Inhalt / Kritik

Tod von Freunden

„Tod von Freunden“ // Deutschland-Start: 7. Februar 2021 (ZDF) // 5. März 2021 (DVD)

Seit vielen Jahren schon lebt Sabine Küster (Katharina Schüttler) mit ihrem Mann Bernd (Jan Josef Liefers) sowie den beiden Söhnen Kjell (Lukas Zumbrock) und dem autistischen Karl (Anton Petzold) in Flensburg. Die Familie verbindet eine enge Freundschaft mit den Jensens, deren Kinder in der von Bernd geleiteten Kanu-Mannschaft sind sowie in Sabines Tanzkurs. Zudem sind Bernd und Charlie Jensen (Lene Maria Christensen) Arbeitskollegen und kollaborieren gerade an einem ambitionierten internationalen Bauprojekt, welches in den USA fertiggestellt werden soll. Doch über der Familienidylle liegt ein Schatten, der Sabine und Jakob Jensen (Thure Lindhardt) in Gestalt des alten Freundes Jonas (Jacob Cedergren) einholt, der auf einmal in der Stadt auftaucht und vor allem Sabine immer mehr durch seine Anwesenheit verstört. Sie beschuldigt ihn, er wolle ihr Glück zerstören, doch Jonas lässt sich weder durch Drohungen noch Beleidigungen abwimmeln. Allerdings holt die beiden Familien schon recht bald eine andere Tragödie heim, denn bei einem Segeltörn ist auf einmal Kjell verschwunden. Während Bernd Ungeduld mit der dänischen Polizei täglich wächst und Sabine sich mehr und mehr von ihm distanziert, scheint Cecile (Milena Tscharntke), die Tochter der Jensens, etwas mehr zu wissen, als sie vorgibt.

Verbrauchtes Glück

Für seine neue im ZDF anlaufende Mini-Serie Tod von Freunden bedient sich Regisseur und Drehbuchautor Friedemann Fromm (Die Freibadclique) sowohl Elementen des Dramas wie des Thrillers und erzählt eine Geschichte über den Verlust von Sicherheit, über Lügen und eine unverarbeitete Vergangenheit, welche die Figuren wieder einholt. Wie schon in Projekten wie Weissensee bedient sich Fromms Inszenierung eines multiperspektivischen Ansatzes, beleuchtet viele Aspekte eines Ereignisses, wodurch sich unerwartete Enthüllungen ergeben und sich langsam ein weitaus komplexeres Bild dem Zuschauer offenbart, was durch immer mehr Details angereichert wird.

Im Zentrum stehen gleich zwei Familien, deren Verbindung, Freundschaft und Frieden ganz zu Anfang noch perfekt sind. Jedoch zeigen sich schon bald erste Anzeichen auf einen Wandel durch kleine, fast schon vernachlässigbare Einzelbilder und Gesten, die sich auf subtile Weise zeigen und nach und nach den Eindruck einer inneren Unruhe geben, eines Gefühls, dass jenes Glück eben nur auf Zeit ist, wie es die von Katharina Schüttler gespielte Sabine an einer Stelle sagt. Während sie in ihrer Tanzgruppe an fragilen, genau abgestimmten Menschenskulpturen und Bewegungsabläufen feilt, ist es bei dem von Jan Josef Liefers gespielten Bernd Küster die Konstruktion eines Bauwerkes, ebenso perfekt wie das Privatleben, welches er sich aufgebaut hat. Als wäre dieser Glücksreigen nicht schon genug, gesteht ihm Sabine auch noch ihren Wunsch nach einem weiteren Kind.

Blicke, Fotos und die Sicht einer Kamera, genauer gesagt einer Drohne, gesteuert von dem autistischen Karl, zeigen immer mehr den dunklen Hintergrund, der sich ergibt, je mehr man hinter die Fassade beider Familien schaut. Gerade der multiperspektivische Ansatz, der in jeder Folge eine andere Figur in den Fokus nimmt, betont die Stärken der Geschichte, wenn beispielsweise einzelne Szenen in einem anderen Kontext erscheinen oder wichtiger sind als anfangs geahnt.

Heim und Sicherheit

Etwas arg mit der Brechstange geschrieben fällt die Ankunft von Jonas, jenem „Geist der Vergangenheit“, die man eigentlich begraben wollte, mit einem Bild von Flüchtlingen zusammen, welche die Küsters auf der Heimfahrt sehen. Der Satz Bernds, eines Gutmenschen wie er im Buche steht, betätigt den gesellschaftlich vertretbaren Konsens von den Menschen, die auch nur ein Heim und Sicherheit suchen, was von den anderen Passagieren im Auto mit Schweigen quittiert wird sowie einem letzten Blick Kjells auf die Menschengruppe, die wieder in die Nacht verschwindet. Auch wenn dieser Moment kurz ist und die Flüchtlingskrise für den Rest der Handlung nicht signifikant zu sein scheint, bleibt der Moment der Unruhe, die Idee, dass sich etwas ändert in eben jener Sicherheit, welche die beiden Familien für sich doch gepachtet hatten.

Immer mehr zersetzt sich diese Heimat, mit jeder Enthüllung etwas mehr. Doch es ist nicht nur der Ort und die Zeit, es sind auch die Menschen und ihre Identitäten, welche in einem Auflösungsprozess begriffen sind. Dank seines eindrucksvollen Ensembles, allen voran Katharina Schüttler und Milena Tscharntke, gelingt ein packender und bisweilen sehr tragischer Prozess der Erosion aller Sicherheiten, der auf ein unaufhaltsames Ende hinsteuert, welches man ahnt, von dem man seinen Blick aber dennoch nicht abwenden kann.

Credits

OT: „Tod von Freunden“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Friedemann Fromm
Drehbuch: Friedemann Fromm
Musik: Stefan Mertin, Mirko Michalzik
Kamera: Ralf Noack
Besetzung: Jan Josef Liefers, Katharina Schüttler, Lene Maria Christensen, Thure Lindhardt, Milena Tscharntke, Oskar Belton, Lukas Zumbrock, Anton Petzold, Jacob Cedergren

Bilder

Interview

Tod von FreundenWas bedeutet es Grenzen, überschreiten zu müssen? Und welche Rolle spielt dabei das Tanzen? Diese und weitere Fragen haben wir Schauspielerin Katharina Schüttler in unserem Interview zu Tod von Freunden gestellt.

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Tod von Freunden
„Tod von Freunden“ ist eine packende Mini-Serie, welche Drama und Thriller in sich vereint. Die Familiengeschichte, die Regisseur Friedemann Fromm erzählt, bedient sich eines multiperspektivischen Ansatzes, was sich erzählerisch als echter Gewinn für die an sich schon gut gespielte Geschichte erweist.
8von 10

8 Responses

  1. Andrea Boysen

    Puuh… ich habe mir die ersten drei Folgen angeschaut und auf Mediathek dann die letzte. Arg konstruiert und nicht wirklich nachvollziehbar. Bei der Besetzung und dem Regisseur hätte ich mir etwas anderes vorgestellt. Sehr schade.

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  2. Dirk Jungnickel

    Eine überambitionierte Kopfgeburt
    Ohne auf Näheres einzugehen: Schon die alberne Idee der Zweisprachigkeit , die dramaturgisch völlig
    unbegründet ist und der Sprachenwechsel nervt.
    Die weiblichen Hauptdarstellerinnen sind sehr schwach, selbst Liefers kann sichtlich oft mit den Texten wenig anfangen.
    Weder die aufgesplittete Erzählweise noch die Drogenproblematik sind neu. Vier Folgen waren das Äußerste an Erträglichen. Ärgerlich vor allem der Trommelwirbel bei den Ankündigungen !!!

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    • Chris

      Gibt es denn auch männliche Hauptdarstellerinnen? Ist mir da etwas entgangen?

      Aber die Zweisprachigkeit, die laut einigen Rezensionen ach so subtil eingesetzt wäre, fand ich auch nervig. Warum wird in der dänischen Familie manchmal untereinander deutsch gesprochen? (Auch in der Mediathek!)

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  3. Heike

    Ich fand den Film, die Aufteilung und die Darsteller sehr gut. Habe lange nicht mehr einen Film gesehen, wo ich gespannt auf die Folgen war.
    Bewertung *****

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  4. Axel

    Die zunächst durchaus unterhaltsame Serie landet hintenraus (insbesondere und konkret: in der letzten Folge „Kjell“) leider durch Klischeehaftigkeit auf dem Niveau einer Vorabendserie. Schade.

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  5. Colorada

    Der Hintergrund ist nicht wirklich schlüssig. Wer so viele schlimme (!) Geheimnisse aus der Vergangenheit nicht mit seinen PartnerInnen teilt, kann doch gar nicht erst so ein Paradies aufbauen, in dem die Kinder aber auch derart konform und gelungen sind: die einen tanzen voller Begeisterung mit der Mutter, die anderen spielen Kayakpolo mit dem Vater, der autistische Sohn (wohl nicht ganz zufällig zurechtgemacht wie Leonardo di Caprio in Idaho) ist bestens integriert.
    Diese beiden Familien wohnen also nun ca 17 Jahre glücklichst zusammen auf dieser Insel und dann zeigen sich auf einmal lauter Abgründe. Die Goldkinder verfallen plötzlich den Drogen, die Liebe der Elternpaare scheint nicht sonderlich tief zu sein- sie verstehen sich eher überkreuz gut. Und welche Gefahr nun der Bruder bzw Onkel eigentlich darstellt, versteht man nicht – gut, er kennt das Geheimnis der Vateraschaft, aber bitte, deshalb muss man doch nicht derart in Panik verfallen. Immerhin hat er für die anderen im Knast gesessen, wie es scheint.
    Insgesamt ist es nicht glaubwürdig – und ich komme auf meine Anfangsthese zurück -, dass diese Truppe jahrelang ein solches Paradies überhaupt aufrecht erhalten konnte.

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    • Bernd aus Kassel

      Sehr gut gesehen und erkannt. Unsere Bewunderung gilt Jedem, der in der Lage, dieses nervige Vor- und Zurück, von Ein- und Umblendungen unterbrochenen clipartigen Monumentalfilm auf Vorabendniveau so lange auszuhalten!

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  6. Bernd aus Kassel

    Hat sich das wirklich Jemand komplett angetan?
    Wir jedenfalls hielten es nur eine halbe Stunde aus, den „Inhalt“ immer wieder von vorn und hinten in verschiedenen Sprachen und Gesichtspunkten durchgekaut zu sehen.
    Das Original „Rashomon“ als Filmexperiment war ein künstlerisch wertvolles Erzeugnis, dasden Zuschauer fesseln konnte.
    Doch diese 8 (!!!) Stunden murmeltierähnlichen Wiederholungen der gleichen Szenen, die versuchten, den Spannungsbogen von 45 Minuten Inhalt in immer wieder anders vertonten und inszenierten „Wahrheiten“ auf den Zuschauer loszulassen, war nichts anderes, als eine filmische Versuchsarbeit zur Vorlage als Bewerbung bei einer Filmhochschule als fertiges Filmprodukt pseudointellektueller Regisseure zu verkaufen.
    Schade, dass öffentlich-rechtlicher Finanzrahmen so sehr missbraucht wird, um experimentierfreudigen Anfängern ein staatlich finanziertes Instrument zur inhaltlich entllerten Kunstproduktion zu bieten:
    Note: 1 von 10; einfach total uninteressant, da aus Shortstory ein epischer Roman gemacht wurde.

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