Inhalt / Kritik

Das weiße Kaninchen

„Das weiße Kaninchen“ // Deutschland-Start: 28. September 2016 (Das Erste) // 17. Februar 2017 (DVD)

Die Freude ist groß bei der 13-jährigen Sara (Lena Urzendowsky), als sie von ihren Eltern (Julia Jäger, Patrick Heyn) einen Laptop erhält und damit endlich ungestört im Internet rumsurfen kann. Schnell findet sie Gefallen daran, sich mit wildfremden Menschen auszutauschen. So lernt sie dabei beispielsweise Kevin (Louis Hofmann) kennen, einen höflichen, zuvorkommenden Jugendlichen, mit dem es sofort funkt. Und auch mit Benny versteht sie sich gut, kann mit ihm über alles reden. Dabei ahnt sie nicht, dass sich hinter dem Profil in Wahrheit der erwachsene Lehrer Simon Keller (Devid Striesow) steckt. Der bringt als Vertrauenslehrer normalerweise seinen Schülern und Schülerinnen bei, wie sie sich im Internet schützen sollen. Gleichzeitig nutzt er sein Wissen auch gern, um seinen geheimen Begierden nachzugehen …

Das Internet als Ort der Gefahr

Das Internet hat den Menschen unzählige Möglichkeiten eröffnet, sich auszudrücken, Kontakte zu knüpfen und Teil einer größeren Welt zu werden. Aber nicht jede dieser Möglichkeiten ist am Ende auch positiv. Beispiele hat es hierfür zuletzt mehr als genug gegeben. Ob es nun Verschwörungstheoretiker sind, die ohne große Anstrengung Massen erreichen, Hassnachrichten und Mobbing, mit denen andere das Leben zur Hölle gemacht wird, oder auch gezielte Beeinflussung von Menschen – die Schattenseiten sind inzwischen kaum mehr zu übersehen. Gerade die Anonymität und gezielte, kaum zu überprüfende Verdrehung von Wahrheit haben das Potenzial, richtig viel Schaden zu verursachen.

Von einem solchen Beispiel erzählt auch der TV-Film Das weiße Kaninchen. Das klingt erst einmal süß und flauschig, verbirgt hinter dem Titel aber eine der härtesten und provokantesten deutschen Fernsehproduktionen der letzten Zeit. Dabei fängt alles noch so nett und harmlos an, wenn Simon Keller mit viel Witz und Schlagfertigkeit ein ernstes Thema anspricht. Doch eben weil der Mann so nett und harmlos wirkt, ist der Schock umso größer, als sich herausstellt, dass er sich von Kindern und Jugendlichen sexuell angezogen fühlt. Es passt auch auf den ersten Blick nicht zusammen, wenn ein Mensch gleichzeitig vor einer Tat schützen will, diese aber selbst begeht. Nur eines von mehreren Beispielen, wie trügerisch ein solcher erster Blick sein kann.

Starkes Ensemble

Mit Devid Striesow (Für immer Eltern) wurde hierfür eine Idealbesetzung gefunden. Kaum ein deutscher Schauspieler schafft es wie er, Humor mit seelischen Abgründen zu verbinden. Allgemein ist das Ensemble von Das weiße Kaninchen stark. Während die von Lena Urzendowsky (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo) gespielte Protagonistin dem Drehbuch gemäß ein naives Mädchen ist, das so gar nicht bereit ist für die Welt da draußen, überrascht Louis Hofmann (Dark). Der eigentlich auf nette, melancholisch veranlagte Jungs gebuchte Schauspieler darf hier mal eine richtig finstere und perfide Seite von sich ausspielen. Vierter im Bunde ist Shenja Lacher als ermittelnder Kommissar, der das Gesetz schon mal in die eigene Hand nimmt, wenn er davon überzeugt ist.

Während das Spiel mit Ambivalenzen überzeugt, sind andere Punkte bei Das weiße Kaninchen weniger gut geglückt. Gewöhnungsbedürftig ist beispielsweise, wie immer wieder optisch experimentiert wird. Das ist bei der Visualisierung der Chatrooms noch interessant anzusehen. Die ständige Überbelichtung zum Ende hin, die wohl eine Art Fantasie-Atmosphäre erzeugen soll, ist aber schon sehr aufdringlich. Gleiches gilt für die eher unbeholfenen Versuche, die Entdeckung des Internets mit Alice im Wunderland in Verbindung bringen zu wollen. Das hat dann mehr von Namedropping, schlüssige Parallelen zwischen dem Klassiker der Nonsens-Literatur werden kaum aufgebaut, zwischen den Protagonistinnen erst recht nicht.

Schock zwischen Drama und Thriller

Aber auch wenn das manchmal ein bisschen hakt, so ist Das weiße Kaninchen doch ein wichtiger Beitrag zu einem aktuellen Thema. Ohne das Internet als solches zu verteufeln, zeigt die Mischung aus Drama und Thriller auf, was darin alles geschehen kann. Sie wird dabei sogar überraschend explizit. Ob es nun eine schockierende Szene im Mittelteil ist oder das Ende, an dem sich die Geister scheiden: Man wollte hier gezielt dem Publikum etwas zumuten. Mit dem üblichen Gefälligkeitseinerlei der öffentlich-rechtlichen Sender hat das hier entsprechend wenig zu tun. Nicht nur die Figuren wissen zwischenzeitlich nicht, wie sie sich in der Situation zu verhalten haben. Als Zuschauer bzw. Zuschauerin geht es einem bei dem Blick in den Abgrund ganz ähnlich.

Credits

OT: „Das weiße Kaninchen“
Land: Deutschland
Jahr: 2016
Regie: Florian Schwarz
Drehbuch: Michael Proehl, Holger Karsten Schmidt
Musik: Sven Rossenbach, Florian van Volxem
Kamera: Philipp Sichler
Besetzung: Devid Striesow, Lena Urzendowsky, Shenja Lacher, Louis Hofmann, Samia Chancrin, Christoph Schechinger, Julia Jäger, Patrick Heyn

Bilder

Trailer

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Das weiße Kaninchen
In „Das weiße Kaninchen“ macht eine 13-Jährige erste Erfahrungen im Internet und gerät dabei gleich doppelt in eine Falle. Das Thrillerdrama nimmt ein aktuelles Thema und setzt es bewusst provokativ um. Das ist zwar nicht in allen Punkten geglückt, aber doch ein überraschend mutiger und sehr gut besetzter TV-Film, der einen schockiert zurücklässt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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