damit aus. Abseits dieses vergleichsweise konservativen Ansatzes ist Nia DaCosta ausgefeilter und gleichzeitig pointierter in ihrer Art der Inszenierung. Hintergrundtöne der Natur werden immer wieder durch unerklärte, disruptive moderne Geräusche gestört. Gepaart mit visuellen Flashbacks setzt sich so nach und nach ein unbewusster Einblick in die Psyche eines prominenten Charakters des Films zusammen. Aber auch abseits kreativer Subtilität brilliert 28 Years Later: The Bone Temple, besonders während der zweiten Hälfte, als audiovisuelles Feuerwerk. Der musikalische Einsatz von Heavy Metal, speziell Iron Maiden, kontrastiert einmal mehr das dystopische Bild einer neuen Realität sowie den unterschwelligen sakralen Ton des Films.
Alfie Williams als Spike spielt gut und wächst langsam in seiner Aufgabe als Hauptdarsteller, muss sich aber der Erfahrung und Qualität von Jack O’Connell als Sir Jimmy Cristal und Ralph Fiennes als Dr. Kelson geschlagen geben. Beide glänzen bei der Darstellung ihrer ambivalenten wie exzentrischen Figuren. Besonders Fiennes findet dabei eine exzellente Balance zwischen wenig affektiertem, geerdetem Spiel und dem kompletten Gegenteil während des finalen Akts.
OT: „28 Years Later – The Bone Temple“
Land: USA
Jahr: 2026
Regie: Nia DaCosta
Drehbuch: Alex Garland
Musik: Hildur Guõnadóttir
Kamera: Sean Bobbitt
Besetzung: Ralph Fiennes, Jack O’Connell, Alfie Williams, Erin Kellyman, Chi Lewis-Parry, Emma Laird
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