I’m Still Here
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I’m Still Here

I’m Still Here
„I’m Still Here“ // Deutschland.Start: 11. August 2011 (Kino) // 13. Januar 2012 (DVD/Blu-ray)

Inhalt / Kritik

Die Mockumentary (fiktionaler Dokumentarfilm) folgt Joaquin Phoenix, dem 2009 bereits wohlbekannten Schauspieler, der bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung Reportern erzählt, dass er die Schauspielerei an den Nagel hängen möchte, um eine musikalische Karriere zu beginnen – er will Hip-Hop-Künstler werden. Außer wenigen Eingeweihten, unter anderem Casey Affleck, der zusammen mit Phoenix für das „Drehbuch“ verantwortlich zeichnet, wissen weder Prominente noch die Presse, was hier wirklich vorgeht. Mit Casey Affleck als Regisseur begleitet man Phoenix‘ merkwürdige, geschauspielerte Reise durch Alkoholeskapaden, Recording- und Songwriting-Sessions bis hin zu tatsächlichen Auftritten an Veranstaltungsorten in Vegas. Sogar Musiker und Rapper Sean Combs, besser bekannt als P. Diddy oder Puff Daddy, soll als Produzent für Phoenix‘ erste Platte angeheuert werden.

Gut gealtert?

Der mehr als merkwürdige Film aus dem Jahr 2010 wirkt zugegebenermaßen ziemlich real, doch ist man sich als Zuschauerin oder Zuschauer im Kinosessel oder zu Hause auf der Couch natürlich inzwischen darüber bewusst, dass es sich hier um einen konzipierten und daher fiktiven Film handelt. Im Jahr 2022 büßt der Film dadurch viel seiner Schlagfertigkeit ein und kann nicht mehr als große Überraschung wahrgenommen werden – zu viel ist über den großen Joaquin Phoenix bekannt, erst recht nach seiner Ehrung mit dem Golden Globe und Academy Award für seine Arbeit in Joker. Die Prämisse ist dennoch spannend, denn schon damals war Phoenix ein profilierter Darsteller von großer Bekanntheit und auf dem Weg einer der bekanntesten Schauspieler zu werden. Method Acting und verschiedenste, anspruchsvolle Rollen gehörten schon 2009 fest zu seiner künstlerischen Komfortzone. Umso aufregender die Entscheidung des jüngeren Affleck-Bruders und Phoenix, das alles umzuwerfen und seinen Weggang aus dem vertrauten Berufsfeld der Schauspielerei zu verkünden und medienwirksam zu dokumentieren.

Parodie des Klischee-Rappers

Wer jetzt denkt, man würde diesen Dokumentarfilm wie einem Behind-The-Scenes hinter dieser spaßigen Farce schauen, täuscht sich. Überraschend ernst und extrem ist diese Mockumentary, verlangt von Phoenix sehr offensichtlich tatsächlich einiges ab, schauspielerisch gesehen. Intim zeigt er sich in Unterwäsche, mit nacktem Oberkörper und konstant glühender Zigarette von seiner ungesundesten und vielleicht klischeehaftesten künstlerischen Seite. Das alles fügt sich gut ein in die übertriebene Darstellung des Künstler- bzw. Rapper-Daseins – die Überzeichnung ist hier klares Stilmittel der Parodie, denn genau das ist die Mockumentary in diesem Fall. Auch wenn der gewisse Punch, den dieses Werk 2010 sicherlich in sich hatte, heutzutage abgeklungen zu sein scheint, so gibt es in gewisser Weise eine Art Revival des Films zu bemerken. Denn wie der Joker als soziale Studie unserer toxischen Gesellschaft bereits den gierigen Sensations-Journalismus und die damit verbundene tragische Belustigung auf Kosten anderer, ohne Weitsicht auf die Betroffenen, kritisierte, so wirkt dieser Film wie ein Prequel dazu.

Toxische Medienkultur

Die Medien machen sich von Anfang an über Joaquins Plan lustig, ohne wirklich sicher zu wissen, dass es sich nur um ein soziales, filmisches Experiment handelt. Die Art und Weise, wie gerade amerikanische Nachrichtensprecher und Kommentatoren sich wortgewandt-wirkend ausdrücken möchten, trägt immer einen gar nicht so subtilen Unterton aus Hohn und Fremdbelustigung in sich. Zuschauerquoten, Unterhaltung, auch bei ernsten oder zumindest ernstzunehmenden Themen zählen als höchstes Gut. Gerade im Kontext der Talk-Show-Interviews, die Phoenix im Umfeld des Joker-Kinostarts gegeben hatte, ist dies bittere Realität, war der Film doch diese ernste und auch erschreckend realistische Studie unserer toxischen Medienkultur. Doch was war den Hosts am wichtigsten? Richtig, Unterhaltung, Humor und vor allem Lacher aus dem Studiopublikum. Das nährt dieses Format ohne Rücksicht auf Gefühle oder Intentionen der Künstler auf dem Gästesessel.

Unangenehme Real-Fiktion

Auch wenn es sich in der Szene aus I’m Still Here in David Lettermans Show sehr ähnlich verhält, ist diese Wirkung eher eine Beobachtung, die aus aktueller Sicht möglich ist. Dennoch zeigt das, dass Teile dieses Films von 2010 gut gealtert sind und immer noch relevant sind, sollte man sich darauf einlassen und den Kontext miteinbeziehen. Leider treibt das Gesamtwerk nur so vor sich hin, auf Drogen- und Alkoholklischees eines Wannabe-Artists folgen merkwürdige Szenen in einem Hotelzimmer, in denen Phoenix herablassend Prostituierte und Stripperinnen online aussucht und bewertet, bis er schließlich zwei auf sein Zimmer bestellt. Es ist ein unangenehmes Zusehen, denn man weiß nie sicher, wer hier eingeweiht ist, was ist Schauspiel für den einen und Realität für den anderen in diesen fiktiv-realen Situationen. Denn nur, weil eine Kamera aufzeichnet, ist die Wirklichkeit nicht automatisch abwesend.

Klar ist aber, dass Affleck und Phoenix den Nagel auf den Kopf treffen, wenn es um die Möchtegern-Szene des Künstler-, oder hier spezifischer, des Rapper-Daseins geht. So, wie Phoenix hier zu lernen scheint, Respekt vor sich selbst und anderen Menschen oder Dingen zu verlieren, scheinen auch viele Newcomer damals wie auch heute den Hip-Hop und den damit verbunden Ruhm zu sehen.

Noch ein Klischee-Tattoo ohne Überzeugung oder Grills aus nicht authentischer Image-Pflege muss die Welt nicht erleben.

Credits

OT: „I’m Still Here“
Land: USA
Jahr: 2010
Regie: Casey Affleck
Drehbuch: Casey Affleck, Joaquin Phoenix
Musik: Marty Fogg
Kamera: Casey Affleck, Magdalena Górka
Besetzung: Joaquin Phoenix, Antony Langdon, Casey Affleck, Sean Combs, Larry McHale, Ben Stiller

Bilder

Trailer

Filmfeste

Venedig 2010
Toronto International Film Festival 2010

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I’m Still Here
Fazit
Wer mit dem Mockumentary-Stil US-Comedy-Serien wie "The Office" oder "Parks & Recreation" assoziiert muss hier einen schnellen Realitätscheck vollziehen. Das ernste und auch unangenehme Projekt zieht sich etwas, und auch der subjektiv schlechte Rap bei Live-Performances ist kaum lustig, sondern bleibt dramaturgisch ernst und ein Rückschlag für Phoenix. Das Schauspiel des vielseitigen Protagonisten ist hier das Highlight, scheint er doch sogar seine eigenen, nicht eingeweihten Kollegen damit hinters Licht zu führen.
Leserwertung1 Bewertung
5.6