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Inhalt / Kritik

„Der Masuren-Krimi: Fryderyks Erbe“ // Deutschland-Start: 20. Mai 2021 (Das Erste)

Es ist kein schöner Anlass, der die Berliner Kriminaltechnikerin Dr. Viktoria Wex (Claudia Eisinger) nach Pasym führt, eine verschlafene Kleinstadt inmitten der Masurischen Seenplatte. Seit Tagen schon wird dort ihr Onkel Fryderyk (Wieslaw Zanowicz) vermisst. Ein von ihm verfasster Abschiedsbrief lässt darauf schließen, dass er sich das Leben nehmen wollte. Für Wex bedeutet dies eine Begegnung mit ihrer Vergangenheit, darunter auch mit ihrer Tante Marta (Natalia Bobyleva), die geistig stark abgebaut hat. Doch was als reine Familienangelegenheit gedacht war, entwickelt sich zu einem echten Kriminalfall, als sie im Keller des Vermissten eine Leiche entdeckt. Auf der Suche nach Antworten schließt sie sich mit dem Dorfpolizisten Leon Pawlak (Sebastian Hülk) zusammen – sehr zum Ärger von dessen Exfrau Kowalska (Karolina Lodyga), die als Kommissarin auch noch seine Chefin ist …

Urlaub mit Leiche

Ein bisschen hat man ja schon den Eindruck, dass man speziell bei der ARD das Krimigenre skrupellos missbraucht, um ein bisschen Urlaub zu machen. Zumindest ist es doch recht auffällig, wie viele in Deutschland produzierte TV-Krimis in malerischen Kulissen des europäischen Auslands spielen und diese als Alleinstellungsmerkmal verwenden. Ob Der Kroatien-Krimi, Der Irland-Krimi oder Kommissar Dupin, da wird schon geschickt die Sehnsucht eines deutschen Publikums nach rätselhaften Verbrechen und der nach einem Tapetenwechsel miteinander verbunden. Da wird gleichzeitig das Gefühl vermittelt, auf Reisen zu gehen, und dabei doch keine vertraute Umgebung verlassen zu müssen.

Das gilt dann auch, größtenteils zumindest, für die neue Reihe Der Masuren-Krimi. Wie der Titel bereits verrät, verschlägt es uns hier nach Masuren, eine Region im Norden Polens. Landschaftlich ist die geprägt von Seen und Wäldern, welche in dem Auftaktfilm Fryderyks Erbe auch gleich gebührend in Szene gesetzt werden. Immer wieder streift unsere Heldin durch die ländliche Gegend, weckt im Publikum den Wunsch, selbst Teil dieser idyllischen Natur zu werden. Nur dass diese, wie bei diesen Filmen so üblich, am Ende doch nicht ganz so heil ist. Nicht allein, dass wir es gleich zu Beginn mit einer verschwundenen Person und einem Todesfall, bei dem es nicht mit rechten Dingen zugeht, zu tun bekommen. Hinter der grünen Fassade geht es richtig schmutzig zu, zum Teil auch sehr tragisch.

Moleküle statt Menschen

Das betrifft einerseits Marta, die immer mehr in sich zusammenfällt, was für einige bewegende Szenen gut ist. Aber auch bei Wex wird ein wenig mit traurigen Vorfällen in der Vergangenheit gespielt. Tatsächlich definiert wird die Kriminaltechnikerin aber dadurch, dass sie mit Molekülen mehr anfangen kann als mit Menschen. So zieht sie immer wieder die verblüffendsten Schlüsse, wenn sie am Tatort ermittelt, Spuren erschnüffelt – wortwörtlich. Selbst bei einem normalen Essen kann sie nicht anders als alles zu analysieren. Dem wird in Der Masuren-Krimi: Fryderyks Erbe ein recht bodenständiger Polizist gegenübergestellt, der quasi das Kontrastprogramm darstellen soll. Nennenswerte Konflikte treten an der Stelle nicht auf. Vielleicht auch, um sich eine weitere Annäherung offen zu halten.

Nun ist es grundsätzlich ganz schön, wenn ein bisschen in die Figuren investiert wird und zumindest die Ambition da ist, ihnen mehr Charakter und Kanten zu verleihen. Zumindest in Der Masuren-Krimi: Fryderyks Erbe funktioniert das aber nicht so wirklich. Zum einen wirkt Wex dann doch zu sehr wie die zwischenmenschlich kaum zu gebrauchenden Kolleginnen aus Die Brücke – Transit in den Tod und Die Toten vom Bodensee, die auch schon sehr betont gefühlskalt unterwegs waren und sich allein auf ihre Intelligenz verließen. Aber auch die konkrete Umsetzung lässt zu wünschen übrig. Szenen wie die in der lokalen Parfümabteilung sind dann doch in erster Linie komisch, ohne dass dies konsequent verfolgt würde. Als hätte das hier eine Karikatur werden sollen. An anderen Stellen wird es sogar richtig nervig.

Die üblichen Startschwierigkeiten

Beim Fall gibt es ebenso noch Luft nach oben. Der rückt immer wieder in den Hintergrund, wenn dann doch mehr die persönlichen Befindlichkeiten und Verhältnisse thematisiert werden. Der Masuren-Krimi: Fryderyks Erbe hat wie so viele Auftaktkrimis damit zu kämpfen, gleichzeitig die Grundlagen für künftige Filme zu legen und dabei eine eigenständige Geschichte zu erzählen. Und selbst wenn man sich doch mal darauf konzentriert, den Todesfall untersuchen zu wollen, ist das Ergebnis oft recht willkürlich. Aufgrund der schönen Bilder und der oft melancholischen Atmosphäre reicht das zwar für einen Fernsehabend. Um tatsächlich in diesem hart umkämpften Segment bestehen zu wollen, muss aber schon noch mehr geschehen.

Credits

OT: „Der Masuren-Krimi: Fryderyks Erbe“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Anno Saul
Drehbuch: Ulli Stephan, Markus B. Altmeyer
Musik: Philipp Schaeper, Christopher Colaço, Mark Pinhasov
Kamera: Martin L. Ludwig
Besetzung: Claudia Eisinger, Sebastian Hülk, Karolina Lodyga, Wieslaw Zanowicz, Natalia Bobyleva, Krzysztof Franieczek, Cornelia Heyse, Krzysztof Leszczynski

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Der Masuren-Krimi: Fryderyks Erbe
In „Der Masuren-Krimi: Fryderyks Erbe“ verschlägt es eine Berliner Kriminaltechnikerin nach Polen, wo sie prompt über eine Leiche stolpert. Die schönen Bilder der Seenlandschaft sind sehenswert, der Kriminalfall selbst ist da nur Beiwerk. Schwierig ist zudem die Hauptfigur, die als überzogen rationale Ermittlerin Moleküle über Menschen stellt.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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