Inhalt / Kritik

Nur ein einziges Leben

„Nur ein einziges Leben“ // Deutschland-Start: 11. März 2021 (DVD/Blu-ray)

Sommer 1942: Während der Norden Frankreichs fest in deutscher Hand ist, können im Süden des Landes die meisten noch relativ frei leben. Doch auch dort mehren sich die ersten Anzeichen, dass Veränderungen bevorstehen. So entdeckt der junge Hirte Jo (Noah Schnapp) eines Tages einen Fremden namens Benjamin (Frederick Schmidt), der sich zusammen mit seiner Schwiegermutter (Anjelica Huston) auf einer kleinen Farm versteckt. Und sie sind nicht allein, bei ihnen sind eine Reihe jüdischer Kinder. Während Benjamin ihnen über die Grenze nach Spanien zu helfen versucht, wartet er selbst sehnsüchtig darauf, seine eigene Tochter wiedersehen zu können, die er auf der Flucht vor den Nazis aus den Augen verloren hat. Jo ist fest entschlossen, sie bei ihrem Vorhaben zu unterstützen. Einfach wird das jedoch nicht. Denn schon kurze Zeit später haben die Deutschen das abgelegene Bergdorf erreicht und suchen überall nach Flüchtlingen …

Der heldenhafte Widerstand

Wo immer Menschen oder ganze Regimes andere unterdrücken, finden sich Leute, die gegen diese Unterdrückung ankämpfen. Das ist für Filmschaffende natürlich ein dankbares Thema, da sich aus solchen Widerstandskämpfen immer schöne Heldengeschichten stricken lassen. Vor allem der Zweite Weltkrieg bzw. der Holocaust wurden regelmäßig herangezogen, um von dem Mut Einzelner zu erzählen, während diese anderen zur Flucht verhalfen. Der mit Abstand bekannteste Film ist in der Hinsicht natürlich Schindlers Liste, der trotz des harten Inhalts an den Kinokassen einschlug und auch bei den Oscars abräumte. Andere Beispiele sind das in Polen spielende Die Frau des Zoodirektors mit Jessica Chastain oder Persona Non Grata über einen japanischen Konsul, der Tausenden von Juden das Leben rettete.

Ganz so viele sind es in Nur ein einziges Leben nicht. Tatsächlich sind es „nur“ eine Handvoll jüdischer Kinder, um die sich alles dreht. Doch um die bloße Zahl geht es nicht, sondern den Mut der Dorfbevölkerung. Vor allem aber den Mut des jungen Jo, der erstmals in seinem Leben mit dem Bösen in Berührung kommt und schnell den Entschluss fasst dagegen anzukämpfen. So etwas berührt natürlich noch einmal ein ganzes Stückchen mehr. Während die Erwachsenen hier zunächst sehr vorsichtig auftreten und nichts riskieren wollen, kann der Junge noch gemäß seinen Instinkten und seiner moralischen Überzeugungen agieren. Das darf man dann natürlich auch auf dessen mangelnde Erfahrung zurückführen oder auch darauf, dass er nicht dieselbe Verantwortung trägt. Inspirierend ist es dennoch.

Geschichtsstunde für Jüngere

Das gilt natürlich vor allem für die Zielgruppe, die hier doch eindeutig etwas jünger angesetzt ist. Wenn es hier nicht allein um die Rettungsaktion als solche geht, sondern um ein Bewusstwerden des Bösen durch die Augen eines Kindes, dann erinnert das schon an ein wenig an den französischen Kollegen Ein Sack voll Murmeln. Damals wurde aus der Sicht jüdischer Kinder erzählt, wie diese allein in den Süden Frankreichs fliehen und dabei den allgegenwärtigen Deutschen aus dem Weg gehen müssen. So wie dort geht es auch in Nur ein einziges Leben um eine Mischung aus kindlicher Unschuld, wachsender Bedrohung sowie Mut und Opferbereitschaft.

Nur geht das bei dem von Ben Cookson inszenierten Film mit einem sehr didaktischen Anspruch einher. Bei Nur ein einziges Leben vertraute man offensichtlich wenig darauf, dass das Publikum zu eigenen Schlüssen kommt, weshalb das alles gern mal ein wenig expliziter ausfällt. Das betrifft einerseits den Hang, alles sehr haarklein erklären zu wollen. Es betrifft vor allem aber auch die Streicher-Musik, die hier so dick über alles drüber gelegt wird, dass keine Luft zum Atmen mehr bleibt. Ein bisschen sanfte Manipulation ist in solchen Fällen natürlich keine Seltenheit. Hier fehlt jedoch jegliche Zurückhaltung oder auch das Gespür, wie viel ein einzelner Film verträgt.

Prominenz an der Oberfläche

Das ließe sich leichter verschmerzen, wenn der Inhalt entsprechend gegenwirken würde. Doch in der Hinsicht gibt sich die Adaption des Kinderbuches Waiting for Anya von Michael Morpurgo eher genügsam. Weder bei den Figuren, noch dem Ablauf der Geschichte wurde wahnsinnig viel Arbeit investiert. Die meisten Szenen kommen einem dann doch sehr bekannt vor. Am meisten Mühe gab man sich noch bei dem von Thomas Kretschmann verkörperten deutschen Offizier, der sich im Widerspruch zum Nazi-Feindbild einfühlsam gibt. Aber auch das durchaus prominente Ensemble, dem neben den oben genannten noch Jean Reno angehört, kann nicht so wirklich viel aus dem gut gemeinten, letztendlich aber nur oberflächlichen Stoff herausholen.

Credits

OT: „Waiting for Anya“
Land: UK, Belgien
Jahr: 2020
Regie: Ben Cookson
Drehbuch: Ben Cookson, Toby Torlesse
Vorlage: Michael Morpurgo
Musik: James Seymour Brett
Kamera: Gerry Vasbenter
Besetzung: Noah Schnapp, Thomas Kretschmann, Frederick Schmidt, Tómas Lemarquis, Gilles Marini, Elsa Zylberstein, Jean Reno, Anjelica Huston

Bilder

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Nur ein einziges Leben
In „Nur ein einziges Leben“ entdeckt ein Junge in Südfrankreich mehrere jüdische Kinder, die sich vor den Nazis verstecken, und will ihnen zur Flucht verhelfen. Der Film setzt dabei auf maximale Emotionalität, investiert im Gegenzug aber nicht viel in die Geschichte oder Figuren. Trotz der gut gemeinten Absicht ist das für ein jüngeres Publikum gedachte Drama daher nicht mehr als Durchschnitt.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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