Inhalt / Kritik

Infidel

„Infidel“ // Deutschland-Start: 22. Juli 2021 (Kino)

Doug Rawlins (Jim Caviezel) ist niemand, der ein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um seine Überzeugungen geht. Gerade auf seinem Blog tut er alles dafür, um die christliche Lehre unter möglichst vielen Leuten zu verbreiten. Als er jedoch auch bei einem Fernsehauftritt in Kairo vor einem Millionenpublikum Muslime dazu auffordert, zum Christentum zu wechseln, ist die Empörung groß. Kurze Zeit später wird er von dem iranischen Regime entführt. Das Ziel: Den US-Amerikaner vor laufender Kamera wegen angeblicher Spionageaktivitäten zu verurteilen. Während seine Regierung nicht daran denkt, dem Entführten zu helfen, setzt seine Ehefrau Elizabeth (Claudia Karvan) alle Hebel in Bewegung, um ihm beizustehen und rauszuholen. Die Chancen hierfür stehen schlecht, da an Doug ein Exempel statuiert werden soll. Doch dann erhält sie Hilfe von unerwarteter Seite …

Der Glaube an die eigene Überlegenheit

Immer mal wieder schwappen Beispiele für ein typisch US-amerikanisches Filmsegment zu uns rüber, wie man es so bei uns nicht kennt: Filme, in denen der christliche Glaube gefeiert und missionarisch verbreitet werden soll. Oft handelt es sich dabei um Dramen, in denen die Figuren sich in einer Lebenskrise befinden, dank Gott jedoch aus dieser wieder herauskommen. Ob es nun das medizinische Wunder in Breakthrough – Zurück ins Leben ist, das Musik-Biopic I Still Believe oder das Historiendrama Das Wunder von Fatima – Moment der Hoffnung: Die vom Selbstanspruch her inspirierenden Werke sind meistens nicht mehr als Imagefilme, welche Gläubigen Bestätigung schenken sollen, eventuell auch den einen oder anderen zum Christentum bekehren.

Infidel tut das auch, wenngleich in einem Genre, das man mit diesem Segment eigentlich nicht in Verbindung bringt: der Thriller. Dabei verrät schon ein Blick auf die beteiligten Leute, was man hier erwarten darf. Regisseur und Drehbuchautor Cyrus Nowrasteh (Der junge Messias) ist dafür bekannt, eine sehr eigene Auffassung der Wahrheit in seinen Filmen zu vertreten: Was nicht passt, wird passend gemacht. Jim Caviezel, einst durch Die Passion Christi bekannt geworden, fiel zuletzt durch seine QAnon Verschwörungstheorien auf. Und auch Dinesh D’Souza, berüchtigt für seine ultrarechten, grotesken Dokus wie Hillary’s America: The Secret History of the Democratic Party ist an dem Film beteiligt. Eines ist damit klar: Auf eine ausgewogene Geschichte, die mehrere Positionen miteinander vergleicht, braucht man hier erst gar nicht zu hoffen.

Die anderen sind viel schlimmer!

Es dauert auch nicht lang, bis die erste Irritation auftritt. Wenn Doug Millionen von Muslimen in einer Fernsehshow indirekt dazu auffordert, ihren Glauben zu wechseln, dann zeugt das nicht unbedingt von Feingefühl oder Rücksichtnahme. Infidel vermeidet es aber, auf diesen Punkt näher einzugehen, da kurze Zeit später Doug bereits entführt wird. Das auf diese Weise gezeichnete Bild ist eindeutig: Christen sind wohlbesonnene Menschen, die mutig für ihren Glauben einstehen. Muslime sind verlogene, brutale Fundamentalisten, die vor lauter Unsicherheit über Leichen gehen. Nowrasteh wird dieses Bild auch bis zum Schluss beibehalten, mit nur wenigen Variationen.

Dass Elizabeth ausgerechnet Hilfe von der christlichen Minderheit im Iran erhält, ist Teil des Propagandafeldzuges. Ein paar Muslime und Muslima dürfen sich zwar auch zur gerechten Seite verirren. Dabei geht es aber vor allem um Leute, die selbst Opfer des Regimes sind und ihre Angehörigen aus den Gefängnissen befreien wollen. Ansonsten herrschen in Infidel ohnehin die üblichen Klischees, die man erwarten darf. Das gilt gerade auch für die Figuren, denen mit „schwach“ noch geschmeichelt wäre. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass es – von dem nie um einen flotten Spruch verlegenen Ramzi (Hal Ozsan) einmal abgesehen – auf der Gegenseite nur für Karikaturen gereicht hat, ist auch Doug ein kompletter Reinfall. Frei jeglichen Charismas, dafür aber von einer selbst im Angesicht des Todes selbstbewussten Seligkeit, ist er übelste Heiland-Fantasterei.

Action zum Totlachen

Das wird vor allem zum Schluss absurd, wenn der Film auf einmal ein Actionthriller sein will. Auf der einen Seite bedeutet dies Erleichterung, da ab dem Zeitpunkt kaum einer mehr redet, wodurch einem die fürchterlichen Dialoge erspart bleiben. Nur sind die Actionenszenen derart schlecht umgesetzt, inklusive stümperhafter Slow-Motion-Aufnahmen, dass man vor lauter Lachen vergisst, dass eigentlich Spannung angesagt gewesen war. Gerade beim Finale wird es dann so richtig unfreiwillig komisch, zugleich auf menschenverachtende Weise zynisch, wenn das einzige Ziel der Aktion die Rettung der Weißen ist. Dass deutlich mehr iranische Helfer draufgehen, das interessiert niemanden. Dann und wann sind ein paar atmosphärische Bilder dabei, welche den Sturz ins Bodenlose etwas abmildern. Ansonsten ist Infidel aber ein kompletter Reinfall.

Credits

OT: „Infidel“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Cyrus Nowrasteh
Drehbuch: Cyrus Nowrasteh
Musik: Natalie Holt
Kamera: Joel Ransom
Besetzung: Jim Caviezel, Claudia Karvan, Hal Ozsan, Stelio Savante, Aly Kassem, Bijan Daneshmand, Isabelle Adriani

Bilder

Trailer

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Infidel
„Infidel“ hätte ein spannender Entführungsthriller sein können. Stattdessen wird daraus ein dreistes Propagandawerk mit schlecht gezeichneten Figuren, einem uncharismatischen Protagonisten und unfreiwillig komischen Actionszenen. Von einigen hübschen Bildern abgesehen ist der Film daher ein ziemlicher Reinfall.
3von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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