Kritik

Menschen am Sonntag

„Menschen am Sonntag“ // Deutschland-Start: 4. Februar 1930 (Deutschland) // 26. Oktober 2018 (Mediabook)

Es ist Samstag in Berlin und auf den Straßen herrscht hektisches Treiben, geht es doch gegen Feierabend in vielen Geschäften zu. Am Bahnhof Zoo, einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Stadt, trifft der Weinverkäufer Wolfgang (Wolfgang von Waltershausen) auf Christl (Christl Ehlers), eine Komparsin beim Film, und verabredet sich mit ihr für den kommenden Sonntag zu einem Treffen am Nikolassee, einem beliebten Ausflugsziel der Berliner am Wochenende. Parallel verfolgen wir die Ankunft Erwins (Erwin Splettstößer) in seiner kleinen Wohnung, die er sich mit dem Mannequin Annie (Annie Schreyer) teilt. Bevor die beiden sich für den Samstagabend ausgehfertig machen, bemerkt man die Anspannung zwischen den beiden, die in einem handfesten Streit gipfelt. Am nächsten Morgen will Wolfgang seinen besten Freund Erwin zum Treffen abholen, hat ihm Christl doch versprochen, sie würde mit ihrer besten Freundin zum See kommen. Da Annie noch im Bett liegt und Erwin noch immer genervt ist von ihrem letzten Streit, lässt er sie in der Wohnung zurück und die beiden machen sich auf zum Nikolassee, wo die beiden jungen Frauen schon auf sie warten.

Städtisches Treiben
Gleich mehrere für das Kino stilprägende Regisseure waren an der Entstehung von Menschen am Sonntag, einem im Kontext des Formalismus des Kinos der 1920er Jahre eher ungewöhnlichen Film, beteiligt. Neben Robert Siodmak (Gewagtes Alibi, Der schwarze Spiegel) spielen noch Edgar G. Ulmer (Die schwarze Katze), Billie Wilder (Manche mögen’s heiß) und Fred Zinnemann (Zwölf Uhr mittags) eine Rolle bei der Genese des Projekts, welches größtenteils mit Laiendarstellern vor der Kamera realisiert wurde. Entstanden ist dabei ein Film, der vielleicht nicht unbedingt durch seine Geschichte, aber aufgrund der Darstellung eines Lebensgefühls und seines Bildes der Großstadt überzeugen kann.

Man kann einen Film wie Menschen am Sonntag in zweierlei Hinsicht betrachten. Zum einen versteht sich die Kollaboration damals noch jungen Filmschaffenden als ein Großstadtfilm, zu vergleichen beispielsweise mit dem zwei Jahre später entstandenen Chicago – Weltstadt in den Flegeljahren von Heinrich Hauser, und zum anderen als ein Spielfilm über die Menschen, genauer gesagt jenen Schlag Menschen, der in die Stadt zieht oder welcher durch sie hervorgebracht wird. Unabhängig von der Lesart sind Mensch und die Stadt als Lebensraum untrennbar miteinander verbunden, doch besteht die Frage, wo das Lebensgefühl, welches sich in beiden Teilen von Menschen am Sonntag widerspiegelt, seinen Ursprung hat.

Entgegen dem teils sehr negativen Bild, welches die Stadt in Produktionen wie Metropolis oder M – Eine Stadt sucht einen Mörder einnimmt, erscheint diese in Menschen am Sonntag eher ambivalent. Immer wieder wird die Spielfilmhandlung durchbrochen von langen Sequenzen, Collage vielmehr, welche die Geschäftigkeit, die Flüchtigkeit und das schnelle Tempo der Stadt zeigt, einem Lebensraum, der wie in den Darstellungen der Neuen Sachlichkeit als ein vielgliedriges Gebilde zeigt, durch das die Menschen strömen wie Blut durch Adern. Selbst am Wochenende scheint das Treiben nicht wirklich zu ruhen, sondern sich vielmehr zu verlagern, auf solche idyllischen Randgebiete wie den im Film dargestellten Nikolassee, an dessen Ufern sich die Menschen tummeln wie einen Tag zuvor noch am Bahnhof Zoo.

Zwischen Liebelei und Ernst
Fokussiert man sich bei Menschen am Sonntag auf die eigentliche Geschichte, möchte man feststellen, dass diese eigentlich vernachlässigbar in ihrer Alltäglichkeit ist. Doch gerade dieser Aspekt nimmt eine gewichtige Rolle ein innerhalb des Gesamtkontexts und offenbart gerade bei genauem Hinschauen eine interessante Einsicht auf die emotionale Beschaffenheit des Städters. Ähnlich der Darstellungsweise in der Literatur Erich Kästners oder Mascha Kalekos vermisst man die großen Emotionen, sind diese doch wohlproportioniert und haben sich der Flüchtigkeit und Unbeständigkeit des Lebens in der Stadt angepasst. Freiheit und Romantik, so scheint es, konzentrieren sich auf die 24 Stunden, welche der Sonntag einem zur Verfügung stellt, bevor es dann wieder zurück an die Arbeit geht und die Romanze wie eine flüchtige Erinnerung in den Köpfen beider wird.

Credits

OT: „Menschen am Sonntag“
Land: Deutschland
Jahr: 1930
Regie: Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer
Drehbuch: Billie Wilder, Curt Siodmak, Robert Siodmak
Musik: Andrea Boccadoro
Kamera: Eugen Schüfftan, Fred Zinnemann
Besetzung: Erwin Splettstößer, Brigitte Borchert, Wolfgang von Waltershausen, Christl Ehlers, Annie Schreyer

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Menschen am Sonntag
„Menschen am Sonntag“ ist eine interessante Mischung aus Spielfilm und Dokumentation. Neben der Stadt als Lebens- und Wohnraum interessieren sich die beteiligten Filmemacher vor allem für den Typus Mensch, wie dieser von der Stadt beeinflusst wird und welche Freiräume er sich erkämpft.
7von 10

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