In Liebe. Jetzt! spielte Maryam Zaree Aylin, die mit einem Kollegen herumknutscht und im Anschluss nicht weiß, wie sie damit umgehen und sich in ihrer eigenen Beziehung verhalten soll. In Liebe. Jetzt! Christmas Edition (ZDF Neo am 1. Dezember 2020 um 23.15 Uhr) schlüpft sie erneut in diese Rolle, als eine SMS an besagten Kollegen versehentlich an ihren Partner geht, der nicht darüber amüsiert ist. Doch das ist nicht der einzige Unterschied zwischen den zwei Episoden. So schrieb Zaree dieses Mal auch das Drehbuch und führte hier wie auch bei einer anderen Episode Regie. Wir haben uns mit dem Multitalent über diese Erfahrung, unser Verhalten in Krisenzeiten und die Frage nach Regeln in der Liebe unterhalten.

In Liebe. Jetzt! Christmas Edition gibt es ein Wiedersehen mit der von Ihnen gespielten Aylin, die in Liebe. Jetzt! mit einem Kollegen fremdgeknutscht hatte. Und eben das kommt durch eine Nachricht heraus, die sie versehentlich an ihren eigenen Freund schickt. Eine persönliche Nachricht an die falsche Person zu schicken, das ist schon ein kleines Horrorszenario. Ist Ihnen das auch schon einmal passiert?
Der Kontext war ein anderer, aber tatsächlich ist mir das schon mal passiert. Mein Co-Autor und Co- Regisseur Alex Lindh, der die erste Folge geschrieben hatte, und ich haben diesen Vorfall dann auch zum Anlass für die Fortsetzung genommen, weil wir beide sehr darüber lachen mussten. Bei Der Kuss in der ersten Staffel war ich nur als Schauspielerin beteiligt. Dieses Mal bin ich zusätzlich Regisseurin und Drehbuchautorin, was am Ende auch die Hauptarbeit war. Alex und ich hatten uns dafür entschieden, dass es schön wäre, wenn Aylin und ihr Partner zusammen geblieben sind und dass der Kuss die Beziehung nicht entscheidend destabilisiert hat – bis er ein halbes Jahr später dann doch auf den Tisch kommt. Die Herausforderung war dabei, diese Prämisse der falsch verschickten Nachricht noch weiterzuspinnen. Denn uns ging es nicht allein um den Kuss, sondern ganz allgemein um das Spannungsverhältnis zwischen Eigennutz und Gemeinwohl. Das ist schließlich eine der großen gesellschaftlichen Fragen, mit denen wir uns derzeit auseinandersetzen. Und in dem Zusammenhang fanden wir es spannend, eine Figur zu haben, die sich als Arzt für eben dieses Gemeinwohl einsetzt, und auf der anderen Seite jemand, die in einem Moment ausschließlich ihrem eigenen Bedürfnis folgt.

Wie lässt sich diese Balance denn halten zwischen egoistischen Bedürfnissen, die wir alle nun einmal haben, und Gemeinschaftlichkeit?
Das ist eben die spannende Frage. Corona hat diesen Zwiespalt jetzt für alle sichtbar gemacht. Aber es gibt ihn natürlich auch in anderer Hinsicht. Nehmen wir den Klimawandel. Wir sind da nicht nur für unsere unmittelbare Gegenwart verantwortlich, sondern auch für die Zukunft. In unserer Gesellschaft wird das Individuelle gern als Wegweisendes angenommen. Dabei ist es wichtig, dass wir uns auch als Teil eines größeren Ganzen verstehen. Gleichzeitig heißt das nicht, dass ich als Individuum keine Bedeutung mehr habe. Und diese Balance aus beidem zu finden, das ist nicht leicht. In welchem größeren Zusammenhang befinde ich mich gesellschaftlich? Welche Auswirkungen haben mein Handeln? Ist es wirklich so schlimm, wenn ich mir während dem Lockdown einen schönen Abend mit Freunden machen möchte und vier, fünf Leute einlade? Da kommt es schon leicht zu Momenten, in denen man das alles über Bord wirft und das Lustprinzip die Oberhand gewinnt. In unserem Drehbuch standen vorneweg zwei Sätze. Zum einen das Tocotronic-Zitat „Pure Vernunft darf niemals siegen“, direkt dahinter Kants berühmter Imperativ „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Zwischen diesen zwei Polen bewegen wir uns in unserem Drehbuch .

Nun bedeutet das, dass aber auch, dass nicht jeder am Ende dieselbe Entscheidung treffen wird. Wie sollen wir mit Menschen umgehen, die sich bei diesem Spannungsfeld anders entschieden haben, zum Beispiel indem sie ihren Egoismus ausleben?
Das ist eine schwierige Frage, wenn man sich die Wahlen in den USA anschaut und die polarisierten Gesellschaften, in denen wir uns befinden. Wie schafft man einen Umgang mit Menschen, die einem extrem fern sind in ihren politischen Haltungen und ihren Überzeugungen? Wie kann man Meinungen zurückweisen, ohne die Menschen dabei gleich zu antagonisieren? Denn damit perpetuierst du nur, was diese Polarisierung vorantreibt. Und wir müssen ja einen Weg finden alle zusammenzuleben. Eine Polarisierung ist auch für sich genommen noch nichts Negatives, da auf diese Weise Unterschiede deutlich werden können. Wobei dabei die Toleranz nicht endlos sein darf. Natürlich gibt es Grundsätze in der Gesellschaft, auf die wir uns geeinigt haben und die nicht zu überschreiten sind. Ich muss nicht die Intoleranz des anderen tolerieren, wenn sie sich gegen eine Person, Gruppe oder das Gemeinwohl richtet.

Kommen wir noch ein wenig auf die Folge selbst zu sprechen. Ihre Figur hadert in Liebe. Jetzt! damit, mit einem anderen Mann geknutscht zu haben. Wie kann man mit einer solchen Situation umgehen?  
Als Regisseurin und Autorin bin ich natürlich nicht dafür da, jetzt einen Ratschlag zu geben. Der Film versucht vielmehr aufzuzeigen, was passieren kann, wenn man es verheimlicht und es rauskommt. Es gibt in „Die SMS“ auch den Gegenentwurf des befreundeten Paares, das sich in seiner Beziehung einer Form von Ehrlichkeit verschrieben hat, in der das alles ausdiskutiert wird. Da muss sich jeder und hoffentlich auch der Zuschauer die Frage stellen: Wie würde ich damit umgehen? Ist Fremdknutschen überhaupt ein Begriff, der heute noch zeitgemäß ist? Man kann im vornherein auch eine andere Vereinbarung treffen. Hakan und Aylin repräsentieren eine Form der Beziehung, die sehr eingesessen ist, eine Form der Monogamie, in der alles unter den Teppich gekehrt wird.

Gibt es denn überhaupt allgemeingültige Regeln, die man für eine Beziehung aufstellen kann?
Nein. Das wäre schrecklich, wenn das Privatleben so reglementiert wäre! Das muss jeder für sich selbst entscheiden und auch neu definieren, denn eine Beziehung ist immer auch ein Prozess, bei dem immer wieder neu justiert werden muss. So unterschiedlich und individuell wir als Menschen sind, so unterschiedlich und individuell sind auch unsere Beziehungen. Natürlich gibt es aber Gesetzmäßigkeiten und Erwartungen, die über Generationen hinweg tradiert worden sind, durch Eltern und die Gesellschaft. Derer müssen wir uns bewusst werden und uns damit auseinandersetzen: Passt das überhaupt für mich? Viele Paare übernehmen das ungefragt, werden damit aber nicht glücklich.

Die erste Staffel von Liebe. Jetzt! stand noch unter dem Eindruck des durch Corona bedingten Lockdowns, als alle zu Hause bleiben mussten und auch nichts mehr gedreht werden konnte. Bei Liebe. Jetzt! Christmas Edition ist das offensichtlich schon deutlich freier. Wie waren die Dreharbeiten der beiden Staffeln im Vergleich?
Bei mir ist die Situation da natürlich noch einmal etwas anders, da ich beim letzten Mal „nur“ schauspielern musste. Bei der ersten Staffel hatte ich ein, zwei Drehtage, auf die ich mich vorbereitet habe. Im Juli kam dann die Anfrage, ob ich Regie und Drehbuch übernehmen will und war dadurch vier Monate mit den beiden Folgen beschäftigt. Wir konnten dieses Mal auch richtig einen Film drehen und Kameras verwenden, anstatt nur auf iPhones zu schauen. Wir hatten ein einigermaßen vollständiges Team, das mit uns gearbeitet hat. Klar mussten wir dabei auf Hygiene und Abstandregeln achten und wurden regelmäßig getestet. Trotzdem war das etwas ganz anderes, das war ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Und wie geht es in Zukunft bei Ihnen weiter? An welchen Projekten arbeiten Sie?
Als Schauspielerin arbeite ich gerade an einer Anwaltsserie, die nächstes Jahr auf der ARD ausgestrahlt wird. Ich will aber auch weiterhin als Regisseurin und Autorin arbeiten und denke, dass das in Zukunft noch mehr Raum bei mir einnehmen wird. Durch den Deutschen Filmpreis, den ich für meinen Dokumentarfilm Born in Evin gewonnen habe, habe ich die Möglichkeit, an einem neuen fiktionalen Kinostoff zu arbeiten.

Zur Person
Maryam Zaree wurde am 22. Juli 1983 in Teheran, Iran geboren. Von 2004 bis 2008 studierte sie Schauspiel an der  Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in der Medienstadt Babelsberg. Anschließend war sie in zahlreichen TV- und Kinoproduktionen zu sehen. Unter anderem spielte sie die Gerichtsmedizinerin Nasrin Reza im Berliner Tatort sowie eine der weiblichen Hauptrollen in der Dramaserie 4 Blocks. Außerdem tritt sie regelmäßig im Theater auf und schrieb das Stück Kluge Gefühle. 2019 gab sie ihr Debüt als Filmregisseurin mit dem Dokumentarfilm Born in Evin über das gleichnamige Gefängnis im Iran, wo sie geboren wurde.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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