In seinem Dokumentarfilm Vor mir der Süden nimmt uns Pepe Danquart mit auf eine Reise entlang der Küste Italiens. Dabei fährt der Regisseur dieselbe Route ab, die rund 60 Jahre zuvor sein italienischer Kollege Paolo Pasolini unternommen und in Texten kommentiert hat. Was hat sich seither geändert? Wie sieht das Italien von heute aus im Vergleich zu damals? Und welche der Beobachtungen Pasolinis sind für ein gegenwärtiges Publikum noch relevant? Anlässlich des Kinostarts am 1. Juli 2021 haben wir uns mit dem Filmemacher über sein Werk, sein Vorbild, aber auch seine eigenen Erkenntnisse unterhalten.

Wie sind Sie auf die Idee für Vor mir der Süden gekommen?

Ich wollte diese Reise schon immer einmal privat machen und entlang der Küste Italien abfahren. Irgendwann lief ich an einer Buchhandlung vorbei und da stand dieses Buch von Paolo Pasolini im Schaufenster. Da ich von Pasolini begeistert war und bin und fast alle seine Bücher habe, habe ich mir dieses sofort gekauft. Als ich es dann ein paar Wochen später aufgeschlagen habe, beschrieb er darin genau diese Reise, die ich immer machen wollte. Auf diese Weise wurde aus einer privaten Reise eine filmische Idee: Mit Pasolini entlang der Küste durch Italien zu fahren.

Der Text in diesem Buch ist inzwischen 60 Jahre alt. Was macht ihn heute noch relevant?

Diese Reisetagebücher noch einmal genauso abzufahren, wie er es damals gemacht hat, hat mir vor Augen geführt, wie prophetisch Pasolini war. Er hat den Massentourismus vorhergesehen. Er hat die Migrationsbewegung vorhergesehen, dass die Menschen aus Afrika nach Europa stürmen werden. Und er hat vorhergesehen, wie der Konsumismus die Gesellschaft verändern wird. Das alles macht den Text sehr relevant.

Wenn Sie das Italien von damals mit dem von heute vergleichen, was hat sich geändert?

Die Kleidung der Menschen. (lacht) Natürlich hat sich viel verändert und trotzdem ist alles gleich geblieben. Der Tourismus hat ganz andere Ausmaße angenommen mit seinen Menschenmassen. Und auch die Migration hat massiv zugenommen. Während es früher vor allem die Italiener aus dem Süden waren, die in den Norden gefahren sind, kommen heute die Leute von überall her. Europa versucht zwar, die Zugbrücke hochzuziehen und damit die Burg zu verteidigen. Aber die Menschen haben eben gesehen, was der Konsumismus zu bieten hat und wollen daran teilhaben. Ich konnte auf der Reise vieles entdecken, was Pasolini gesehen oder geahnt hat.

Wie würden Sie ganz allgemein das Italien von heute beschreiben?

In der Zeit, als Salvini in der Regierung war, war Italien sehr rassistisch – was es als Land aber eigentlich gar nicht ist. Der Film handelt nicht nur von Italien, sondern davon, wie die südeuropäischen Länder oder auch Europa im Allgemeinen sich finden müssen innerhalb der Verschiebung der Weltmächte. Die Länder würden in dieser Welt keine Rolle mehr spielen, wenn wir uns nicht zusammenfinden. Die Probleme, die in Italien auftreten, sind im Vergleich zu unseren noch einmal verschärfter, weil die wirtschaftliche Situation schlimmer ist. Die Abhängigkeit vom Tourismus, die Zerstörung durch die Kreuzfahrtschiffe, das steht stellvertretend für große Teile der Welt.

Wer eine so lange Reise plant, der muss schon als Privatmensch ziemlich viel vorbereiten. Bei Ihnen kam noch hinzu, dass Sie alles per Kamera festhalten wollten. Wie umfangreich waren die Vorbereitungen am Ende?

Tatsächlich hatte ich gar nicht so viel Zeit. Es musste aus verschiedenen Gründen sehr schnell gehen. Ich habe das dann auch gleich zum Prinzip erklärt und wollte mich einfach treiben lassen. Ich habe keine großen Recherchen vorher betrieben oder Leute kontaktiert. Alle Menschen, denen wir unterwegs begegnen, sind Zufallsbegegnungen. Ich hatte natürlich schon Orte im Kopf, die in dem Reisetagebuch beschrieben waren. Die Reiseroute stand also fest. Alles, was mir unterwegs begegnet und interessant war, beruhte dann auf meiner Erfahrung als Dokumentarfilmer, diesen Zufall dann auch dokumentarisch festzuhalten. Man kann ihn nicht planen. Man muss aber bereit sein, ihn in dem Moment zu filmen, wenn er geschieht. Denn ihn zu wiederholen geht nicht. Die fellinesken Situationen mit den Hafenarbeitern waren also ein reiner Glücksfall. Insofern war es schon eine recht anstrengende Reise, wie Sie richtig vermutet haben. Immer wachsam sein und reagieren können, die Augen offenhalten und dabei zu fahren, ohne etwas planen zu können. Ich wusste ja nicht einmal, wo ich täglich mit der Crew ende und wo ich ein Hotel für uns finden werde. Logistisch war das extrem schwer.

Wie groß war denn diese Crew, mit der Sie unterwegs waren?

Wir waren sechs Leute und hatten drei Autos dabei.

Sie haben gerade gemeint, dass Sie im Grunde die Geschichte nicht planen konnten. Aber Sie werden doch sicher im Vorfeld etwas erhofft oder erwartet haben.

Tatsächlich so ziemlich das, was ich gefunden habe. Die süditalienischen Städte, die in dem Text noch als Perlen bezeichnet wurden, sind inzwischen rauchenden Schloten gewichen. Diese Art von Kontrastierung zwischen dem Text vergangener Zeiten und den Bildern von heute, das war eine interessante Auseinandersetzung, die mich gereizt hat. Die ich auch gesucht habe. Das verbindende Element war dabei immer Pasolini. Das war unser Schlüsselwort. Es konnte auch jeder eine Geschichte dazu erzählen. Das war tatsächlich einfacher, als ich es mir vorgestellt hatte, mit den Menschen ins Gesprächs zu kommen. In Italien kennen sie Pasolini noch alle, von jung bis alt, und verbinden etwas mit ihm.

Vor mir der Süden

Eine der vielen Zufallsbegegnung in „Vor mir der Süden“: Die Senioren aus dem süditalienischen Matera sind stolz auf Pasolini. (© Neue Visionen Filmverleih)

Welchen Einfluss hatte Pasolini dann noch während des Drehs zu Ihrem Film?

Einen sehr großen. Ich hatte alle Texte dabei. Die Texte im Film sind ja auch alle von ihm. Insofern war er das Narrativ des Films. Ich wollte einen Film über das Italien von früher und von heute drehen und Pasolini taucht überall auf.

Wie lange ging die Reise?

Wir waren insgesamt neun Wochen unterwegs und sind 8500 Kilometer gefahren. Am Ende waren es über hundert Stunden Filmmaterial.

Wie lange hat es gedauert, das dann auf die handelsübliche Länge zu bringen?

Das war schon ein Jahr Arbeit.

Sie haben vorhin gemeint, dass Sie die Reise auch schon vor Pasolini machen wollten. Was verbindet Sie mit Italien?

Ich war schon immer italophil. Ich bin ja im Süden Deutschlands aufgewachsen. Deswegen sind wir immer mal wieder nach Italien gefahren. Später habe ich mir auch ein Haus in Italien gekauft und verbringe meinen Sommer dort. Die Lebensweise, die offene Art der Kommunikation, der sehr physische Umgang miteinander, das entspricht schon sehr meiner Natur. Deswegen bin ich sehr gerne dort.

Haben Sie eine Lieblingsgegend in Italien?

Das hat sich durch die Reise ein wenig verschoben. Die süditalienischen Gebiete finde ich ziemlich interessant, Sizilien, Kalabrien.

Hierzulande bekommt man von der italienischen Filmlandschaft inzwischen nur noch wenig mit. Hin und wieder kommt zwar noch mal ein Mafiafilm raus. Darüber hinaus sieht es aber dünn aus. Woran liegt das?

Die Zeit, in der es Leute wie Fellini oder Pasolini gab, die ist vorbei, das stimmt. Es gibt natürlich Paolo Sorrentino, der mit La Grande Bellezza – Die große Schönheit sehr erfolgreich war. Ansonsten kennt man aber kaum jemanden mehr. Das ist bei anderen Ländern in Europa aber nicht anders. Bei Frankreich sieht es von ein paar Komödien abgesehen auch nicht besonders gut aus.

Verfolgen Sie den italienischen Film denn selbst noch?

Nur eingeschränkt, wenn auf Filmfestivals welche laufen. In den deutschen Kinos wird ja kaum noch einer gespielt. Wenn ich in Italien bin, schaue ich mir aber das eine oder andere an.

Welcher italienischer Film hat Ihnen zuletzt gut gefallen?

Ein Dokumentarfilm namens Selfie. Das klingt jetzt zwar nicht besonders italienisch, aber er schafft es, einem Neapel und die Kriminalität dort auf eine Weise näherzubringen, wie man das nur selten sieht.

Und welcher Film steht bei Ihnen selbst als nächstes an?

Zunächst einmal bringe ich natürlich Vor mir der Süden ins Kino, nachdem wir den Film mehrfach verschieben mussten. Ansonsten arbeite ich an einem Film über den deutschen Künstler Daniel Richter.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Pepe Danquart wurde am 1. März 1955 in Singen geboren. Er studierte von 1975 bis 1981 an der Universität Freiburg Kommunikationswissenschaften. Das Gründungs- und Vorstandsmitglied der Deutschen
Filmakademie ist vor allem für seine Kurz- und Dokumentarfilme bekannt. So erhielt er 1994 für Schwarzfahrer den Oscar für den besten Kurzfilm. Seine Dokumentarfilme haben unter anderem Politik und Sport zum Thema.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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