Kritik

They Were Ten Ils étaient dix Agatha Christie

„They Were Ten“ // Deutschland-Start: 21. November 2020 (ZDF Neo)

Sie haben die unterschiedlichsten Gründe, weshalb sie auf der Insel bei Französisch-Guyana gelandet sind. Myriam (Isabelle Candelier) wollte als Köchin in dem Luxushotel arbeiten, Eddy (Samy Seghir) sollte als Verwalter dort arbeiten. Hinzu gesellen sich bald acht Gäste: Victoria (Romane Bohringer), Xavier (Samuel Le Bihan), Eve (Marianne Denicourt), Gilles (Guillaume de Tonquédec), Nina (Matilda Lutz), Kelly (Manon Azem), Vincent (Patrick Mille) und Malik (Nassim Lyes). Keiner der zehn kannte sich zuvor, der Zufall hat sie auf der Insel zusammengeführt – so dachten sie zumindest. Bald schon müssen sie aber feststellen, dass jemand ein teuflisches Spiel mit ihnen spielt: Sie alle sollen sich eines Mordes schuldig gemacht haben, für den sie nun selbst mit dem Leben bezahlen sollen …

Erfolgreiche Bücher hat Agatha Christie natürlich ohne Ende geschrieben, gerade die mit ihrem beiden Vorzeigeschnüfflern Hercule Poirot und Miss Marple erfreuen sich Jahrzehnte später ungebrochener Beliebtheit. Doch das bekannteste ihrer Werke kommt ganz ohne den Bonus ihrer berühmten Figuren aus. Der 1939 veröffentlichte Krimi Und dann gabs keines mehr zählt mit über 100 Millionen verkauften Exemplaren zu den erfolgreichsten Büchern aller Zeiten, bis heute wurde kein Kriminalroman häufiger verkauft. Hinzu kommen zahlreiche Kino- und TV-Adaptionen des Stoffes, Zehn kleine Negerlein – Das letzte Wochenende aus dem Jahr 1945 gilt heute selbst als Klassiker.

Die Geschichte hinter den Opfern
Das Buch im Jahr 2020 noch einmal adaptieren zu wollen, ist daher einerseits naheliegend, die Geschichte ist ein zeitlos cleveres und spannendes Puzzle, das geschickt mit der Neugierde spielt sowie dem Gefühl, einem Mörder ausgeliefert zu sein, der hinter jeder Ecke auf dich warten könnte. Gleichzeitig braucht es dann aber auch schon etwas, um sich von den vielen anderen Versionen emanzipieren zu können, etwas Eigenes, welches das Remake rechtfertigt. Bei They Were Ten gab es da gleich ein paar Ansätze, wie man den vertrauten Ablauf der Ereignisse auffrischen kann. Die harmloseste Änderung betrifft dabei das Setting. Aus einer einsamen Insel in England wurde eine in Französisch-Guyana. Statt schroffem Wetter und felsigen Küsten gibt es hier deshalb tropischen Dschungel und Sandstrände. Das nimmt dem Schauplatz etwas vom düsteren Ambiente, erinnert mehr an Lost und The I-Land, funktioniert aber ebenfalls.

Deutlich gravierender ist, dass die Figuren stark abgewandelt wurden und in They Were Ten mehr Tiefe bekommen sollten. Das hört sich erst einmal nicht schlecht an. So großartig Christie auch darin gewesen war, sich interessante Rätsel auszudenken, bei den Charakteren war sie doch oft genügsam. Immer wieder machte man ihr den Vorwurf, lediglich Schachfiguren hin und her zu schieben. Bei der Serienfassung ihres Buches wollte man dies ändern, indem die Vorgeschichten mehr Raum erhalten. In Und dann gabs keines mehr wurden diese zwar im Laufe der Geschichte erwähnt, schließlich lagen darin die Lösungen für ihr jeweiliges vorzeitiges Ableben. Die TV-Produktion baute sie aber noch einmal deutlich aus, in Flashbacks dürfen wir mitansehen, was sich wirklich seinerzeit zugetragen hat.

Wann geht es hier mal weiter?
Doch diese vermeintliche Stärke wird zu einer der größten Schwächen der Serie: Regisseur Pascal Laugier (Martyrs, Ghostland) gelingt einfach keine Balance aus vergangenen und aktuellen Ereignissen. Die ständigen Rückblicke unterbrechen den Fluss und führen dazu, dass die eigentliche Geschichte kaum Fahrt aufnimmt. Wo beim Buch und früheren Adaptionen mit der Zeit die Dringlichkeit immer größer wurde, man das Gefühl hatte, der Wahrheit und der Gefahr immer näher zu kommen, da wird hier wild und willkürlich alles zusammengeworfen, bis auch das Gefühl einer Chronologie verloren geht. Von dem Gefühl der Isolation ganz zu schweigen: Durch die Parallelmontagen entwickelt sich kein Bewusstsein dafür, auf einer einsamen Insel gestrandet zu sein, wenn andauernd irgendwelche anderen zu sehen sind – zumal zeitgleich ein Polizist nach den Vermissten sucht.

Die zweite große Schwäche: Durch die Vertiefung der Vorgeschichte hätte eigentlich eine stärkere Identifikation mit den Figuren erfolgen sollen. Die sind aber samt und sonders so unsympathisch, dass man gar nichts mit ihnen zu tun haben will. Von Anfang an wild laut herumgeschrien, so als hätte man versehentlich eine dieser Trash-Talkshows aus dem Nachmittagsfernsehen eingeschaltet. Statt der Beklemmung, die auftritt, wenn man mit einem Mörder zusammengesperrt ist, von dem man nicht weiß, wer er ist, gibt es hier blanke Hysterie. Dabei war gerade die wachsende Paranoia, wenn andauernd jemand aus heiterem Himmel stirbt, eine Stärke von Christies Werk gewesen. They Were Ten hat dies aber offensichtlich nicht erkannt und aus dem spannenden Krimiklassiker eine Nerventortur der ganz anderen Art gemacht. Hier will man nicht wissen, wer hinter den Morden steckt, sondern warum das so lange dauert, bis die endlich alle tot sind.

Credits

OT: „Ils étaient dix“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Pascal Laugier
Drehbuch: Bruno Dega, Jeanne Le Guillou
Vorlage: Agatha Christie
Musik: Anthony D’Amario, Edouard Rigaudière
Kamera: Virginie Saint-Martin
Besetzung: Samuel Le Bihan, Guillaume de Tonquédec, Marianne Denicourt, Romane Bohringer, Patrick Mille, Matilda Lutz, Manon Azem, Nassim Lyes, Samy Seghir, Isabelle Candelier, Mathieu Demy, Samuel Jouy, Wendy Nieto

Bilder

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They Were Ten
„They Were Ten“ nimmt den großen Krimiklassiker von Agatha Christie um zehn Leute auf einer einsamen Insel, die nach und nach ermordet werden, und versucht diesen zu modernisieren. Die gut gemeinten Flashbacks, welche den Figuren mehr Tiefe geben sollten, führen jedoch dazu, dass die eigentliche Geschichte kaum Fahrt aufnimmt. Außerdem sind die zehn derart anstrengend hysterisch, dass man sie am liebsten selbst loswerden will.
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