Kritik

Sorido Eopsi Voice of Silence

„Voice of Silence“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Tae-in (Yoo Ah-in) und sein Kollege Chang-bok (Yoo Jae-myeong) sind ein Team von Tatortreinigern, welches im Dienste der südkoreanischen Mafia steht. Immer wieder rücken die beiden Männer an, wenn es darum geht, potenziell verräterische Spuren sowie Leichen zu beseitigen. Weil sie sich in der Vergangenheit als zuverlässig erwiesen haben, spielt ihnen einen ihrer besten Klienten einen weiteren Auftrag zu, der allerdings mit ihrem eigentlichen Aufgabenfeld nichts zu tun hat. Die beiden Männer sollen sich nämlich um die elfjährige Cho-hee (Moon Seung-ah) kümmern, die entführt wurde und dem Gangsterboss einiges an Geld einbringen soll, was dieser  dringend zur Tilgung seiner Schulden benötigt. Trotz dessen Widerwillens gelingt es Chang-bok seinem stummen Kollegen zu überreden, das Mädchen bei sich aufzunehmen, wo sie Bekanntschaft mit Tae-ins Schwester macht und sich mit dieser anfreundet. Was zunächst nur eine Lösung für ein paar Tage sein sollte, wird schon bald zu einem Problem, denn die Schuldner, unwillig noch länger zu warten, bringen den Gangsterboss um, wobei natürlich Chang-bok und Tae-in wieder zum Säubern des Tatorts bestellt werden. Nun versuchen sie alles, um zum einen das Mädchen loszuwerden und darüber hinaus an das Lösegeld zu kommen, doch auch das ist nicht mehr ganz so einfach, haben Tae-ins Schwester und er selbst eine gewisse Bindung zu dem Mädchen aufgebaut.

Zu Dank verpflichtet
Nach ihrem von Kritik und Publikum gefeierten Kurzfilm Habitat (2018) folgt mit Voice of Silence das Spielfilmdebüt der Koreanerin Hong Eui-jeong. Gerade in dem für das Kino problematischen Jahr 2020 gelang es Voice of Silence in der Heimat der Regisseurin, viele Menschen in die Lichtspielhäuser zu locken und auch viele Kritiker für sich zu begeistern. Dabei ist der Film, der im Programm des diesjährigen Project K zu sehen ist, eine selbst für das koreanische Kino gewagte Mischung aus Drama und Thriller, die sich thematisch mit jenen Teilen der Gesellschaft befasst, die in der Hierarchie ganz unten stehen und, wie eine der Hauptfiguren, auch keine Stimme haben.

Im Zentrum der Handlung stehen mit Tae-in und Chang-bok zwei Figuren, die sich aufgrund ihrer Tätigkeit in einer Art Zwischenwelt bewegen. Irgendwie gehören sie, auch wenn sich gerade Chang-bok um die entsprechende Fassade bemüht, zu keiner der beiden Welten, weder zu der kriminellen Unterwelt noch zu der bürgerlichen Welt. Passend dazu leben sie, oder zumindest Tae-in und seine Schwester, an den Randbezirken, vergessen und vom Rest der Welt scheinbar abgeschnitten und konsequenterweise nicht wahrgenommen. Auch ihre Tätigkeit wird in den Verbrecherkreisen als eine niedere wahrgenommen, ausgeführt von Leuten, die man nicht als Teil der rigiden Hierarchie der Unterwelt wahrnimmt, die aber dennoch irgendwie dazugehören.

Innerhalb der Figuren erscheint Chang-bok in gewisser Weise wie ein Mentor, aber auch jemand, der auf das Einhalten der Regeln drängt. Unsichtbar sein, dankbar sein und um Gottes willen kein Aufsehen erregen ist das Credo, welches er an den jungen, stets stummen Kollegen weitergibt, der sich diesem Grundsatz bereitwillig fügt. Gerade deswegen wirkt Voice of Silence, auch dank der sensiblen Darstellung Yoo Ah-ins, wie ein Spiegel einer sozialen Hierarchie, die viele ihre Mitglieder in Außenseiterposition, in die Sprachlosigkeit und Irrelevanz drängt.

Der Preis für ein Leben
Konsequenterweise kennzeichnet die Welt, welche Hong Eui-jeong in ihrem Drehbuch beschreibt, eine starre Wertorientierung was ihre Mitglieder angeht, und die auch vor Kindern nicht halt macht. Immer wieder müssen die beiden Hauptfiguren die entführte Cho-hee vertrösten, weil ihr Vater nicht zahlen will oder wegen des Preises gar feilschen will, was das Mädchen zu der resignierenden Feststellung bringt, ihr jüngerer Bruder sei den Eltern wohl mehr als genug. Die Unterwelt spiegelt diese Tatsache wider, in nicht weniger gnadenlosen Mustern, wie den unheimlichen Entführern, welche sich spezialisiert haben auf Kinder und kühl sind in ihrer Kalkulation der Kosten und des Nutzens.

Bemerkenswert an Voice of Silence ist, dass trotz dieser düsteren Welt und Mentalität der Figuren,  die Geschichte besonders auf visueller Ebene von Schönheit und Helligkeit definiert ist. Neben der Inszenierung sind es Park Jung-hoons Bilder, insbesondere die prächtigen, farbintensiven Landschaftsaufnahmen, die einen gewissen Kontrast zu den düsteren Themen der Geschichte bilden, aber dann auch zu betonen scheinen, wie normal vieles von dem ist, was der Film zeigt. Oder aber, dass es dennoch so etwas wie eine Hoffnung auf ein Entkommen gibt.

Credits

OT: „Sorido Eopsi“
Land: Südkorea
Jahr: 2020
Regie: Eui-jeong Hong
Drehbuch: Hong Eui-jeong
Musik: Hyuk-jin Jang, Yong-jin Jang
Kamera: Jung-hoon Park
Besetzung: Ah-in Yoo, Jae-myung Yoo, Seung-ah Moon, Ga-eun Lee

Bilder

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Voice of Silence
„Voice of Silence“ ist eine packende Mischung aus Drama und Thriller, wobei besonders die guten Darsteller sowie die Ästhetik zu loben sind. In ihrem Spielfilmdebüt gelingt Hong Eui-jeong ein ambitioniertes Werk, das seine Zuschauer zu fesseln weiß und dabei nicht mit Verweisen auf gesellschaftliche Themen geizt.
8von 10

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