Cela s'appelle l'aurore Morgenröte TV Fernsehen arte Mediathek
© Les Films Marceau

Morgenröte

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Inhalt / Kritik

Für Dr. Valerio (Georges Marchal) ist es ein großes Anliegen, sich um die Ärmsten in seinem Dorf zu kümmern – sehr zum Leidwesen seiner Frau Angela (Nelly Borgeaud), die sich von ihrem Mann vernachlässigt fühlt und das Leben in dem kleinen Dorf unerträglich findet. Unter den Patienten des Arztes ist auch die Frau von Sandro (Giani Esposito), einem einfachen Arbeiter, der als Gärtner für den Industriellen Gorzone (Jean-Jacques Delbo) arbeitet. Sein Einkommen reicht jedoch nicht für die Behandlung seiner von Tag zu Tag kränker werden Frau. Bei Gorzone stößt er mit seinen Bitten jedoch auf taube Ohren, die privaten Probleme interessieren den schwerreichen Arbeitgeber nicht – bis Sandros Verzweiflung zu groß wird …

Ein vergessenes Drama des großen Surrealisten

Den Namen Luis Buñuel verbindet man natürlich in erster Linie mit der Richtung des Surrealismus, zu dessen berühmtesten Vertretern er gehörte. Das bedeutet jedoch nicht, dass der spanische Regisseur immer nur in anderen Sphären schwebte und mit seltsamen Bildern hantierte. Stattdessen befasste er sich in seinen Filmen immer wieder auch mit der Gesellschaft und diversen Faktoren darin, die seiner Meinung nach nicht funktionierten. Das konnte mit surrealen Elementen verbunden sein, wie bei Der diskrete Charme der Bourgeoisie (1972), einem der bekanntesten Werke in seiner Filmografie. Deutlich geerdeter ist hingegen Morgenröte aus dem Jahr 1956, das inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Tatsächlich ist der Film in Deutschland nie offiziell erschienen. Lediglich im Fernsehen kann man ihn dann und wann sehen.

Sehenswert ist das Drama jedoch, und sei es nur um die starke moralische Komponente, die man immer wieder in Filmen von Buñuel sah, auch einmal in ihrer reinen Form anschauen zu können. Die Geschichte von Morgenröte ist recht schlicht. Wir folgen dem Arzt Valerio, wie er sich um andere Menschen kümmert und dabei seine eigene Frau vernachlässigt. Ein typischer Gutmensch, der vor lauter Arbeit das Leben ein wenig vergisst. Die Charakterisierung ist natürlich nicht die interessanteste. So wahnsinnig viel hat der Film über seinen Protagonisten nicht zu sagen. Gleiches gilt für die anderen Figuren. Der böse Industrielle wird beispielsweise nur dadurch beschrieben, dass Geld und Vergnügen ihm wichtig sind, Menschen nicht. Viel mehr als das bekommen wir nicht zu sehen.

Böses moralisches Dilemma

Spannender ist da schon das moralische Problem, mit dem sich Valerio später beschäftigen muss. Ohne zu viel vorab verraten zu wollen, geht es darum, eine Entscheidung zu treffen, die gravierende Folgen haben wird – für ihn selbst wie auch andere. Das Gemeine daran ist, es bei Morgenröte keine Möglichkeit gibt, die man wirklich als gut und richtig bezeichnen würde. In Form eines typischen Dilemmas gibt es bei der Adaption des Romans von Emmanuel Roblès am Ende auf jeden Fall Verlierer. Zwar lässt Buñuel keinen Zweifel daran, welche der beiden Entscheidungsoptionen er für die richtige hält. Zu offensichtlich ist, wem da die Sympathie gilt. Er verheimlicht aber nicht, welches Preis diese Option beinhalten könnte, was für eine entsprechende Spannung sorgt. Bis zum Schluss bleibt offen, was genau passieren wird.

Eindeutig ist dafür, dass der Film eine Gesellschaft angreift, bei der es immer nur auf den eigenen Vorteil ankommt. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es in Morgenröte nur Leute, die sich nicht für andere scheren. Dass die Geschichte in einem kleinen Ort spielt, wo jeder jeden kennt, ändert nichts daran, dass der Zusammenhalt recht gering ist. Vor allem die starke Trennung zwischen denjenigen, die alles haben, und denjenigen, die kaum über die Runden kommen, fällt stark ins Auge und gibt dem Drama eine erschreckend aktuelle Note. Zwar mögen seit dem Dreh bald sieben Jahrzehnte vergangen sein. Inhaltlich wäre das aber heutzutage ebenso möglich gewesen.

Credits

OT: „Cela s’appelle l’aurore“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 1956
Regie: Luis Buñuel
Drehbuch: Luis Buñuel
Vorlage: Emmanuel Roblès
Musik: Joseph Kosma
Kamera: Robert Le Febvre
Besetzung: Georges Marchal, Lucia Bosé, Julien Bertheau, Jean-Jacques Delbo, Simone Paris, Robert Le Fort, Nelly Borgeaud, Giani Esposito

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Morgenröte
Fazit
„Morgenröte“ ist ein zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Drama von Luis Buñuel über einen Arzt, der in eine moralisch schwierige Situation gerät. Die Figurenzeichnung ist überschaubar. Als Anklage gegen eine auf Selbstsucht ausgerichtete Gesellschaft funktioniert der Film aber auch viele Jahrzehnte später noch.
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