Inhalt / Kritik

Die Ehre der Familie Honour

„Die Ehre der Familie“ // Deutschland-Start: 26. Februar 2021 (Arte)

Als Rahmat Suleimani (Moe Bar-El) seine Freundin Banaz Mahmod (Buket Komur) als vermisst meldet, ist der Name der Polizei bereits bestens bekannt. Schließlich hatte die in London lebende junge Kurdin mehrfach bei dieser um Hilfe gebeten, ohne je ernst genommen geworden zu sein. Für Detective Chief Inspector Caroline Goode (Keeley Hawes), die den Fall übernommen hat, ist dies ein unentschuldbarer Skandal. Sie ist fest dazu entschlossen, die 20-Jährige zu finden, setzt alles daran, für Gerechtigkeit zu sorgen. Bei der Familie des Opfers stößt sie dabei auf eine Wand des Schweigens. Bis ihr ein schrecklicher Verdacht kommt, schließlich hatte Banaz einige Wochen zuvor angegeben, dass ihre Familie sie umbringen will, als Strafe dafür, ihren Mann verlassen zu haben …

Schockthema Ehrenmord

Das Thema des Ehrenmordes sorgte in den letzten Jahren immer mal wieder für Schlagzeilen. Der Ablauf ist dabei immer ähnlich: Eine streng konservative Familie aus dem Ausland bestimmt über eine junge Frau. Als die sich jedoch gegen die Unterdrückung wehrt, beispielsweise durch einen gewalttätigen Ehemann, oft älter als sie und ihr vorgegeben, ist die Wut innerhalb der Familie groß. So groß, dass die junge Frau sogar getötet werden soll, entweder durch eigene Tat oder Anstiftung, damit die Ehre des Mannes und damit der Familie wieder hergestellt wird. Der Schock ist im Anschluss groß, nicht nur darüber, dass es solche Verbrechen immer noch gibt, sondern dass sie mitten bei uns geschehen können.

Die Ehre der Familie erzählt von einem solchen Fall, der sich vor rund 15 Jahren in Großbritannien zugetragen hat. Das Muster ist wie immer gleich: Zwangsverheiratung, Gewalt gegenüber der Frau, ein bisschen Gegenwehr und damit noch mehr Gewalt. Empörungspotenzial hat der Film, der ein Zusammenschnitt eines TV-Zweiteilers ist, damit mehr als genug. Die Ansichten der kurdischen Familie sind so ungeheuerlich und menschenverachtend, so wenig vereinbar mit dem Leben, das im Westen geführt wird, dass die eigene Reaktion zwischen Wut und Ungläubigkeit wechselt.

Die Polizei, dein Nicht-Freund und Nicht-Helfer

Der zweite Schock ist aber der, dass Banaz die Polizei um Hilfe gebeten hat, mehrfach, dabei aber jedes Mal abgewiesen wurde. Die Ehre der Familie ist deshalb nicht allein ein Film über das Thema Ehrenmord bzw. wie in Parallelgesellschaften Werte propagiert werden, die mit unseren nicht zu vereinbaren sind. Vielmehr hat Regisseur Richard Laxton (Fortitude) hier eine bittere Anklage gedreht gegenüber einem System, das die Schwachen im Stich lässt, sich nicht wirklich dafür interessiert, was mit anderen geschieht. Ein System, das sicher auch rassistisch geprägt ist, selbst wenn das hier eher offen gelassen wird und keine eindeutigen Antworten gegeben werden.

Zumindest am Anfang ist das effektiv, nicht zuletzt wegen der Darstellung von Keeley Hawes (Bodyguard) als Ermittlerin, die empört ist über die (Nicht-)Arbeit der Kollegen und Kolleginnen. Dennoch ist der Film nicht wirklich geglückt, was nicht zuletzt der Schwerpunktlegung geschuldet ist. Anders als etwa Nur eine Frau, das sich ebenfalls eines wahren Falles annimmt, befasst sich die britische Fassung nur zum Teil mit dem Opfer. Anstatt aus dem Stoff das Porträt der jungen Frau zu machen, wurde hier eine Krimi angestrebt, der sich lange mit der Suche nach Spuren befasst als mit der eigentlichen Geschichte. Das Ende ist dafür sehr abrupt, Die Ehre der Familie greift zum Teil auf Texttafeln zurück, um den Rest noch irgendwie abzuarbeiten.

Fragwürdige Umsetzung

Das wird nicht nur fragwürdig, macht es doch das Opfer ein bisschen zum Mittel zum Zweck. Es ist außerdem nicht einmal so, dass der Krimi übermäßig spannend wäre. Selbst wer den Fall nicht vorher kennt, weiß eigentlich sofort, was wirklich passiert ist. Die Ehre der Familie bietet schließlich keine echten Alternativen, der Titel verrät es ohnehin. Dann bleiben zwar noch die Fragen, wer es nun genau gewesen ist und wo die Leiche versteckt sein kann. Beides reicht hier aber für einen Genrebeitrag nicht aus. So schockierend die Geschichte und das Verhalten der Familie auch sind, der Film holt weder in die eine, noch die andere Richtung genug aus dem Stoff. Banaz Mahmod und die anderen Frauen, die in einer solchen Situation sind, hätten da mehr verdient.

Credits

OT: „Honour“
Land: UK
Jahr: 2020
Regie: Richard Laxton
Drehbuch: Gwyneth Hughes
Musik: Matthew Herbert
Kamera: Laurens De Geyter
Besetzung: Keeley Hawes, Buket Komur, Michael Jibson, Mark Stanley, Moe Bar-El, Rhianne Barreto, Ahd

Bilder

Trailer

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Die Ehre der Familie
„Die Ehre der Familie“ erzählt die Geschichte einer jungen Kurdin, die mitten in London Opfer eines Ehrenmordes wurde. Der Fall an sich ist schockierend, zumal die Polizei ihr vorab die Hilfe verweigerte. Richtig gelungen ist der TV-Film aber nicht, der aus dem Stoff irgendwie einen Krimi machen will. Das wird dem Thema nicht gerecht, ist dabei nicht einmal wirklich spannend umgesetzt.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Barbara Schmidt

    Ich habe den Film auf ARTE gesehen und fand ihn sehr beeindruckend und bedrückend. Am schockierendsten fand ich die Untätigkeit der Polizei, die dem späteren Opfer nicht glaubte und deshalb nicht half.
    Ich verstehe die Kritik des Rezensenten nicht.

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