Inhalt / Kritik

Before Sunrise

„Before Sunrise“ // Deutschland-Start: 30. März 1995 (Kino)

Auf einer Zugfahrt von Budapest aus nach Frankreich lernen sich der US-Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) und die französische Studentin Céline (Julie Delpy) näher kennen, als sich sie, gestört durch den lauten Streit eines mitreisenden Ehepaares, in den Speisewagen flüchten. Während Jesse erzählt, er müsse nach Wien, um dort einen Flug zurück in die Staaten zu bekommen, berichtet Céline von ihrem Besuch bei ihrer Großmutter in Budapest und dass sie nun auf der Rückreise nach Paris sei, wo schon bald ihre Vorlesungen an Sorbonne beginnen werden. Schon recht bald kommen die beiden auf ersten Themen wie Familie und Liebe zu sprechen, wobei sie, trotz teils unterschiedlicher Meinungen, feststellen, dass sie einen guten Draht zueinander haben und sich sehr sympathisch sind. Als Jesse schließlich aussteigen muss, überredet er Céline mit ihm die restlichen Stunden bis sein Flug geht, in Wien zu verbringen, was diese schließlich annimmt. Nachdem Jesse sein weniges Gepäck weggebracht hat, machen er und Céline sich auf die Stadt zu erkunden, besichtigen den Prater wie auch den Friedhof der Namenlosen und den Donaukanal. Neben Célines Erinnerungen an die Stadt, welche sie zuletzt als kleines Mädchen besichtigte, spielen immer wieder ihre vergangenen Beziehungen, ihre Einstellungen zu Beziehungen, zur Ehe, zum Leben und zum Tod eine Rolle bei den vielen Gesprächen, die sich durch immer neue Teile der österreichischen Hauptstadt führen und sie einige kuriose Begegnungen machen lassen.

Die Nähe zwischen uns

Nach seinen Erfolgen mit Filmen wie Slacker und Dazed and Confused setzte sich der US-amerikanische Independent-Regisseur Richard Linklater Mitte der 90er Jahre mit eben jenen Themen auseinander, welche einen großen Teil seines künstlerischen Schaffens ausmachen sollten, nämlich die Konzepte von Zeit und Vergänglichkeit im Wechselspiel einer sich verändernden Welt. Inspiriert von einer Begegnung mit einer jungen Frau in Philadelphia kam Linklater die Idee einer Liebesgeschichte, die sich innerhalb nur weniger Stunden abspielt, was letztlich das Fundament für das Drehbuch zum Before Sunrise bildete, an dem schließlich auch Darsteller Ethan Hawke und Julie Delpy mitschrieben. Die Geschichte von Jesse und Céline, die in Before Sunset und Before Midnight fortgesetzt wurde, gehört seither zu den großen Geschichten des Kinos, eine Bestandsaufnahme von Themen wie Liebe und Partnerschaften vor dem Hintergrund einer Annäherung zweier Menschen.

Die große Kunst des Independentkinos eines Richard Linklaters oder von Regisseuren wie Jim Jarmusch besteht im Einfangen eines vermeintlich alltäglichen Moments, der aber jenseits dieser Oberfläche besonders ist für die Figuren der Geschichte. Aus einem mitgehörten Streit eines deutschen Ehepaares entspringt zunächst eine Komplizenschaft zwischen den beiden Hauptfiguren von Before Sunrise und schließlich eines der Gesprächsthemen, welches sich wie ein roter Faden durch den Film zieht. Auch wenn keiner von ihnen genug Deutsch versteht oder spricht, um der Unterhaltung der beiden anderen Reisenden zu folgen, stellt sich doch die Frage, wie es zu einer solchen Auseinandersetzung kommen kann, wie aus einer einstigen Liebe eine solche Feindseligkeit und Bösartigkeit, wenn man die Gesten, die Mimik und die Körperhaltung des Ehepaares betrachtet, entstehen kann. Jeder Begegnung und jeder Liebe steckt dieses Risiko inne, scheint uns Linklater sagen zu wollen, doch die Frage bleibt, ob es einen Weg gibt, diese Art der Entfremdung zu verhindern oder ob es einen Weg gibt die Distanz zwischen sich und dem Gegenüber zu verringern.

Der Rahmen einer romantischen Komödie dient Linklater dazu, immer wieder auf die Fallstricke von Beziehungen hinzuweisen. Seine beiden Protagonisten changieren zwischen romantischem Idealismus und einer gewissen Abgeklärtheit, als Ergebnis vergangener Beziehungen, erlebter Enttäuschungen aber auch von diversen Eroberungen. Der plauderhafte Ton wie auch die sympathische Authentizität der beiden Figuren machen die Dialoge bisweilen etwas flapsig, aber nie banal. Innerhalb des zeitlich begrenzten Rahmens, der Jesse und Céline immer wieder einholt, geht es immer um die Überwindung von Distanz, um das Schaffen einer Nähe zwischen zwei Fremden, die ihre besondere Bindung zueinander erkennen und beschließen, sie nicht so schnell aufzugeben.

Unsere Zeit

Wie schon erwähnt sind Zeit und Vergänglichkeit die Hauptthemen der Filmreihe, die mit Before Sunrise ihren Anfang nahm und deren Protagonisten Linklater bis jetzt zumindest in einem mehr oder wenigen stetigen Zeitintervall von neun Jahren immer wieder „besuchte“. Es sind nur wenige Stunden, die Jesse und Céline für ihr Bekanntschaft, die sich schnell zu etwas sehr viel Ernsterem entwickelt, auszuleben. Unterstrichen durch die Vielfalt, Schönheit und Pracht Wiens, seiner Sehenswürdigkeiten, Straßen und Menschen, erhält jedes Bild eine besondere Intensität. Jeder Moment, jede Unterhaltung und jeder Blick ist etwas Besonderes und aufgrund des von bekannten zeitlichen Rahmens gibt nur wenig Zeit für Nebensächlichkeiten.

Der Zeit miteinander, welche in den Augen des deutschen Ehepaares vom Anfang des Filmes zu einer Qual geworden ist, einer „endlosen, langweiligen Ansammlung von Tagen“, wie es Céline beschreibt, wird die Intensität des Moments entgegengesetzt. Zeit ist letztlich, wie es die Liebenden bald sagen, unsere Kreation, wenn wir jeden Moment, ähnlich dem Handwerk eines Filmemachers, festhalten und immer wieder zu diesem zurückkehren.

Credits

OT: „Before Sunrise“
Land: USA, Schweiz, Österreich
Jahr: 1995
Regie: Richard Linklater
Drehbuch: Richard Linklater, Kim Krizan
Musik: Fred Frith
Kamera: Lee Daniel
Besetzung: Ethan Hawke, Julie Delpy

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Berlinale 1995 Goldener Bär Nominierung
Silberner Bär: Beste Regie Richard Linklater Sieg

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Before Sunrise
„Before Sunrise“ ist ein Film, der unter dem „Deckmantel“ der romantischen Komödie eine interessante Auseinandersetzung mit Themen wie Liebe und Beziehung anregt und zugleich eine der wohl schönsten Liebesgeschichten des Kinos erzählt. Richard Linklater ist hier der Anfang einer ganz großen Geschichte gelungen, die man als Zuschauer nicht mehr vergessen kann, vor allem, wenn man die Magie des Moments, wie ihn Jesse und Céline erleben, begleitet.
9von 10

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