In der Dramaserie Doktor Ballouz (ab 8. April 2021 im ZDF) spielt Merab Ninidze den titelgebenden Arzt, der nach dem Tod seiner Frau sich wieder in seine Arbeit stürzt. Wir unterhalten uns mit dem Hauptdarsteller über seine Rolle, das Spiel aus Nähe und Distanz und welche Eigenschaften ein guter Arzt mitbringen sollte.

Was hat Sie daran gereizt, bei der Serie Doktor Ballouz mitzumachen?

Vor allem die Figur des Ballouz selbst. Ich durfte hier jemanden spielen, der ein echter Mensch ist, mit eigenen Ansichten. Der auch so ein bisschen ein Philosoph ist. Für mich sind die Geschichten am interessantesten, die von Menschen handeln, von ihrem Leben und wie sie mit ihrem Schicksal klarkommen, wenn sie beispielsweise jemanden verloren haben. Ich spiele sonst oft Bösewichter oder Gangster. Das ist kein Problem für mich. Solche Rollen sind spannend und man kann mit ihnen auch sehr viel Spaß haben. Aber du wirst dadurch schon in bestimmte Schubladen gesteckt, weswegen ich beim Lesen der Drehbücher dachte, dass ich die Rolle nie kriegen werde. Es war auch ein sehr langer Castingprozess und ich hatte zum Ende eigentlich schon aufgegeben, dass ich die Rolle bekomme. Zu meinem Glück hat unser Produzent Uwe Urbas aber an mich geglaubt.

In der Serie geht es nicht nur um den Menschen Ballouz, sondern auch den Arzt und die Frage, was einen guten Arzt auszeichnet. Wie sehen Sie das? Welche Eigenschaften braucht es dafür?

Ich glaube, mit gewissen Eigenschaften musst du geboren sein. Wenn du zu einem Arzt gehst, bist du nur ein Patient unter vielen. Eine reine Routine. Du bist 15 Minuten bei ihm, danach kommt gleich der nächste. Dadurch hast du manchmal den Eindruck, dass Ärzte nur an der Oberfläche bleiben. Sie schauen sich vielleicht deinen verletzten Finger an. Aber sie nehmen sich nicht die Zeit, in dich hineinzuschauen und deine Seele anzusehen. Dabei ist die bei einer Krankheit sehr wichtig. Ein guter Arzt ist der, der dir das Gefühl gibt, dass du in diesen 15 Minuten der wichtigste Mensch der Welt bist, und der dir auf Augenhöhe begegnet. Denn das macht einen großen Unterschied. Klar brauchst du als Arzt auch die ganzen Fachkenntnisse. Aber ein guter Arzt sieht für mich mehr als nur das Fleisch.

Gleichzeitig wird in Doktor Ballouz aber auch die Frage gestellt, wie nah man als Arzt den Patienten kommen sollte. In einer Folge will eine Ärztin beispielsweise unbedingt das Leben eines Patienten verlängern, auch wenn der das gar nicht will. Wie schafft man die Balance aus der von Ihnen beschriebenen Nähe und der nötigen Distanz, um noch objektiv sein zu können?

Das ist die große Kunst! Ich kann das nur mit meinen eigenen Erfahrungen als Schauspieler vergleichen, bei denen du ein ähnliches Phänomen hast. Manchmal übernimmst du eine Rolle, die dir so nahe geht, dass du sie zu 150 Prozent ausfüllst. Du spielst sie dann nicht mehr. Du wirst in dem Moment zu dieser Figur. Du musst als Schauspieler aber einen Weg finden, diese Figur wieder hinter dir zu lassen. Du musst diese Grenze finden zwischen dir und dieser Figur. Denn du darfst dich auch nie vollkommen in dieser Rolle verlieren. Aber diese Grenze ist bei jedem anders. Und das gilt auch für Ärzte. Bei Ballouz ist das auch deshalb schwierig, weil es für ihn lebenswichtig und essentiell ist, mit anderen unterwegs zu sein. Anderen Menschen nahe zu kommen, ihre Trauer und ihre Ängste an sich zu nehmen, erlaubt ihm, seine eigenen für eine kurze Zeit zu vergessen. Durch den Tod seiner Frau ist in ihm eine solche Leere entstanden, dass er keine andere Wahl hat, als für andere da zu sein.

Doktor Ballouz

Einer von vielen emotionalen Fällen: Doktor Ballouz im Gespräch mit einem schwerkranken Patienten (© ZDF/Stefan Erhard)

Wie nahe ist Ihnen denn selbst die Serie gegangen? In Doktor Ballouz sind schließlich schon einige sehr emotionale Themen dabei.

Sie ist mir schon sehr nahe gegangen, das stimmt. Das ist beim Schauspielen nicht immer der Fall, da gibt es solche Rollen und solche Rollen. Diese hier hat mich von Anfang an sehr berührt. Schon beim Lesen. Das war nicht einfach nur ein Text. Beim Spielen musste ich dann auch meine Tränen oft zurückhalten, weil ich so da war und ich so stark mit den Schicksalen dieser Figuren verbunden war. Das war eine sehr intensive Erfahrung für mich. Aber auch befreiend und kathartisch. Es war so, als hätte ich mich dadurch freischwimmen können und etwas in mir wiederentdeckt, von dem ich nicht wusste, dass es da ist.

Im Alltag ist es so, dass wir normalerweise mit den Themen Krankheit und Tod nichts zu tun haben wollen. Warum sind dann Serien zu diesen Themen so beliebt? Es gibt schließlich eine ganze Menge solcher Krankenhausserien.

Ich denke, das hat auch mit unseren Urängsten zu tun. Als Corona vor einem Jahr angekündigt wurde, hatten die meisten Todesängste, weil keiner wusste, was wird. Da ist es glaube ich schon auch beruhigend zu sehen, Geschichten über Krankheiten zu sehen und wie die Menschen damit umgehen. Das Leid anderer zu sehen macht unser eigenes erträglicher. Wir tun zwar alle so, als ob uns der Tod nicht beschäftigen würde. Aber das tut er natürlich. Die Serien erlauben es uns vielleicht, uns damit etwas auseinanderzusetzen und dadurch ein wenig die Angst davor zu verlieren.

Jetzt, da die Staffel fertig ist: Wird es eine zweite Staffel von Doktor Ballouz geben? Wie sehen sonst Ihre Pläne aus?

Eine zweite Staffel würde mich sehr freuen, weil ich schon wissen will, wie es mit Ballouz weitergeht und ich mich daran gewöhnt habe, in einem weißen Kittel herumzulaufen. (lacht) Außerdem startet dieses Jahr noch der Thriller Der Spion, in dem ich mit Benedict Cumberbatch zusammenspiele. Das war auch eine wirklich tolle Rolle. Da spiele ich einen sowjetischen Funktionär, der ganz anders ist als Ballouz. Er ist streng, glatt rasiert. Und es ist schon schön, ein solches Kontrastprogramm innerhalb kürzester Zeit zu haben.

Zur Person
Merab Ninidze wurde am 3. November 1965 in Tiflis, Georgien geboren. Er stammt aus einer Theaterfamilie und erhielt 1979 seine erste Bühnenrolle. Von 1982 bis 1984 studierte er Schauspiel an der Akademie für Darstellende Kunst und Film in Tiflis. 1984 drehte er mit Die Reue seinen ersten Kinofilm, 1993 übernahm er in dem österreichischen Film Halbe Welt eine erste deutschsprachige Rolle. In den letzten zwanzig Jahren war er regelmäßig in deutschen Fernsehproduktionen zu sehen.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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