In der Serie Kanzlei Berger (ab 10. Februar 2021 im ZDF) spielt Nele Kiper die Anwältin Niki Berger, die nach einem Herzinfarkt ihres Vaters zusammen mit ihrer Schwester die Familienkanzlei führen soll – was zu jeder Menge Streitereien führt, da beide grundverschieden sind. Wir haben die Schauspieler in unserem Interview zu starken Frauenrollen, den Einfluss der Familie und das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit befragt.

In Kanzlei Berger spielen Sie eine Anwältin, die gemeinsam mit ihrer Schwester in der Kanzlei des Vaters arbeitet. Was hat Sie an der Serie gereizt?

In erster Linie hat mich gereizt, dass es ein Format ist mit zwei Frauen an der Spitze. Das ist dann doch noch eher selten im deutschen Fernsehen. Und wenn gibt es da oft ein Gefälle oder ist klischeebehaftet. Da ist zum Beispiel die eine die Karrierefrau und die andere die Dumpfbacke, die eine ist hübsch und die andere hässlich. Bei uns haben wir zwei Frauen, die zwar unterschiedlicher nicht sein könnten, die sich aber auf Augenhöhe begegnen und beide auf ihre Art absolut liebenswürdig sind. Es sind zwei unabhängige und selbstbewusste Frauen, was ich sehr zeitgemäß finde. Außerdem sind die Drehbücher einfach sehr gut geschrieben. Die Konflikte und die Dialoge sind so aus dem Leben gegriffen, dass ich mein eigenes Familienleben häufig darin wiedererkenne. Das Spielen ist mir deshalb auch nicht sehr schwer gefallen, weil ich immer das Gefühl hatte: Ja, das kenne ich.

Wie würden Sie Ihre Figur denn beschreiben?

Niki ist auf jeden Fall sehr zielstrebig und ambitioniert. Sie ist eher pragmatisch, flüchtet sich auch gerne mal ins Rationale und definiert sich sehr über ihre Arbeit. Wenn es hingegen gefühlig wird, dann nimmt sie schnell Reißaus. Sie strahlt nach außen hin eine große Souveränität und Sicherheit aus, aber das ist schon ein Stück weit auf einem wackligen Fundament gebaut, weil sie Angst hat, verletzt zu werden. Das ist natürlich ein starker Kontrast zu ihrer Schwester, die wahnsinnig empathisch ist, was zu einer Reihe von Konflikten führt. Schließlich sind sie nicht nur charakterlich sehr verschieden, sondern auch in ihrer Arbeitsweise.

Nur weil zwei Menschen unterschiedlich sind, bedeutet das aber nicht zwangsläufig, dass sie deswegen streiten müssen. Warum ist das Verhältnis zwischen ihnen so schwierig?

Im Großen und Ganzen kommen sie schon sehr gut miteinander aus. Sie schätzen sich, der Grundrespekt voreinander, der ist immer da. Sie lieben sich auch als Schwestern. Indem sie miteinander arbeiten müssen, werden sie aber mit dieser Unterschiedlichkeit konfrontiert. Wenn die eine immer nur im Alleingang arbeiten will und dabei diverse Hintertürchen nutzt, dann gefällt der anderen das gar nicht, weil sie das korrekt machen will. Dabei geht es auch um den Gegensatz von Recht und Gerechtigkeit. Die eine sagt: Der Sachverhalt ist klar, wir können aus den Wegen A, B oder C auswählen. Die andere sagt: Nein, wir müssen dabei auch darauf schauen, was das für die Menschen bedeutet. Das ist dieser Grundkonflikt zwischen den beiden, der bei der Arbeit immer wieder durchbricht. Privat sind sie eigentlich glücklich mit ihrem jeweiligen Leben.

Ist es allgemein klug, das Private und das Berufliche auf solche Weise zu vermischen?

Das ist die Frage. Ich habe tatsächlich selber eine ältere Schwester. Und da gibt es immer Konfliktpotenzial. Wenn ich mir vorstelle, dass wir beruflich miteinander arbeiten würden, das wäre schon eine Herausforderung, weil du da auch einfach nicht objektiv sein kannst. Du hast immer dieses subjektive Bild vom anderen, das du dir aufgebaut hast. Andererseits: Wenn Caro und Niki keine Schwestern wären, hätten sie nichts miteinander zu tun. Sie würden sich vielleicht bei der Arbeit erst recht auseinandernehmen, weil dieser Grundrespekt voreinander fehlen würde.

Kanzlei Berger Staffel 1

Streit um Gerechtigkeit: die ungleichen Schwestern Caro Berger (Eva-Maria Reichert) und Niki Berger (Nele Kiper) in „Kanzlei Berger“ (© ZDF/Hannes Magerstaedt)

Bei Kanzlei Berger kommt noch hinzu, dass der Vater auch Anwalt ist und die Erwartung hat, dass seine Kinder ihm folgen. Wie war das bei Ihnen? Wie hat Ihre Familie auf Ihren Wunsch reagiert, Schauspielerin werden zu wollen?

Ich habe meine ganze Kindheit und Jugend Theater gespielt. Da war es schon so, dass immer mal wieder jemand auf mich zukam und gemeint hat, ich sollte das auch beruflich machen. Am Anfang habe ich das immer kategorisch abgelehnt, weil es für mich Wahnsinn war, mich wirtschaftlich so sehr davon abhängig zu machen, Engagements zu bekommen. Als es dann aufs Abitur zuging und alle um mich herum schon wussten, was sie machen wollen, war ich deshalb entschlossen, etwas Vernünftiges zu machen. Ich war auch bei einem Assessment Center einer großen Firma, die mir ein voll finanziertes Studium ermöglicht hätte. Ich hatte schon den Stift in der Hand, um den Vertrag zu unterschreiben, und habe mich in letzter Sekunde dagegen geschieden, weil ich dachte: Oh Gott, das bin ich nicht. Als ich das meinen Eltern erzählte und ihnen sagte, dass ich in die künstlerische Richtung gehen will, waren sie tatsächlich erleichtert, weil das für sie viel besser zu mir passte. Ich habe wirklich wahnsinnig große Unterstützung erfahren und bin dafür sehr dankbar. Sie hatten zwar schon die Erwartung, dass ich das auch ernsthaft betreibe, haben mir aber viele Freiheiten gelassen und meine Entscheidung nicht in Frage gestellt.

Haben Sie selbst diese Entscheidung denn je in Frage gestellt?

In Frage gestellt ja, permanent. Dieser Beruf bringt es schließlich mit sich, dass ich mir alles vorstellen kann und muss. Wenn ich jemand anderen spiele, dann stelle ich mir vor, ein komplett anderes Leben zu führen, als ich es eigentlich tue. Insofern kann ich mir auch vorstellen, im realen Leben etwas anderes zu tun. Aber ich habe es nie bereut, Schauspielerin geworden zu sein. Ich empfinde es als meine Berufung. Außerdem bin ich sehr neugierig und will unbedingt wissen, wie andere Menschen ticken und warum sie so sind, wie sie sind. Diese Neugierde ist so unersättlich in mir, dass ich gar nicht wüsste, wie ich sie anders stillen könnte.

Müssen Sie sich beim Spielen in dieser Person wiederfinden können?

Da bin ich völlig uneitel und würde mir wünschen, mich noch weiter von mir selbst zu entfernen. Insofern fände ich es toll, wenn man mir Rollen anbietet, die privat wirklich gar nichts mehr mit mir zu tun haben. Das ist natürlich schwierig, weil du schon rein äußerlich auf bestimmte Rollen festgelegt wirst. Das wird jetzt langsam besser: Jetzt, da ich älter und reifer bin, traut man mir auch mehr zu. Ich habe jahrelang darunter gelitten, dass man mich auf den Typus schlank und lange blonde Haare reduziert hat. Deswegen finde ich es wie eingangs gesagt toll, dass es in Kanzlei Berger gleich zwei starke und intelligente Frauen gibt.

Und wie ist das bei Niki? Wieviel von Ihnen steckt in ihr?

Ich würde sagen eine gute Mitte. Da ist schon viel von mir drin, wie eben diese Familienkonstellation, die ich aus meinem eigenen Leben kenne. Ich hab auch schon ein bisschen den Biss, den Niki hat. Aber ich bin lange nicht so rational wie sie. Ich bin da viel emotionaler.

Eines der großen Themen in Kanzlei Berger ist der von Ihnen angesprochene Gegensatz von Recht und Gerechtigkeit. Da sind sich die zwei Schwestern ja nicht immer einig. Worum sollte es Ihrer Meinung nach vor Gericht gehen?

Wir leben in einem Rechtsstaat, da sollte es in erster Linie um Recht gehen. Deswegen haben wir in Deutschland so viele Formeln und Wälzer voller Gesetze. Das ist auch gut so. Gleichzeitig rutschen dadurch aber immer wieder Fälle gefühlter Ungerechtigkeit dazwischen. Wieso geht jemand, der einen anderen umgebracht hat, nicht länger ins Gefängnis? Dennoch bin ich persönlich der Meinung, dass vor Gericht das Recht gelten sollte. Ein Richter, der sich von seinem Mitgefühl leiten lässt, wird nicht in der Lage sein, ein objektives Recht zu sprechen. Gleichzeitig braucht es aber schon auch ein Gerechtigkeitsgefühl, da sich Gesetze unterschiedlich interpretieren lassen.

In einer Folge der Serie lügt eine der Figuren, weil anders die Wahrheit nicht ans Licht kommen würde. Heiligt in einem solchen Fall der Zweck die Mittel?

Laut meiner Figur Niki ja. Das ist dann auch genau der Konflikt zwischen den Schwestern in der Folge. Meiner privaten Meinung nach ist das nicht der richtige Weg.

Nachdem die erste Staffel jetzt abgeschlossen ist, wie geht es weiter? Gibt es eine zweite Staffel?

Das hoffen wir. Ich würde mich sehr freuen, wenn es weitergeht. Wir haben alle auf jeden Fall Lust, die Figuren noch weiter zu entwickeln. Ideen gibt es dafür auch schon. Aber wir müssen jetzt erst einmal die Ausstrahlung abwarten und die Quoten sehen.

Und abseits der Kanzlei, was steht bei Ihnen an?

Es ist ein schönes großes Kinoprojekt in der Pipeline, über das ich leider noch nicht reden darf. Außerdem kommt noch der Film Catweazle heraus. Das war für mich ein absolutes Highlight, weil Otto Waalkes mitspielt und er ein Idol meiner Kindheit gewesen ist. Und ich ermittle wieder als Kommissarin Lola Karras mit Armin Rohde in Der gute Bulle.

Zur Person
Nele Kiper wurde am 29. Mai 1983 in Hannover geboren. Schon als Kind stand sie auf der Bühne einer Kindertheatergruppe. Nach dem Abitur zog sie nach Dortmund, um Linguistik und Komparatistik zu studieren. Gleichzeitig spielte sie am Theater Narrenschiff in Unna. Danach nahm sie privaten Schauspielunterricht und ging ans Institut für Tanz und Theater in Hannover. Seither ist sie oft im Fernsehen zu sehen. Am 10. Februar 2021 startet ihre neue Serie Kanzlei Berger im ZDF. Eine Woche später läuft ebenfalls im ZDF Nur Tote reden nicht aus der Krimireihe Der gute Bulle, in der sie seit 2017 die LKA-Hauptkommissarin Lola Karras spielt.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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