Inhalt / Kritik

Wilsberg - Überwachen und belohnen

„Wilsberg: Überwachen und belohnen“ // Deutschland-Start: 20. Februar 2021 (ZDF)

Bei Georg Wilsberg (Leonard Lansink) hängt der Haussegen mal wieder schief. So gibt es immer wieder Streit mit den Nachbarn, er ist mit seiner Miete seinen Monaten im Rückstand und muss zu allem Übel auch noch wegen eines Wasserschadens vorübergehend mit seinem Antiquariat ausziehen. Zeit zum Ärger hat er aber nicht, denn kurze Zeit später steht Christine Lau (Susanne Bormann) vor seiner Tür und will seine Dienste als Privatdetektiv in Anspruch nehmen: Ihr Freund ist kürzlich überfahren worden. Doch während die Polizei darin nur einen tragischen Verkehrsunfall sieht, ist sie überzeugt, dass er ermordet wurde. Sie weiß auch schon warum: Er misstraute seiner Firma, deren App es erlaubt, für vorbildliches soziales Verhalten Punkte zu sammeln und belohnt zu werden. Das lässt sich der technikskeptische Wilsberg nicht zweimal sagen und begibt sich zusammen mit der jungen Merle (Janina Fautz) auf Spurensuche. Pikant: Seine Nichte Alex (Ina Paule Klink) arbeitet ebenfalls in dem Unternehmen und ist so gar nicht begeistert darüber, dass er dort nun herumschnüffelt …

Ein Urgestein und neue Medien

Unter den vielen Krimireihen, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen tagein, tagaus ausgestrahlt werden, gehört die ZDF-Produktion Wilsberg zu den großen Institutionen. Seit 1995 schon ist der grummelige Buchantiquar, der nebenher als Privatdetektiv arbeitet, im Dienste der Gerechtigkeit unterwegs. Mit Überwachen und belohnen steht nun bereits der 71. Fall des Dauerbrenners auf dem Programm. In den zweieinhalb Jahrzehnten hat sich personell zwar das eine oder andere getan, so ist der aktuelle Film beispielsweise der letzte Auftritt von Ina Paule Klink (Der Zürich-Krimi). Im Großen und Ganzen ist es aber so, als wäre die Zeit stehengeblieben.

Wenn der nicht unbedingt für progressive Gedanken und Mut zur Änderung bekannte Antiquar mit einem Kriminalfall rund um eine Smartphone-App unterwegs ist, kann man sich daher schon denken, wie das abläuft. Schließlich hat er nicht einmal ein Smartphone. Dankenswerterweise versteift sich Wilsberg: Überwachen und belohnen aber nicht darauf, aus diesen zwei so unterschiedlichen Welten immer wieder billige Witze ableiten zu wollen. Humor gibt es aber natürlich schon immer mal wieder, wie es die Fans auch gewohnt sind. So darf sich beispielsweise der Polizist Overbeck (Roland Jankowsky) in einer schönen Hommage an Der rosarote Panther an einer Verkleidung versuchen. Auch der Finanzbeamte Ekki Talkötter (Oliver Korittke), der mal wieder in alles reingezogen wird, hat seine komischen Momente.

Kauzige Krimifiguren

Das meiste geht dabei auf die zwischenmenschliche Komponente zurück. Drehbuchautor David Ungureit (Männerhort) legt schon einen größeren Wert auf die kauzigen Figuren, bei denen eigentlich nie etwas wirklich reibungslos funktioniert und das gegenseitige Aufziehen Tradition hat. Dabei gerät dann schon fast in Vergessenheit, dass es in Wilsberg: Überwachen und belohnen um richtig ernste Dinge geht. Neben dem Mord, der den TV-Krimi einleitet, bedeutet dies in erster Linie das immer wieder relevante Thema der systematischen Überwachung. Das tauchte früher immer wieder in Thrillern oder dystopischen Stoffen auf: Big Brother Is Watching You, der Staat schaut mit.

Wilsberg: Überwachen und belohnen befasst sich hingegen mit der neueren Ausführung, wenn nicht Staat, Polizei und Geheimdienste die Menschen aushorchen, sondern Unternehmen. Auch da gibt es langsam ein Umdenken, vor allem die fragwürdigen Machenschaften von Google und Facebook, die Nutzerdaten als Währung erkannt haben, stehen bei der Gegenbewegung im Mittelpunkt. Der Krimi ist daher schon am Puls der Zeit, spricht indirekt auch ein weiteres Phänomen einer vernetzten Menschheit an: der Zwang zur Normierung. Wer sich in dem Film nicht ordnungsgemäß verhält, bekommt in der App Minuspunkte, was sich negativ auf solche Faktoren wie Jobsuche oder den Kauf von Konzertkarten auswirken kann.

Leider wenig spannend

Das ist eine durchaus interessante Vision, zumal sie aufzeigt, wie schwierig es manchmal ist, Grenzen noch zu ziehen. Was auf den ersten Blick eigentlich ganz positiv wirkt – die Menschen sollen dazu ermuntert werden, sich sozialer und hilfsbereiter zu verhalten – wird über die Hintertür zu einem Überwachungstool mit ganz anderen Möglichkeiten. Leider stand man sich aber bei der konkreten Ausgestaltung der Geschichte selbst im Weg. Durch den Hang zum Klamauk kann man Wilsberg: Überwachen und belohnen nie so wirklich ernstnehmen, diverse Klischees und die überzogene Darstellung des Unternehmens rauben dann endgültig die Spannung. So bleibt dann ein TV-Krimi, der durchaus interessante Ansätze hat, insgesamt aber sein Thema nicht gut genug nutzt.

Credits

OT: „Wilsberg: Überwachen und belohnen“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Dominic Müller
Drehbuch: David Ungureit
Musik: Stefan Hansen
Kamera: Ralf M. Mendle
Besetzung: Leonard Lansink, Oliver Korittke, Ina Paule Klink, Rita Russek, Roland Jankowsky, Janina Fautz, Susanne Bormann, Katharina Nesytowa

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Wilsberg: Überwachen und belohnen
In „Wilsberg: Überwachen und belohnen“ dreht sich alles um eine App, die das soziale Verhalten von Menschen aufzeichnet und beurteilt. Der TV-Krimi entwirft dabei ein interessantes und sehr aktuelles Szenario, ist dabei aber so überzogen, dass am Ende die Wirkung und sie Spannung geringer als möglich sind. Dafür gibt es des Öfteren Grund zum Schmunzeln.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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