Kritik

Home Front Des hommes

„Home Front“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Es ist ein freudiges Ereignis für Solange (Catherine Frot): Sie wird 60 Jahre alt! Das will sie groß feiern, das gesamte Dorf ist eingeladen. Zumindest fast. Als auch ihr Bruder Bernard (Gérard Depardieu) auftaucht, ist die Stimmung jedoch schlagartig angespannt und es dauert nicht lange, bis die Situation eskaliert. So wie sie oft eskaliert, wenn der zum Alkohol neigende, zurückgezogen lebende Mann auf andere trifft. Mit den Leuten vor Ort hat das oftmals nicht so wahnsinnig viel zu tun. Vielmehr sind es die Erinnerungen daran, wie er, Rabut (Jean-Pierre Darroussin) und andere junge Männer vor 40 Jahren nach Algerien geschickt wurden, die sich immer wieder gewaltsam an die Oberfläche kämpfen …

Beeindruckender Auftritt eines Veteranen
Auch wenn die Zeiten, in denen Gérard Depardieu so etwas wie ein Publikumsmagnet war, schon eine Weile zurückliegen und neue Auftritte keine besonders große Aufmerksamkeit mehr erzeugen: Er ist noch immer ein schauspielerisches Schwergewicht, völlig unabhängig von seinem Körperumfang. Wie er sich am Anfang von Home Front durch die Feiergesellschaft schiebt, dabei alle unweigerlich etwas vor ihm zurückschrecken, da braucht es keine Worte, um unweigerlich immer mehr anzuspannen. Später wird er endgültig zu einem Ereignis, wenn er einem brodelnden Vulkan gleich Wut und Verachtung ausspuckt, in dem alles droht zerstört zu werden.

Leider sind diese Momente jedoch relativ kurz, so wie er und die beiden anderen Schauspielgrößen Catherine Frot und Jean-Pierre Daroussin streng genommen nur Nebendarsteller*innen sind. Sie bilden den Rahmen der Geschichte, dienen als Ausgangsposition, zum Teil auch als Erzähler oder als offenes Ohr. Die eigentliche Handlung findet aber ohne sie ab, wenn wir in sehr ausführlichen Flashbacks zurück in die Vergangenheit reisen, genauer ins Jahr 1960 und damit mitten in den Algerienkrieg. Dort folgen wir Yoann Zimmer als jungem Bernard, Edouard Sulpice, der den jungen Rabut spielt, sowie Félix Kysyl in der Rolle von Février.

Fragen nach den Ursachen
Das geht mit einem kleineren Mystery-Faktor einher, schließlich wird zu Beginn viel mit der Andeutung eines Geheimnisses gearbeitet. Etwas, das vorgefallen sein muss und damit die Erklärung dafür bietet, warum Bernard derjenige ist, der er ist. Dafür heißt es aber ordentlich Geduld mitzubringen, denn die Antwort liefert Home Front erst ganz zum Schluss. Allerdings wäre es verkehrt, die Geschichte auf das Ereignis an sich reduzieren zu wollen. Dieses verfehlt seine Wirkung nicht, ist aber letztendlich nicht mehr als ein Mittel zum Zweck. Vielmehr ging es Laurent Mauvignier, auf dessen Roman der Film basiert, darum aufzuzeigen, wie Erfahrungen uns unser ganzes Leben verfolgen und uns prägen können. Wie die Vergangenheit nie wirklich vergangen ist.

Zum Teil zumindest nutzt das historische Drama die Gelegenheit, den Algerienkrieg zu beleuchten, eines der unrühmlichen Kapitel der neueren französischen Geschichte. Richtig tief in die Materie steigt Regisseur und Drehbuchautor Lucas Belvaux (Das ist unser Land!), der den Roman adaptierte, jedoch nicht in die Materie ein. Stattdessen reiht er diverse persönliche Erlebnisse der jungen Männer aneinander, die zwar chronologisch aufeinander aufbauen, aber nicht unbedingt eine Entwicklung aufzeigen. Da steht dann doch mehr die allgemeine Situation im Vordergrund.

Das Drama, welches während der Filmfestspiele von Cannes 2020 Premiere gefeiert hätte, schafft es dabei auch nicht so ganz, den Figuren wirklich nahezukommen. Dafür bleibt das zu episodenhaft, auch die ständigen Voiceovers sorgen für unnötig Distanz, wenn dadurch das Gefühl vermittelt wird, dass wir eigentlich gar nicht da sind. Aber es sind doch genügend gelungene Szenen dabei, zudem schön anzusehende Aufnahmen der jeweiligen Örtlichkeiten, welche als Kontrast zu den bitteren Erfahrungen dienen. Und wenn dann zum Schluss doch noch der Bogen zur Gegenwart geschlagen wird und die ganze Tragik sich entfaltet, ist es ohnehin nahezu unmöglich, nicht davon bewegt und betroffen zu sein.

Credits

OT: „Des hommes“
Land: Frankreich, Belgien
Jahr: 2020
Regie: Lucas Belvaux
Drehbuch: Lucas Belvaux
Vorlage: Laurent Mauvignier
Kamera: Guillaume Deffontaines
Besetzung: Gérard Depardieu, Catherine Frot, Jean-Pierre Darroussin, Yoann Zimmer, Félix Kysyl, Edouard Sulpice

Bilder

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Home Front
In „Home Front“ kommt es zu einem hässlichen Zwischenfall während einer Geburtstagsfeier, was zu der Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse während des Algerienkriegs führt. Das bleibt insgesamt etwas zu sehr auf Distanz, auch die Vermischung von Vergangenheit und Gegenwart ist nicht ganz geglückt. Das Drama über verdrängte Erinnerungen hat aber einige starke Szenen und einen beeindruckenden Auftritt von Gérard Depardieu.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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