Kritik

In der Stadt, in der die kleine Tala (Aesha Balasem) mit ihrem Vater lebt, herrscht Krieg. Aus Angst vor den anrückenden Kriegern des IS getrennt und eingesperrt zu werden, muss sich das Mädchen in dem kleinen Apartment versteckt halten, sodass ihr einziger Kontakt zur Außenwelt, neben einem gelegentlichen Brief an ihren besten Freund, der Fernseher ist, auf dem sie sich am liebsten Spiele ihres Idols Lionel Messi ansieht. Doch auch damit ist Schluss, denn als Reaktion auf ein erneutes Verbot wirft der Vater das Fernsehgerät aus dem Fenster, unter großem Protest Talas. Nun muss sich Tala etwas einfallen lassen, wie sie die Zeit ohne ihren Vater, der früh morgens immer verlässt und erst gegen Abend wiederkommt, irgendwie herumkriegt. Zwar besucht hin und wieder ein Nachbar die Wohnung, bringt ihr einen Brief von ihrem Freund und macht ihr was zu essen, doch auch dies hilft wenig gegen die immer größer werdende Langeweile. Schließlich entschließt sich Tala zu handeln, doch dafür muss sie die Wohnung und den Block verlassen, was im Moment sehr gefährlich ist.

Abgeschnitten

Mit Tala’vision, welcher auf dem diesjährigen Filmfestival Max Ophüls Preis zu sehen ist, legt der in Jordanien geborene Regisseur Murad Abu Eisheh seine nunmehr vierte Arbeit als Filmemacher vor. In diesem befasst sich Eisheh mit dem Konflikt in Syrien, insbesondere dem Gefühl des Abgeschnittenheit von der Außenwelt, das er exemplarisch anhand seiner Heldin Tala beschreibt. Unterstützung erhielt der Student der Filmakademie Baden-Württemberg sowohl vom Jordan Film Fund als auch von The Royal Film Commission Jordan.

Gerade in den letzten Jahren haben sich viele Produktionen, wie die Dokumentation Für Sama oder der ebenfalls auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis laufende Have A Nice Dog! mit der Situation des Krieges in Syrien befasst. Für seine Geschichte wählt Murad Abu Eisheh die Perspektive eines Kindes, eines Mädchens, welches gewohnt ist, die Welt als grenzenlos zu empfinden, aber in ihrer Sicht auf diese wie auch in ihrem Bewegungsraum immer mehr eingeschränkt wird. Die Welt da draußen beschränkt sich auf die sporadischen Besuche des Nachbarn, die Sicht auf die Straße vor dem Haus durch einen Fensterschlitz sowie den Bombenlärm, welcher mit der Zeit näherzukommen scheint. Durch die Perspektive, welche die Geschichte wählt, wirkt das Apartment immer weniger wie ein Lebensraum, sondern immer mehr wie ein Gefängnis, in dem sich die Heldin nach einer Form der Interaktion oder zumindest eine Ablenkung wünscht.

Über eine Laufzeit von etwas weniger als einer halben Stunde beschreibt Eisheh das Gefühl einer sich steigernden Isolation. Über die wachsende Anspannung zwischen Tal und ihrem Vater sowie der Kameraführung Philip Heinzes wird das Gefühl eines sich zuspitzenden Konflikts noch verstärkt, sowie die metaphorische Ebene, verweist es doch auf einen Zustand der Abgeschnittenheit, während das Leben woanders normal weitergeht.

Credits

OT: „Tala’vision“
Land: Deutschland, Jordanien
Jahr: 2021
Regie: Murad Abu Eisheh
Drehbuch: Murad Abu Eisheh
Musik: Nils Wrasse
Kamera: Philip Heinze
Besetzung: Aesha Balasem, Ziad Bakri, Khalid Al Tarifi



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Tala’vision
„Tala’vision“ ist ein interessanter Kurzfilm über Isolation und die Sehnsucht nach einem Kontakt zu der Welt. Besonders über seine toll aufspielende junge Darstellerin gelingt Regisseur Murad Abu Esheh ein abrupt endendes, aber dennoch schauspielerisch sehr überzeugendes Drama.
6von 10

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