Inhalt / Kritik

Wir alle Das Dorf

„Wir alle. Das Dorf“ // Deutschland-Start: 22. Juli 2021 (Kino)

Noch vor einigen Jahren schien die Entwicklung eine eindeutige Richtung zu verfolgen: Die deutschen Dörfer sterben aus, alle drängen sie in die Städte, was zahlreiche Probleme nach sich zieht – auf dem Land wie in der Stadt. Zuletzt hat es aber durchaus auch Gegenbewegungen gegeben, aus den unterschiedlichsten Gründen. Manche ziehen vielleicht wieder aus der Stadt in provinziellere Gebiete, weil die Mietexplosion gerade in den Metropolen ein menschenwürdiges Wohnen zunehmend unmöglich macht. Bei anderen sind es vielleicht die Ansprüche an ein mehr an Natur, welches zu einem Gesinnungswechsel geführt hat. Zuletzt kam noch der durch die Corona-Pandemie ausgelöste Trend zum Home Office, welcher es den Menschen erlaubt, eigentlich überall zu arbeiten.

Ein Blick auf eine mögliche Zukunft

Der Dokumentarfilm Wir alle. Das Dorf ist bereits vorher in Angriff genommen worden, als sich noch keiner hatte vorstellen können, wie sehr unser Leben in kurzer Zeit auf den Kopf gestellt würde. Relevant sind die in dem Film gestellten Fragen aber durchaus. Hier geht es eben nicht nur darum, dass ein paar wenige die Städte hinter sich lassen, um ein neues Leben als Dorfmensch zu beginnen. Stattdessen wird hier ein komplettes neues Dorf aus dem Boden gestampft. Mit dem Charme, die diese alten Ortschaften locken, kann es diese Konstruktion zwangsläufig nicht aufnehmen. Aber das ist auch nicht das Thema. Vielmehr handelt es sich um eine Art Sozialexperiment, welches darüber Auskunft geben soll, wie ein Zusammenleben in der Zukunft aussehen könnte.

Zu diesem Zweck wurde auch bei der Zusammensetzung der Bevölkerung nichts dem Zufall überlassen. Von vornherein wurde festgestellt, wer alles in dieses Dorf ziehen sollte: Ein Drittel setzt sich aus alten Menschen zusammen, ein Drittel aus jungen Menschen, das letzte Drittel aus Flüchtlingen. Auf diese Weise soll die demokratische Entwicklung berücksichtigt werden: Welche Folgen hat das für die Leute, wenn eine derart heterogene Gruppe auf engem Raum lebt? Funktioniert das? Und wenn nicht, was können wir aus dem Experiment lernen, um die Gesellschaft von morgen vorzubereiten? Gerade die Faktoren Überalterung und Zuwanderung sind schließlich nicht mehr aus Deutschland wegzudenken.

Ein Plan mit Hindernissen

Leider kommt der Film aber gar nicht so weit, dass das Zusammenleben bereits Rückschlüsse erlauben würde. Vielmehr begleitet Wir alle. Das Dorf die Menschen bei der Planung des Dorfes sowie während der Bauarbeiten. Konfliktpotenzial gibt es in dieser Phase aber auch schon genug. So kommt es zu Konflikten innerhalb der Gruppe. Klar: Wenn mehrere Hundert Leute an einem Projekt beteiligt sind und dabei gleichberechtigt sein sollen, wäre es illusorisch zu glauben, dass man sich immer einig ist. Da kann es auch schon mal zu Anfeindungen kommen, wenn jemand eine andere Meinung vertritt oder unterschiedliche Visionen davon hat, wie es weitergehen könnte.

Während diese wiederkehrenden Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe ein wenig zu erwarten waren, sind es vor allem die Streitigkeiten mit den bereits Ansässigen, die den Film immer wieder prägen. Als wäre es nicht schon schwierig genug, all die notwendigen Baugenehmigungen einzuholen, finden sich genug Leute, die noch zusätzlich Steine in den Weg legen. Wenn vom einen Moment zum nächsten eine Großbaustelle direkt vor deiner Nase entsteht, hält sich die Begeisterung verständlicherweise in Grenzen. Deswegen werden in Wir alle. Das Dorf alle möglichen Wege eingeschlagen, um das neue Dorf zu verhindern – und es sei es mit einem mehrere Hundert Seiten langen Antrag, den eine bedauernswerte Sachverständige in wochenlanger Arbeit durchgehen muss.

Faktor Mensch

So richtig viel Hoffnung auf die Zukunft macht der Dokumentarfilm, der im Wettbewerb des Filmfestivals Max Ophüls Preis 2021 lief, daher nicht, dass sich eine kooperative Gesellschaft kreieren lässt. Nur weil ein Gedanke schön ist, muss es das Ergebnis schließlich nicht sein. Interessant ist Wir alle. Das Dorf aber nicht nur als schon vorab zu scheitern drohendes Sozialexperiment, sondern auch wegen der menschlichen Komponente. Die Regisseurinnen Antonia Traulsen und Claire Roggan, welche das Projekt mehrere Jahre begleitet haben, haben sich einige wenige Protagonisten und Protagonistinnen aus der Gruppe herausgesucht, welche sie stellvertretend für die anderen besonders zu Wort kommen lassen. Mit der Zeit lernen wir diese dann immer mehr kennen, erfahren ihre Vorgeschichten, aber auch die jeweiligen Motivationen, warum sie in dem Dorf dabei sein wollen. Und selbst wenn das letzte Wort dabei nicht gesprochen ist, so ist es doch lohnenswert, ihnen dabei zuzuhören.

Credits

OT: „Wir alle. Das Dorf“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Antonia Traulsen, Claire Roggan
Drehbuch: Antonia Traulsen
Musik: George Kochbeck
Kamera: Claire Roggan

Bilder

Trailer

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Wir alle. Das Dorf
„Wir alle. Das Dorf“ begleitet ein groß angelegtes Sozialexperiment, indem ein neues Dorf errichtet wird, das sich aus Jungen, Alten und Flüchtlingen zusammensetzt. Leider reicht der Dokumentarfilm nicht bis zu der Zeit, in dem die Leute tatsächlich zusammenwohnen. Doch schon der holprige Weg dorthin liefert jede Menge interessanter Aspekte.
0ohne wertung

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort