Nachdem der von Rick Okon gespielte Kapitänleutnant Klaus Hoffmann in der Serie Das Boot Opfer einer Meuterei wurde und auf offener See ausgesetzt wurde, verschlägt es ihn in der zweiten Staffel (ab 27. Dezember 2020 im ZDF) in die USA. Während in Europa noch immer der Zweite Weltkrieg wütet, sucht Hoffmann nach einer Möglichkeit, zurück nach Deutschland zu kommen und muss sich dafür mit einigen zwielichtigen Männern einlassen. Wir haben uns mit dem Schauspieler über fordernde Vergleiche, eine innere Zerrissenheit und die Notwendigkeit von Vertrauen unterhalten.

In Das Boot spielst du den Kapitänleutnant Klaus Hoffmann. Was hat dich daran gereizt, diese Rolle zu übernehmen und bei der Serie mitzumachen?
Als damals die Anfrage kam, war meine erste Reaktion: Die machen doch jetzt kein Remake vom Film, oder? Als es dann hieß, dass wir etwas ganz anderes machen und auch noch einen zweiten Handlungsstrang erzählen, klang das für mich sehr interessant. Auch die Beschreibung meiner Figur fand ich sehr interessant. Dann ging es zum Casting, das sehr viel Spaß gemacht hat und bei dem mir dann klar wurde, dass ich das auf jeden Fall machen will. Ich habe mich dann auch sehr gefreut, als man mir tatsächlich die Möglichkeit offeriert hat.

Auch wenn eure Serie kein Remake des Films von 1981 ist, bleiben Vergleiche natürlich nicht aus. Keine Angst davor gehabt, mit einer solchen Legende gemessen zu werden?
Ich versuche persönlich, mich von dieser Art Druck zu lösen, auch weil ich ja wusste, dass es etwas anderes ist. Dass es gar nicht darum ging, die Figur von Jürgen Prochnow nachzuahmen. Es war mir aber durchaus bewusst, dass diese Vergleiche kommen werden. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, nicht darüber nachgedacht zu haben. Die Vergleiche kamen dann auch. Die kamen sogar schon, bevor wir angefangen haben zu drehen, als die Pressemitteilung zu den Dreharbeiten veröffentlicht wurden.

Dann beschreibe uns doch mal in deinen Worten, was deine Figur ausmacht. Wer ist Klaus Hoffmann?
Wir lernen Klaus Hoffmann in der ersten Staffel als jemanden kennen, der wahnsinnig unter Druck steht. Ihm wird als Kapitänleutnant nichts zugetraut, ihm wird immer wieder gesagt, dass er zu unerfahren ist und das nicht machen kann, dass er die Position nur bekommen hat, weil sein Vater ein gutes Wort für ihn eingelegt hat. Da sind eine ganze Menge Sachen, die auf seinen Schultern lasten. An einer Stelle sagt er auch: „Was, wenn die recht haben? Was, wenn ich nicht derjenige bin, für den man mich hält?“ Daraufhin sagt ihm die von Rainer Bock gespielte Figur, dass er da jetzt trotzdem durch muss. Wir sehen also jemanden, der eine ganz klare Mission hat und der versucht, sich nicht von diesem Weg abbringen zu lassen. Er legt es gar nicht drauf an, möglichst viele Schiffe zu versenken, sondern will einfach seine Männer wieder sicher nach Hause bringen. Er ist ein sehr aktiver Mensch, der alles dafür tut, sein Ziel zu erreichen.

Was am Ende dann aber doch nicht klappt, weil seine Mannschaft meutert und ihn auf offener See aussetzt. Was bedeutet das für Staffel zwei?
Wir treffen ihn da in New York in einer ganz anderen Umgebung. Wir treffen ihn auch in einer ganz anderen Situation, in der er dazu verdammt ist, nur noch zu reagieren. Er ist immer darauf angewiesen, dass Leute ihm Dinge versprechen. Um wieder nach Hause nach Deutschland zu können, muss er etwas für andere erledigen, das ist immer an irgendeine Gegenleistung geknüpft. Dass diese Verbindung nicht die gesündeste ist, das weiß er schon. Er hat nur in dem Moment keine andere Wahl und muss deshalb die Gelegenheit beim Schopfe packen. Er gerät dabei jedoch in einen Zwiespalt, als er sich verliebt und deshalb vor der Wahl steht: Will ich überhaupt zurück oder mache ich mir einfach hier in New York ein schönes Leben? Diese Zerrissenheit, die sich durch beide Staffeln zieht, fand ich wahnsinnig spannend.

Warum will er denn überhaupt zurück? Er wurde schließlich von den ganzen Leuten verraten. Mehr noch, sie wollten ihn tot sehen. Da wäre ein neues Leben in den USA, gerade auch während des Kriegs, doch deutlich einfacher.
Für ihn ist zu Hause einfach noch etwas zu tun. Da ist dieses Bewusstsein, dass er noch nicht fertig ist. Zum einen will er seinen Namen reinwaschen und erzählen, was wirklich geschehen ist. Und man darf nicht vergessen: Es ist trotz allem noch sein Heimatland.

Das Boot Staffel 1

In der ersten Staffel hatte Kapitänleutnant Klaus Hoffmann (Rick Okon) noch das Kommando über das U-Boot, bevor seine Mannschaft meuterte

Was hat es mit ihm als Menschen gemacht, dass er von den Leuten verraten wurde? Wie geht man damit um, von Leuten, denen man vertraut hat, zum Sterben zurückgelassen zu werden?
Das wichtigste Thema hast du schon angesprochen: Vertrauen. Einen größeren Rückenstoß als das, was ihm in der ersten Staffel geschieht, gibt es ja gar nicht. Das zieht sich dann auch durch die zweite Staffel. Er weiß, dass er anderen Menschen nicht mehr vertrauen kann. Gleichzeitig weiß er aber auch, dass er keine andere Wahl hat, wenn er sein Ziel erreichen will. Dass er jetzt Kompromisse eingehen muss, auch wenn er das gar nicht will. Niemandem mehr vertrauen zu können, sich nicht geborgen fühlen, sich immer fremd fühlen, das hinterlässt natürlich Spuren.

In Das Boot gibt es einige Figuren, die auch auf ihre Weise zerrissen sind. Klar, bei manchen kann man schon sagen: Das sind jetzt die Bösen. Aber wie ist das bei Hoffmann? Ist Hoffmann ein Held?
Filmdramaturgisch würde man wahrscheinlich schon von einer Art Held sprechen. Ich würde Hoffmann als einen gescheiterten Helden bezeichnen. Er wurde zu einem Helden erkoren, gleichzeitig wurde ihm gesagt, dass er kein Held sein kann, weil er nicht die notwendigen Erfahrungen mit sich bringt. Und daran zerbricht er an einem gewissen Punkt. Einer der Schlüsselsätze in der zweiten Staffel ist der, als er sagt: „Ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin.“

Ich frage auch deshalb, weil bei Filmen und Serien über den Zweiten Weltkrieg gibt es schon oft Helden. Das sind dann aber die, die gegen die Deutschen kämpfen. Kann ein deutscher Soldat im Zweiten Weltkrieg überhaupt ein Held sein?
Das ist jetzt wirklich eine schwierige Frage. Wenn man das so runterbricht auf das wahre Leben, dann wahrscheinlich nicht. Ich finde allgemein die Begrifflichkeit des Helden in Kriegen wahnsinnig schwer. Wenn jemand vom U-Boot aus, heute vielleicht mit einer Drohne, andere Menschen aus der Ferne beschießt und zersplittert zurücklässt, ist das heldenhaft? Die Menschen sehnen sich natürlich nach Heldengeschichten, wo alles ganz eindeutig ist. Heute geht es oft darum, klare Kante zu zeigen und den eigenen Standpunkt durchzudrücken. Aber so funktioniert das Leben nun einmal nicht. So funktionieren auch die Menschen nicht. Wir sind deutlich komplexer und bunter. Da gibt es kein Schwarz und Weiß.

Ganz unabhängig von der Heldenfrage: Wie schwierig ist es, sich als Schauspieler in ein Kriegsszenario einzufühlen, wenn man selbst nie in einem Krieg gewesen ist?
Es ist in dem Sinne schwierig, weil man nie den vollen Umfang für wahrhaftig nehmen kann. Selbst wenn man sich das alles vorstellt und die Umgebung bestmöglich gebaut ist, zum Beispiel eben das U-Boot: Es bleibt ein Filmset. Du kannst dich einlesen und informieren. Aber am Ende des Tages weiß ich nicht, wie das ist, mehrere hundert Meter tief unter Wasser zu sein und nur ein Ping zu hören und Lichter zu sehen, dabei in Gesichter zu schauen, die voller Öl sind und voller Schweiß und Tränen. Und voller Angst. Es jagt mir selbst auch Angst sein, mir das Ganze vorzustellen. Was man aber glaube ich als Schauspieler kann, ist Emotionen zu multiplizieren. Dass ich dieses Gefühl von Angst vermittle, das ich ja kenne, in Verbindung mit einer Gruppendynamik. Außerdem helfen bei einem Film natürlich die üblichen Tricks wie Licht, Schnitte und Musik, um diese Ängste, diese Beklemmung, diese Verzweiflung darzustellen.

Wie war das dann für dich, nach diesen beklemmenden Erfahrungen in der ersten Staffel bei der zweiten etwas ganz anderes darzustellen? Wie waren die Dreharbeiten der beiden Staffeln im Vergleich?
Tatsächlich vergleichen kannst du die nicht. In der ersten Staffel ging es für meine Figur um Leben und Tod, du stehst da dauerhaft unter Strom. In der zweiten läuft Hoffmann in maßgeschneiderten Anzügen herum, im wunderschönen New York, der Stadt der Lichter und dazu die tolle Jazz Musik. Und auch die Umstände waren anders. Wir hatten andere Regisseure und zum Teil einen anderen Kameramann. Und natürlich hatte ich bei meinen Szenen ganz andere Kollegen. Insofern ist ein Vergleich schwierig. Aber ich fand es spannend, was diese Wechsel mit mir gemacht haben. Es war alles deutlich leichter und lebendiger. Es fühlte sich für mich nicht so schwer an.

Nachdem das jetzt rum ist: Wie sieht es mit der dritten Staffel aus?
Da sind wir schon dabei, die Dreharbeiten haben gerade begonnen.

Und außerhalb von Das Boot? Was steht bei dir an Projekten an?
Da ist wenig Spruchreifes dabei, was ich offiziell schon verkünden darf. Das hängt aber natürlich auch mit der Pandemie zusammen, weil einfach wahnsinnig viel verschoben oder ganz abgesagt wird. Was auf jeden Fall stattfindet, ist der Tatort. Den mache ich definitiv weiter nächstes Jahr.

Zur Person
Rick Okon wurde am 13. April 1989 in Schwedt/Oder geboren. Von 2005 bis 2010 nahm er professionellen Schauspielunterricht an der New Talent Schauspielschule in Hamburg. Von 2010 bis 2014 studierte er Schauspiel an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Potsdam. Seinen ersten Fernsehauftritt hatte er 2006 in der Vorabendserie Großstadtrevier. In seiner ersten Hauptrolle in dem Film Romeos (2011) spielte er die Rolle des Transgender Lukas und erhielt dafür eine Nominierung als bester männlicher Nachwuchsschauspieler beim „Deutschen Schauspielerpreis“. Seit Oktober 2018 ist er als Kommissar Jan Pawlak im Dortmunder Tatort zu sehen.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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