Inhalt / Kritik

Jesus shows you the Way to the Highway

„Jesus Shows You the Way to the Highway“ // Deutschland-Start: 12. März 2021 (Blu-ray)

Im Jahre 2035 ist die Welt in der Hand der Supermächte, die sich gegenseitig bekriegen um die Kontrolle über die Erde. Jedoch findet dieser Kampf nicht länger in der realen Welt statt, sondern im globalen Netzwerken. Eines dieser Systeme ist Psychobook und wurde von der CIA entwickelt unter der höchsten Geheimhaltungsstufe, vor allem da nicht jeder Agent geeignet ist für die Einsätze, die nachhaltige Schäden für Körper und Geist hinterlassen können. Zwei dieser hochqualifizierten Agenten sind D. T. Gagano (Daniel Tadesse) und sein Partner Palmer Eldritch (Agustin Mateo), die von ihren Vorgesetzten zu einem gefährlichen Einsatz ins Psychobook aufbrechen müssen, steht dies doch nach dem Tod eines Agenten unter Verdacht infiltriert worden zu sein. Ein Virus namens „Stalin“ hat sich in den Weiten des Psychobook ausgebreitet und strebt nicht nur die Kontrolle des Netzwerkes, sondern auch der realen Welt an. Zur Seite stehen ihm dabei der politische Anführer Beta-Äthiopiens, ein Mann namens Batfro (Solomon Tashe). Schon bald müssen Gagano und Eldritch ihre hoffnungslose Unterlegenheit feststellen, denn nicht nur stellt sich „Stalin“ als ein mächtiger Gegner heraus, ihm gelingt es auch, Eldritch im Kampf zu besiegen und Gagano in eine Art Koma zu versetzen, sodass dieser die Simulation nicht mehr verlassen kann. Traurig darüber seine geliebte Malin (Gerda-Annette Allikas) zurückzulassen, mit der er sich zur Ruhe setzen wollte und ein Kickboxerstudio eröffnen wollte, versucht er einen Ausweg zu finden, was ihn aus Kollisionskurs mit Batfo und seinen Heerscharen bringt, wie auch mit seinen Bossen bei der CIA, die eine ganz eigene Agenda verfolgen.

Abstrakte Realitäten

Es ist nicht einfach, die Werke des Spaniers Miguel Llansó zu beschreiben, die beispielsweise schon auf dem Filmfestival in Locarno liefen oder dem Filmfestival Oldenburg, um nur zwei zu nennen. Seine oftmals internationalen Koproduktionen decken dabei ein breites Spektrum an Genres wie auch an Einflüssen ab, die von Referenzen zu Popkultur bis hin zu kulturkritischen Exkursen reichen. Weniger eine lineare Erzählung und mehr die Erörterung, was Kultur und Identität eigentlich in der heutigen Zeit bedeuten, treibt seine Kurzfilme wie Chigger Ale (2013) oder Night in the Wild Garden (2015) an genauso wie seinen ersten ebenfalls 2015 entstandenen Spielfilm Crumbs. In Jesus Shows You the Way to the Highway treibt der Regisseur diese Themen weiter, vermischt Agententhriller, Martial Arts und Science Fiction zu einer Geschichte, in der es vor allem darum geht, welche Ideologie die globale Kultur bestimmen wird.

Weniger als Genrebeiträge sollte man Miguel Llansós Spielfilme betrachten, sondern mehr als eine Art filmischer Collage über die Dekonstruktion von Kultur, deren Symbole und Ikonen, sowie deren Bezug zu unserer Realität. Schon in dem dystopischen Crumbs, ebenfalls zu einem großen Teil in Äthiopien gedreht, sind diese Versatzstücke der alten Kultur ein wichtiger Bestandteil der neuen Realität geworden und werden in einem neuen Kontext, beispielsweise als Artefakte einer antiken Kriegerkaste gesehen. In Jesus Shows You the Way to the Highway haben diese Symbole und Bilder beide Welten, die reale wie auch die digitale, übernommen, sodass es bisweilen schwerfällt zu unterscheiden, wo die eine Welt aufhört und die andere beginnt. Für die beiden Agenten wird ihr Einsatz daher nicht nur mit einer Gefahr für ihr Leben verbunden, sondern mit einem Verlust von Identität und der Aufhebung einer Welt, die sie doch eigentlich als real empfanden.

Darüber hinaus definiert sich die Welt des Films durch ein wahres Labyrinth an Anspielungen, vor allem auf andere Genres. Besonders der Bereich des Exploitation-Films hat es  Llansó dabei angetan, wenn er sich mehr als einmal auf jene Werke bezieht, die vor allem im europäischen wie auch asiatischen Kino versuchten, ein populäres Vorbild zu kopieren. Dies reicht von einem Charakter, der im Batman-Kostüm herumläuft und damit verweist auf die Fernsehserie mit Adam West, wie auch die mexikanischen Wrestler, luchadores genannt, bis hin zu den Agenten selbst, die bestenfalls wie schwächere Kopien eines berühmten Doppelnullagenten wirken. Die Realität wie auch die Simulation sind ununterscheidbar geworden in ihrem Imitieren von etwas, wurden zu einer schlechten Kopie, die sich nur noch selbst reproduziert.

Im Dschungel der Popkultur und der Identitäten

Wie auch der bemitleidenswerte Gagano, der in der Simulation gefangen ist und seinem eigentlichen Traum hinterher weint, am Strand eine Pizza-Bar aufzumachen, ergeht es auch dem Zuschauer, der sich bisweilen nicht sicher ist, ob es sich bei Llansós um eine Art dadaistisches Kino handelt oder um eine aus dem Ruder gelaufene Studie über globale Kultur. Scheinbar gibt es nichts Festes, nichts wirklich Fassbares in diesem Dschungel der Popkultur, sondern es hilft nur der Aufstand, auch wenn dieser auf eine andere Weise stattfindet, als man es vermutet. Wie schon in Chigger Ale, als Daniel Tadesse als der Albernheit preisgegebener Hitler-Imitator vor einem Poster Cristiano Ronaldos den Hitergruß macht, gibt es auch in Jesus Shows You the Way to the Highway den individuellen Akt sich dem popkulturellen Diktat und der Ideologie des Konsusm zu entsagen, sich eine eigene Identität zu schaffen, oder sich zumindest um eine solche zu bemühen.

Credits

OT: „Jesus Shows You the Way to the Highway“
Land: Spanien, Estland, Äthiopien, Lettland, Rumänien
Jahr: 2019
Regie: Miguel Llansó
Drehbuch: Miguel Llansó
Musik: Bill Dixon, Grosgoroth, Atomizator, Muletrain
Kamera: Israel Seone, Erik Põllumaa, Michael Babinec
Besetzung: Madeleine Sims-Fewer, Anna Maguire, Jesse LaVercombe, Obi Abili

Bilder

Trailer

Filmfeste

Fantasia Film Festival 2019
Filmfest Oldenburg 2019
Sitges 2019

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Jesus Shows You the Way to the Highway
„Jesus Shows You the Way to the Highway“ ist ein sehr eigenwilliger Mix aus Science-Fiction, Martial Arts-Kino und Agentenfilm, wobei die Liste der Verweise noch weitergehen könnte. In diesem psychedelischen, teils dadaistisch anmutenden Werk geht Regisseur Miguel Llansó der Verbindung von Kultur und Identität nach, und nähert sich in seinen besten Szenen den Werken eines Terry Gilliam an.
8von 10

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