Inhalt / Kritik

Kramer gegen Kramer

„Kramer gegen Kramer“ // Deutschland-Start: 28. Februar 1980 (Kino) // 2. August 2001 (DVD)

Über acht Jahre lang erschien der Ehe von Ted Kramer (Dustin Hoffman) und Joanna Kramer (Meryl Streep) nach außen hin harmonisch, doch eines Tages kommt es dennoch zum Aus. Ausgerechnet an dem Abend, als Ted für die Werbeagentur, für die er arbeitet, seinen wichtigen Kunden erhalten hat und zudem eine Beförderung, eröffnet ihm Joanna, sie brauche Zeit für sich und würde sich von ihm trennen. Für den Workaholic Ted bricht nicht nur eine Welt zusammen, denn von nun an muss er sich zusätzlich zu seiner Arbeit auch um die Erziehung des gemeinsamen Sohnes Billy (Justin Henry) kümmern. Besonders zu Anfang klappt dies nur bedingt, denn Arbeit und Familie unter einer Hut zu bringen ist eine große Herausforderung, wobei die Nachfragen seines Sohnes, wo denn nun seine Mutter ist und wie lange sie wegbleibt, Ted schwer belasten. Etwas Unterstützung erhält er von seiner Nachbarin und guten Freundin Margaret (Jane Alexander), die sich ebenfalls vor einer Weile von ihrem Mann getrennt hat und seitdem alleine für das gemeinsame Kind sorgen muss.

Mit der Zeit jedoch findet Ted die richtige Routine zwischen Beruf und Familie, doch dann, nach 18 Monaten, kehrt Joanna zurück in ihr Leben. Von nun an möchte auch sie sich um ihren Sohn kümmern, was Ted verweigert, da er sie beschuldigt, psychisch instabil zu sein und nicht für Billy dagewesen zu sein. Die Fronten zwischen den Eheleuten verhärten sich und es kommt zum Sorgerechtsstreit, in dessen Folge sich beide damit konfrontiert sehen, wie sie offenen Auges ihre Ehe haben zu Bruch gehen lassen.

Die Realität des Gerichts

Während die Frauenrechtsbewegung der 60er Jahre offen über das Rollenverständnis von Männern und Frauen sprach, begann erst Anfang der 70er in der Kultur, im Film, der Musik und Literatur, diese Frage mehr und mehr aufzutauchen. In diesem Klima erscheint der Erfolg von Avery Cormans Roman Kramer gegen Kramer wie ein Zeichen der Zeit, konzentriert er sich in diesem nicht nur auf Geschlechterrollen, sondern auch auf die Reaktion der Gesellschaft, repräsentiert durch die Realität des Gerichtssaals. Der Erfolg der Vorlage sollte sich auch bei Robert Bentons Verfilmung einstellen, welche bei der Oscarverleihung 1980 mit gleich fünf Auszeichnungen geehrt wurde, darunter die für „Beste Regie“ und „Bester Film“.

Obwohl bereits der Titel ein Justizdrama nahelegt, braucht Kramer gegen Kramer doch eine ganze Weile, bis sich die Handlung in das Innere eines Gerichtsgebäudes verlagert. Dieser Aufbau ist essenziell für die emotionale Wucht des Films sowie die Anteilnahme des Zuschauers, wenn man das ernüchternde Abhaken oder das grausame Entstellen von Fakten betrachtet, nach welche zum einen der Logik der Prozessführung dient und sich zum anderen für die Emotionen nicht interessiert. „Das kann man nicht mit Ja oder Nein beantworten“, sagt der von Dustin Hoffman gespielte Ted an einer Stelle, bevor er vom Anwalt seiner Frau unterbrochen wird, der eine klare Antwort verlangt, wo es keine solche geben kann. Dieser Kontrast von einer Gesellschaft, die Klarheit fordert, wenn man weiß, dass es diese nicht gibt, ist ein entscheidender Punkt für die Handlung und spricht, bei aller Dramatik, auch für den Realismus-Anspruch des Filmes wie auch des Romans.

Eine ungeliebte Version von sich selbst

Darüber hinaus bemerkt man diesen Anspruch in der Idee des Perspektivwechsels. Während Joanna vor allem eine Auszeit braucht, also Zeit für sich, in der sie sich finden kann, wird Ted mehr und mehr klar, was für ein Ehemann und Vater er war. Der Gegensatz von der Person, die man sein will, welche die Gesellschaft verlangt und die man in der Realität eigentlich immer war, führt zu einer tiefen persönlichen Krise. Der Anspruch, die umsorgende Mutter, Hausfrau und Ehefrau zu sein, erscheint ebenso unerfüllbar wie das Bild des perfekten Ehemannes, für den sich Ted bis zu einem Punkt gehalten hatte.

Besonders über seine beiden Hauptdarsteller erreicht Kramer gegen Kramer jene Emotionalität und Authentizität. Sowohl Streep wie auch Hoffman stehen für Typen, die man kennt und mit denen man sich identifizieren kann und die keine Schwarz-Weiß-Zeichnung, wie es später im Gericht der Fall ist, erlauben. Immer wieder sind es auch die Momente des Schweigens, die vom Zuschauer zu verlangen scheinen, was er oder sie in einer Situation tun würde, in der es kein Richtig und Falsch gibt.

Credits

OT: „Kramer vs. Kramer“
Land: USA
Jahr: 1979
Regie: Robert Benton
Drehbuch: Robert Benton
Vorlage: Avery Corman
Musik: Paul Gemigani, Herb Harris, John Kander, Erma E. Levin, Roy B. Yokelson, Antonio Vivaldi
Kamera: Néstor Almendros
Besetzung: Dustin Hoffman, Meryl Streep, Jane Alexander, Justin Henry

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1980 Bester Film Sieg
Beste Regie Robert Benton Sieg
Bester Hauptdarsteller Dustin Hoffman Sieg
Bester Nebendarsteller Justin Henry Nominierung
Beste Nebendarstellerin Meryl Streep Sieg
Beste Nebendarstellerin Jane Alexander Nominierung
Bestes adaptiertes Drehbuch Robert Benton Sieg
Beste Kamera Néstor Almendros Nominierung
Bester Schnitt Gerald B. Greenberg Nominierung
BAFTA Awards 1981 Bester Film Nominierung
Beste Regie Robert Benton Nominierung
Bester Hauptdarsteller Dustin Hoffman Nominierung
Beste Hauptdarstellerin Meryl Streep Nominierung
Bestes Drehbuch Robert Benton Nominierung
Bester Schnitt Gerald B. Greenberg Nominierung
César 1981 Bester ausländischer Film Nominierung
Golden Globes 1980 Bester Film (Drama) Sieg
Beste Regie Robert Benton Nominierung
Bester Hauptdarsteller (Drama) Dustin Hoffman Sieg
Bester Nebendarsteller Justin Henry Nominierung
Beste Nebendarstellerin Meryl Streep Sieg
Beste Nebendarstellerin Jane Alexander Nominierung
Bester Nachwuchsdarsteller Justin Henry Nominierung
Bestes Drehbuch Robert Benton Sieg

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Kramer gegen Kramer
„Kramer gegen Kramer“ ist ein Familien- und Justizdrama, das durch seinen Realismus-Anspruch und seine Darsteller überzeugt. Robert Benton gelingt ein Film, der den Zuschauer abholt und ihm Fragen stellt, der ihn zum Mitdenken aufruft, aber keinesfalls zum Verurteilen.
8von 10

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