Inhalt / Kritik

La Fine fleur The Rose Maker Der Rosengarten von Madame Vernet

„Der Rosengarten von Madame Vernet“ // Deutschland-Start: 9. September 2021 (Kino)

Von Kindheit an war das Leben von Eve Vernet (Catherine Frot) von Blumen bestimmt. Schon ihr Vater war in der Kunst der Rosenzüchtung bewandert, die Tochter übernahm später erfolgreich den Familienbetrieb. Doch die Hochphase liegt inzwischen eine ganze Weile zurück, ihr Geschäft rutscht immer mehr in die Krise, ihr Konkurrent Constantin Lamarzelle (Vincent Dedienne) drängt sie dazu, ihm den Laden zu überlassen. Es fehlt ihr auch an dem notwendigen Geld, um noch wirklich oben mitmischen zu können. Und so muss sie dann irgendwann auf die Hilfe von Samir (Fatsah Bouyahmed), Nadège (Marie Petiot) und Fred (Melan Omerta) vertrauen, die im Rahmen eines Resozialisierungsprogramms zu ihr kommen. Von Blumen haben sie zwar keine Ahnung. Doch dafür haben sie anderweitig Talent. Und dieses Talent will Eva nutzen, um Lamarzelle eine wichtige Blume für ihre Züchtung zu klauen …

Auf der Jagd nach einer Blume

Wenn in Heist Movies Banden irgendwelche ausgeklügelten Pläne ausbaldowern, dann geht es normalerweise darum, wertvollste Gegenstände zu klauen, sei es Schmuck, Kunst oder auch der schnöde Mammon. Alles, was eben reich macht. Allein deshalb schon muss man Der Rosengarten von Madame Vernet mögen. Geld hat hier keiner, auch keine anderen Wertgegenstände im klassischen Sinn. Es ist auch nicht so, dass der Plan, der hier zum Einsatz kommt, einen vergleichbar staunen lässt, wie es bei großen Hits à la Ocean’s Eleven der Fall war. Stattdessen tun sich hier eine Gruppe von Verlierern und Verliererinnen zusammen, um gemeinsam eine besondere Rose zu stehlen und so die eigene Zucht aufzupeppen. Nicht unbedingt das, was man als Jahrhundertraub bezeichnen würde.

Und als wäre das nicht schon komisch genug, hat Regisseur und Co-Autor Pierre Pinaud eine Reihe leicht skurriler Figuren versammelt, die unter normalen Umständen eigentlich nie zusammengefunden hätten. Die auch nicht unbedingt zusammenpassen. Gerade zu Beginn nutzt Der Rosengarten von Madame Vernet diese Kontraste auch ganz gern für eine Art Culture-Clash-Humor. Denn wenn die feinsinnige, aber doch altmodische Welt der Blumenzucht auf verurteilte Verbrecher und Verbrecherinnen stößt, dann kann das erst einmal alles nicht klappen. Die von der wunderbaren Catherine Frot (Unter den Sternen von Paris, Die letzten Tage der Menschheit) gespielten Eve verzweifelt an dem Trio, dem jeder Sinn für ihre Arbeit fehlt. Die drei wiederum dürfen sich wundern, warum die da vorne denn so umständlich und verkrampft ist.

Die obligatorische Annäherung

Dass sich diese unvereinbaren Seiten mit der Zeit näherkommen werden, ist dabei keine besonders große Überraschung. Wie das bei solchen Culture-Clash-Komödien nun einmal so ist: Nach einer längeren Anfangsphase, bei der es schon mal ein bisschen krachen darf, lernt man sich gegenseitig kennen und schätzen. Aus Zweckgemeinschaften werden Freundschaften. Der Rosengarten von Madame Vernet bewegt sich an diesen Stellen nicht weit weg von dem bewährten Pfad der Wohlfühlunterhaltung. Bei all dem Chaos, das hier geschieht – und es ist eine Menge Chaos, das Pinaud seinen Figuren da abringt –, ist der Weg zum Ziel relativ klar vorgezeichnet. Es kommt nur mitunter vor, dass dieses Ziel mit der Zeit etwas umplatziert werden muss.

Eine der zentralen Fragen in dem Film ist nämlich: Worauf kommt es im Leben wirklich an? Eve muss natürlich alles einmal überdenken, nachdem ihre bisherige Vorgehensweise nicht mehr zukunftstauglich ist. Die drei Kriminellen, die dank ihr eine neue Chance im Leben haben, dürfen sich neu ausprobieren und überlegen, wie es mit ihnen weitergehen soll. Und zumindest am Rande spricht Der Rosengarten von Madame Vernet ein paar ganz allgemeine Themen an, die über ihre Protagonisten und Protagonistinnen hinausgehen. Da geht es um eine Wegwerfgesellschaft, um die Zwänge der Wirtschaftlichkeit, aber auch die Wertschätzung von etwas, das keinen pragmatischen Nutzen hat. Letzteres ist gerade in Zeiten der Corona-Krise, wenn Kultur und andere immaterielle Güter als entbehrlich betrachtet wurden, von erschreckender Aktualität.

Charmant und unterhaltsam

Viel Tiefgang sollte man an der Stelle dennoch nicht erwarten. Der Rosengarten von Madame Vernet setzt mehr auf Charme und Humor als auf ein schwerwiegendes Drama und existenzielle Fragen. Das heißt aber nicht, dass einem das Schicksal dieser Leute nicht zu Herzen gehen darf. Da wäre zum einen das immer wieder gern gesehene Motiv, wenn David gegen Goliath antritt und sich behauptet, welches das Publikum rühren darf. Gleiches gilt bei Figuren, die von allen schon aufgegeben wurden und nun etwas aus sich machen. Das ist gerade bei Samir ein wichtiges Thema, der mit der Zeit zu einer zweiten Hauptfigur wird. Tatsächlich ist es ein bisschen schade, dass die beiden anderen des Trios mehr Comic Relief sind und ihnen das Drehbuch eine ähnliche Entwicklung vorenthält. Aber wer das so auch nicht braucht, findet hier einen schönen Film, der gut tut und unterhält.

Credits

OT: „La Fine fleur“
IT: „The Rose Maker“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Pierre Pinaud
Drehbuch: Pierre Pinaud, Fadette Drouard, Philippe Le Guay
Musik: Mathieu Lamboley
Kamera: Guillaume Deffontaines
Besetzung: Catherine Frot, Melan Omerta, Fatsah Bouyahmed, Olivia Côte, Marie Petiot, Vincent Dedienne

Bilder

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Der Rosengarten von Madame Vernet
„Der Rosengarten von Madame Vernet“ erzählt von einer in die Krise geratenen Blumenzüchterin und drei Kriminellen, die zu unerwarteten Gehilfen werden. Das ist anfangs ein bisschen Culture Clash, im Mittelteil Heist Movie, zum Ende gibt es einen größeren Wohlfühlfaktor. Das geht nicht so richtig in die Tiefe, ist aber charmant und unterhaltsam.
7von 10
Leserwertung: (10 Votes)
5.7

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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