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Anmassung

„Anmaßung“ // Deutschland-Start: 22. Juli 2021 (Kino)

In den letzten Jahren hat das Format der True Crime Doku weltweit immens an Popularität gewonnen, nicht zuletzt dank Netflix, die praktisch jeden Monat irgendwelche Filme oder Serien aus dem Bereich veröffentlichen. Mal geht es darum, Morde oder andere Verbrechen zu rekonstruieren. Andere halten sich eher im spekulativen Bereich auf, weil bis heute der Fall nie gelöst wurde. Und dann wiederum gibt es Titel, die sich stärker mit den Opfern beschäftigen, mit ihrem Kampf um Gerechtigkeit oder auch welche Folgen diese Straftaten bei ihnen hinterlassen haben. Im weitesten Sinne fällt auch „Anmaßung“ unter diesen Begriff, wenn wir hier einen Mörder namens Stefan S. kennenlernen und nach und nach mehr über ihn erfahren. Und doch ist der Film kaum mit dem zu vergleichen, was sonst so an thematisch ähnlichen Dokumentationen veröffentlicht wird.

Die Puppe, der Täter

Das erste, das auffällt: Peter tritt selbst im Film nicht auf, da er sich vor der Kamera unwohl fühlt. An seine Stelle tritt eine Puppe, die von zwei Puppenspielerinnen geführt wird. Das sorgt natürlich für gewisse Entfremdung. Es fällt schwer, zu einem Objekt eine Beziehung aufzubauen, selbst wenn dieser persönliche Sätze in den Mund gelegt werden. Das hört sich nach einem Manko an, ist es aber nur bedingt. Das zentrale Thema von Anmaßung ist gar nicht so sehr, was der Mann genau getan hat. Vielmehr interessiert das Regieduo Chris Wright und Stefan Kolbe, wie man sich einem Mörder annähern kann. Ob man es überhaupt kann oder ob da immer etwas zurückbleibt, das außer Reichweite ist.

Tatsächlich ist Anmaßung ein Projekt des Scheiterns. Immer wieder geraten Wright und Kolbe an ihre Grenzen bei dem Versuch, hinter die Fassade ihres Protagonisten zu blicken. An mangelnden Versuchen liegt das nicht. Vier Jahre lang haben die beiden ihn begleitet, sich unzählige Male mit ihm getroffen, selbst außerhalb der Gefängnismauern. Und doch, so richtig verstehen können sie nicht, mit wem sie es da zu tun haben. Schon der Einstieg in die Materie beschert zwei Versionen derselben Person: Während sie selbst einen höflichen, zurückhaltenden Menschen kennenlernen, beschreibt ein Justizbeamter Stefan als eiskalten Mörder. Passt das zusammen?

Die Arbeit an der Fassade

Auch später werden die zwei immer wieder rätseln, ob die nach außen präsentierte Fassade mit dem Inneren einhergeht. Die Vermutung, es mit einem geschickten Manipulator zu tun zu haben, steht irgendwann im Raum. Einer, der es im Gefängnis gelernt hat, das zu sagen, was andere von ihm hören wollen. Das ist auch deshalb bedeutsam, weil Anmaßung zu einer Zeit spielt, in der darüber entschieden werden muss, ob Stefan aus der Haft entlassen wird. Damit einher geht die Frage: Würde er es wieder tun? Hat er sich in den vielen Jahren in der JVA Brandenburg gebessert? Eine eindeutige Antwort, so wird irgendwann deutlich, kann hier wohl keiner geben. Da geht es mehr um Schätzungen und Einschätzungen, um eine Annäherung an das, was sein könnte.

Anmaßung führt auf diese Weise mit einem drastischen Beispiel vor Augen, dass der andere Mensch immer zu einem gewissen Grad unerreichbar bleibt. Eine beruhigende Erkenntnis ist das sicherlich nicht, eher ein bisschen furchteinflößend – zumal so nüchtern verpackt wie hier. Man merkt dem Dokumentarfilm, der auf der Berlinale 2021 Premiere feierte, auch an, dass den beiden Männern das alles nicht ganz geheuer ist. Dass die fehlenden Antworten irgendwie nahegehen. Dem Publikum geht es da ganz ähnlich, zumal Wright und Kolbe selbst mit Informationen geizen. Wo andere die Tat Stefans an den Anfang gestellt und dramatisch inszeniert hätten, da erfährt man hier erst sehr spät, was genau vorgefallen ist. Hier steht zunächst das „wer“ im Mittelpunkt, bis wir zum „was“ kommen.

Auf sich selbst zurückgeworfen

Auch das ist interessant, da wir eigentlich Letzteres wollen, um einen Menschen beurteilen zu können. Wir brauchen die Tat, um den Täter einzuschätzen. Der Mensch alleine reicht nicht. Anmaßung wird damit für das Publikum auf Umwegen eine Beschäftigung mit sich selbst, mit eigenen Erwartungen und Ansichten. Das ist faszinierend und frustrierend zugleich. Man hat im Anschluss an die zwei Stunden das Gefühl, sehr viel gelernt zu haben und gleichzeitig doch nicht vorangekommen zu sein. Für Zuschauer und Zuschauerinnen, die sich True Crime Dokus wegen der spannenden Geschichten anschauen, vielleicht auch wegen der Emotionalität, ist das nichts. Für Leute, die im Anschluss an einen Film selbst gern ein wenig nachgrübeln, lohnt sich der Blick jedoch.

Credits

OT: „Anmaßung“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Chris Wright, Stefan Kolbe
Drehbuch: Chris Wright, Stefan Kolbe
Musik: Johannes Winde

Bilder

Trailer

Interview

Anmassung InterviewWie sind sie auf die Idee zum Film gekommen? Und wie war das, mit einem verurteilten Sexualmörder zusammenzuarbeiten? Diese und weitere Fragen haben wir den Regisseuren Chris Wright und Stefan Kolbe in unserem Interview zu Anmaßung gestellt.

Filmfeste

Berlinale 2021

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Anmaßung
„Anmaßung“ nähert sich einem verurteilten Mörder an – und tut es gleichzeitig nicht. Der Dokumentarfilm führt uns vor Augen, wie schwierig es ist, einen anderen Menschen wirklich zu begreifen. Dass wir selbst Jahre mit ihm verbringen können und doch nicht wissen, was in ihm vorgeht.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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