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Voyagers Amazon Prime Video

„Voyagers“ // Deutschland-Start: 30. April 2021 (Amazon Prime Video)

Über kurz oder lang wird die Erde kein lebenstauglicher Ort mehr sein, dessen sind sich die Menschen bewusst. Und so startet im Jahr 2063 eine Mission, welche das Schicksal der Menschheit entscheiden soll: 30 gezüchtete Kinder sollen an Bord eines Raumschiffs ins All fliegen, um zwei Generationen später auf dem Planeten anzukommen, der ihre neue Heimat werden soll. Doch der Plan geht schief. Richard (Colin Farrell), der die Jungen und Mädchen von Anfang an begleitet hat, kommt bei einem Unfall ums Leben. Nun sind es die Jugendlichen selbst, die über ihr Schicksal zu entscheiden haben. Während jedoch Christopher (Tye Sheridan) und Sela (Lily-Rose Depp) darauf drängen, die Regeln beizubehalten, um so die Mission nicht zu gefährden, stachelt Zac (Fionn Whitehead) die anderen an, lieber den Moment zu genießen, anstatt sich für die große Sache zu opfern …

Ein Leben in Gefangenschaft

Wie viel vom Menschen ist angeboren, wie viel ist das Ergebnis äußerer Umstände wie des Umfelds? Diese Frage darf man sich gleich zu Beginn des Science-Fiction-Films Voyagers stellen, der exklusiv auf Amazon Prime Video erhältlich ist. Dass die Menschen ihr Leben aufgeben müssen, um das der Menschheit als solches zu bewahren, daran führt dem Szenario zufolge kein Weg vorbei. Zu sehr wurde inzwischen die Erde verpfuscht. Da aber offensichtlich niemandem zuzumuten ist, Jahrzehnte in einem Raumschiff zu verbringen, anstatt sich frei zu bewegen, werden sämtliche Zuchtjugendlichen schon vorher eingesperrt. Moralisch mag das fragwürdig sein, die Idee hat jedoch deutlich Potenzial. Kann jemand unter einer Gefangenschaft leiden, wenn er nichts anderes gekannt ist? Und ist das zu verantworten?

Allerdings hat Regisseur und Drehbuchautor Neil Burger (Mein Bester & ich, Ohne Limit) gar kein großes Interesse daran, dieser Frage nachzugehen. Stattdessen lässt er nach einem runden Drittel von Voyagers die Ereignisse eskalieren und die Vernünftigen gegen die Selbstsüchtigen antreten. Das ist als Thema grundsätzlich zwar nicht verkehrt. Es ist sogar ausgesprochen aktuell, wie die letzten Monate verdeutlicht haben: Dass da ein Riss durch die Gesellschaft gehen kann, das hat schließlich das Verhalten während der Corona-Pandemie beeindruckend vorgeführt. Manchen ist das Kollektiv wichtiger, anderen die persönliche Selbstentfaltung. Eine Gruppe von Menschen auf engem Raum eignet sich zudem gut für soziologische Beobachtungen.

Keine echte Entwicklung

Schade ist nur, dass eben auf solche Beobachtungen verzichtet wird. Ein paar flüchtige Blicke oder übergriffige Berührungen müssen ausreichen, um die nächste Stufe einzuleiten. Ein großes Manko von Voyagers ist daher in dem Zusammenhang, dass sich Burger nicht die Zeit nimmt, um das allmähliche Auseinanderbrechen der Gemeinschaft festzuhalten. Das geschieht hier mehr auf Knopfdruck, als hätte da jemand einen Schalter umgelegt. Damit einher geht das Problem, dass der Film diesen Konflikt sehr exemplarisch aufzieht: auf der einen Seite Christopher und Sela, auf der anderen Seite Zac. Obwohl da eigentlich 30 Leute in dem Raumschiff unterwegs sind, bekommt man von diesen so gut wie nichts mit. Sie dürfen nur in der Gegend rumstehen, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite.

Dass das nicht viel Raum für Charakterisierung lässt, liegt auf der Hand. Gut möglich, dass Burger daran aber ohnehin kein Interesse hatte. Denn trotz der Fokussierung auf drei Figuren bleiben diese recht nichtssagend. Während sich Zac zumindest noch durch seine Selbstsucht und das Talent für Manipulationen definiert, weiß man bei Christopher und Sela bis zum Schluss nicht, wer sie als Menschen sein sollen. Hätte Voyagers diese Charakterlosigkeit mit deren Aufwachsen in streng konformer Isolation verbunden, hätte das zumindest noch Grundlage von Diskussionen sein können. Können Menschen ohne eigenes Leben Eigenschaften entwickeln? Oder braucht es dafür Freiraum? Diese Diskussionen finden jedoch nicht statt. Hier gibt es nur das persönliche Vakuum, ohne Rechtfertigung.

Ohne Ambition und Spannung

Das ist nicht nur schrecklich unambitioniert. Es führt auch dazu, dass der Film nach einem an und für sich vielversprechenden Anfang zunehmend langweilig wird. Voyagers hat dem aus William Goldings Kultroman Der Herr der Fliegen bekannten Szenario um Jugendliche, die sich eine eigene Gesellschaftsordnung aufbauen – und zerstören – nichts hinzuzufügen. Es geschieht in den über 100 Minuten wirklich gar nichts, was einen irgendwie überraschen würde. Das ist nicht nur schade für das durchaus ansprechende Setting, sondern auch für die beiden als Kontrahenten auftretenden Tye Sheridan (Ready Player One) und Fionn Whitehead (Black Mirror: Bandersnatch), die an anderer Stelle bewiesen haben, dass sie deutlich mehr drauf haben. Bei diesen Bestandteilen hätte sehr viel mehr draus werden müssen.

Credits

OT: „Voyagers“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Neil Burger
Drehbuch: Neil Burger
Musik: Trevor Gureckis
Kamera: Enrique Chediak
Besetzung: Tye Sheridan, Lily-Rose Depp, Fionn Whitehead, Colin Farrell, Chanté Adams, Isaac Hempstead Wright, Viveik Kalra, Archie Madekwe, Quintessa Swindell

Bilder

Trailer

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Voyagers
„Voyagers“ erzählt von gezüchteten jungen Menschen, die auf eine weite Reise durchs All gehen, um eine neue Heimat zu finden, sich vorher aber an die Gurgel gehen. Anlässe für philosophische Gedanken bietet der Film einige, hat aber kein Interesse, diese zu verfolgen. Die Figuren bleiben blass, die Geschichte ohne Überraschungen. Trotz schöner Bilder und talentierter Nachwuchsdarsteller reist zu früh die Langeweile mit.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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