In Escape Room erzählte Adam Robitel von mehreren Leuten, die zu einer Ausgabe der gleichnamigen beliebten Freizeitaktivität eingeladen werden, dabei aber bald feststellen, dass da jemand ein tödliches Spiel mit ihnen spielt. Im Nachfolger Escape Room 2: No Way Out geht es für die Überlebenden in die nächste Runde, mit noch gemeineren und abwechslungsreichen Fallen. Zum Kinostart am 19. August 2021 haben wir uns mit dem Regisseur über seine eigenen Erfahrungen mit Escape Rooms, den Reiz brutaler Spiele und mentale Gefängnisse unterhalten.

Was hatte dich an der Idee von Escape Room gereizt? Warum wolltest du den Film und jetzt die Fortsetzung machen?

Mein erster Film The Taking of Deborah Logan handelte von einer Frau, die von einer übernatürlichen Macht besessen ist. Danach drehte ich Insidious: The Last Key und folgte damit James Wan, der ein Meister seines Faches ist und den niemand in seiner Disziplin schlagen kann. Deswegen wollte im Anschluss einen Genrefilm machen, bei dem es eben nicht darum geht, durch ein dunkles Haus zu schleichen, während dich irgendwelche Sachen anspringen. Solche Filme sind zwar großartig. Aber es gibt schon sehr viele in diese Richtung. Als ich gerade mit der Post Production von Insidious beschäftigt war, gab mir der Produzent das Drehbuch zu Escape Room. Ich muss gestehen, dass ich damals nicht einmal wusste, was ein Escape Room ist. Also habe ich mir über ein Wochenende zehn solcher Räume angesehen und war von manchen einfach überwältigt. Die sind mit so viel Liebe zum Detail gestaltet und visuell so stark. Du entdeckst einen Hinweis und dann geht ein Licht an, hinter dir findest du eine Karte, die du vorher nicht sehen konntest. Diese Räume haben so unglaublich viel Persönlichkeit. Deswegen war ich ganz aufgeregt, welches visuelle Potenzial ein Film haben kann, der nur aus solchen Escape Rooms besteht. Aber ich mochte auch die Geschichte und die Mystery-Elemente rund um diese riesige geheime Organisation. Und dann reizte mich noch die Herausforderung, Spannung zu erzeugen, ohne dafür auf Brutalität und Blut zurückgreifen zu müssen, da die Produzenten wollten, dass sich auch Jugendliche den Film anschauen können.

Und wie war das für dich, als du die Escape Rooms ausprobiert hast? Warst du gut darin?

Nein. Um ehrlich zu sein, war ich nicht besonders. Ich bin kein sehr logischer Mensch und ganz schlecht darin, irgendwelche Rätsel zu lösen. Ich habe mich dann auch damit begnügt, in der Stecke zu stehen und meiner Drehbuchautorin und ihrem Freund zuzusehen. Die waren dafür richtig gut darin. Für mich war es wichtiger, die Leute zu beobachten, um das dann später für den Film verwenden zu können. Hätte ich selbst mitspielen müssen, wäre ich definitiv schon im ersten Raum gestorben.

Zu Beginn des zweiten Teils heißt es, dass die Escape Rooms in der Tradition der Kämpfe im Colosseum stehen und dass die Leute scharf auf solche blutigen und brutalen Spiele sind. Denkst du, dass die Leute tatsächlich zusehen würden, wenn Leute sich durch Escape Rooms kämpfen müssten, in denen sie sterben können?

Es gibt für alles einen Markt in unserem kapitalistischen System. Dass die Leute sich gern brutale Kämpfe ansehen, das hast du auch heute schon. Da musst du dir nur UFC anschauen, um zu sehen, dass es diesen Durst nach solcher Unterhaltung gibt. Außerdem darfst du nie unterschätzen, was reiche Leute aus Langeweile alles tun. Wobei diese Blutrünstigkeit nicht nur dort vorhanden ist. Ich bin vor Kurzem an einer Unfallszene vorbeigekommen, ein wirklich verheerender Unfall mit völlig verbogenen Fahrzeugen, aus denen Rauch rauskam. Und da standen so viele Leute drumherum und wollten sich das anschauen. Es scheint also ein Teil der menschlichen Natur zu sein, dass sie so etwas sehen wollen. Würde ich mir solche Escape Rooms anschauen? Wahrscheinlich nicht. Aber ich befürchte, dass es genug gäbe, die es tatsächlich so wollten.

In Horrorfilmen gibt es solche brutalen Szenen ja auch, selbst wenn sie dort natürlich fiktiv sind. Worin liegt der Reiz solcher Filme?

Das Wort Horror leitet sich aus dem lateinischen Wort „horrere“ ab und beschreiben, wie sich einem die Haare sträuben. Das Genre selbst provoziert also eine körperliche Reaktion in dir. Horror ist in der Hinsicht auch das manipulativste Genre überhaupt und nutzt alle Tricks des Filmemachens. Ich glaube, dass es die Menschen letztendlich einfach lieben, sich in der Gruppe erschrecken zu lassen. Escape Room ist für mich zwar mehr ein Thriller als ein Horrorfilm. Aber bei echtem Horror fühlst du die Angst und hörst die Schreie der anderen. Deswegen hat es etwas sehr Kathartisches, sich mit anderen einen Horrorfilm im Kino anzusehen. Klar, du kannst ihn dir auch alleine bei dir zu Hause ansehen. Aber es geht eben dieses Gemeinschaftsgefühl verloren. Filme wie Escape Room sind deshalb auch fürs Kino gedacht, mit dem Sound Design und den großen Bildern. Ich vergleiche das immer mit einer Achterbahn. Dafür gehst du auch in einen Freizeitpark, wo du das mit anderen erleben und die Erfahrung teilen kannst. Das würdest du gar nicht in deinem Schlafzimmer haben wollen, selbst wenn du es könntest. Und das gilt eben auch für Kinoerlebnisse, die du gar nicht mit dem vergleichen kannst, was du zu Hause hast. Deswegen ist es so schade, dass das zunehmend verloren geht. Das Kino wird immer mehr von gigantischen Superheldenfilmen dominiert und die kleinen Horrorfilme oder auch mittelgroße Produktionen werden zu den Streamingdiensten abgeschoben.

Escape Room 2: No Way Out

Der Anfang eines echten Höllentrips: In „Escape Room 2: No Way Out“ wird wirklich alles zu einer tödlichen Falle. (© Sony Pictures)

Ein Punkt, der in Escape Room beeindruckt, ist die Vielfalt der Räume. Wenn du einen beliebigen Raum konzipieren könntest, wie würde der aussehen?

Ich hatte die Idee, dass die Figuren in einem Gang rauskommen und dort Raumanzüge finden, die sie anziehen, als Gas austritt. Und sobald sie diese Anzüge anhaben, verschwinden die Wände des Gangs und sie werden in die Schwerelosigkeit hinausgezogen, wo sie an einem falschen Raumschiff arbeiten müssen. Das sollte so aussehen, als wären sie im Weltraum, weit entfernt von der Erde. Ich habe etwas Ähnliches mal in einem Wissenschaftsmuseum in Boston gesehen. Das wäre aber für den Film zu teuer geworden. Wir hatten aber auch viele andere verrückte Ideen. Als ich nach seltsamen Arten gesucht habe, wie Menschen gestorben sind, habe ich von einem Fall in Boston erfahren, bei dem Leute durch Melasse gestorben sind. Damals war ein Tank auseinandergebrochen und die Melasse ist als Flut durch die Straßen geströmt und hat dabei zahlreiche Anwohner getötet. Das war also quasi Tod durch Zucker, was ziemlich morbide ist. Eine andere Idee orientierte sich an Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft und sah vor, dass alles zehnmal so groß ist wie normal. Die Figuren hätten zum Beispiel einen riesigen Stuhl raufklettern müssen. Ideen hatten wir also jede Menge. Nur waren die eben nicht immer zu finanzieren.

Escape Room 2 handelt nicht nur von den physischen Räumen, aus denen die Figuren entkommen müssen, sondern auch davon, wie Zoey ihrem psychischem Gefängnis entkommen kann. Zu diesem Zweck tut sie all die verrückten Sachen, die im wahren Leben nicht wirklich eine Option sind. Was kann man im realen Leben tun, um das zu schaffen?

Das ist eine Sache, mit der sich die Menschen seit Urzeiten beschäftigen: Wir sind die Gefangenen unserer eigenen Gedanken. Das gilt für viele, bei mir ist das nicht anders. Richtig übel wird es, wenn dir diese Grenzen bewusst werden. Die Idee, dass wir gar keinen freien Willen haben, sondern jede unserer Entscheidungen von irgendeiner übernatürlichen Macht beeinflusst oder manipuliert wird, wie Minos im Film, ist wirklich furchterregend. Weil du dann anfängst, alles zu hinterfragen. Das konntest du zuletzt auch in der Pandemie beobachten, in der wir alle so viel von der Freiheit aufgeben mussten, die wir für selbstverständlich genommen haben, und uns so hilflos fühlen. Es ist so leicht, in diesen Gedanken verloren zu gehen. Aber wie man da wieder rauskommt? Mit viel Marihuana vielleicht. Oder man macht es wie die buddhistischen Mönche, die versuchen, das eigene Ich hinter sich zu lassen. Es ist auf jeden Fall eine großartige und spannende Frage, auf die ich leider keine wirkliche Antwort habe. Ansonsten wäre ich sehr viel mehr Zen.

Du hast eben schon Minos angesprochen. Die Geschichte um sie erinnert mich an die vielen Verschwörungstheorien rund um angebliche geheime Organisationen, die im Hintergrund furchtbare Dinge tun. Worin liegt der Reiz solcher Verschwörungstheorien, dass gerade in den letzten Jahren so viele deswegen verrückt geworden sind?

Das stimmt. Und es wird immer schlimmer. Gerade bei uns in den USA ist das der Wahnsinn. Wir scheinen da wirklich in einer Post-Truth- und Post-Fact-World zu leben. Das ist auch sehr gefährlich. Die meinungsmachenden News haben buchstäblich die Hälfte unseres Gehirns an sich gerissen. Zu deiner Frage: Ich denke, dass die Menschen von Natur aus nach Mustern Ausschau halten, etwa Donner bedeutet Blitz oder Brüllen bedeutet Löwe. Durch diese Muster lernen wir mit der Welt umzugehen und uns in ihr zurechtzufinden. Und eben weil wir so sehr darauf ausgerichtet sind, neigen wir dazu, Muster zu sehen, wo es gar keine gibt. Als wir den Trailer von Escape Room veröffentlicht haben, war eine der ersten Reaktionen darauf ein 15-seitiger Essay über all die Symbole von Verschwörungstheorien, die wir verwendet haben. Dabei war das gar nicht so gedacht. Die Leute wollen grübeln, wollen sich mit etwas beschäftigen, wollen etwas lösen. Das können Kreuzworträtsel sein, die sich immer noch großer Beliebtheit erfreuen. Oder eben große Rätsel, die es eigentlich gar nicht gibt und die sich die Leute einbilden. Letztendlich steckt dahinter vermutlich die Sehnsucht, einen Sinn im Leben zu finden, gerade in Zeiten, in denen nichts mehr Sinn ergibt und wir uns in der Welt verloren fühlen. Und so geht es heute immer mehr Leuten. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Und wenn nichts mehr zu funktionieren scheint, dann findest du in solchen Erklärungen Trost, so unsinnig die auch sein mögen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Adam Robitel wurde am 28. Mai 1978 in Boston, Massachusetts, United States geboren. Erste filmische Erfahrungen sammelte er als Schauspieler, bevor er sich später auf das Schreiben und Regieführen konzentrierte. Sein Debüt war 2014 der okkulte Horrorfilm The Taking of Deborah Logan. Auch im Anschluss blieb er mit Paranormal Activity: The Ghost Dimension (2015), Insidious: The Last Key (2018) und Escape Room (2019) dem Genrekino treu. 



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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