Kritik

Robinson jr

„Robinson jr“ // Deutschland-Start: 27. November 2020 (DVD/Blu-ray)

In Mailand gehören Roberto Minghelli (Paolo Villagio) und seine Frau zur High Society, leben in einem luxuriösen Apartment und haben sich mit einer Heerschar von Dienern umgeben, die ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Auf Drängen seiner Frau macht das Paar eine Kreuzfahrt, doch während dieser kommt es zu einem Zwischenfall, denn als Roberto einen Alarm in der Nacht für eine weitere Übung für die Passagiere hält und im Bett bleibt, findet er sich am Morgen im gesunkenen Schiff wieder. Nur mit Mühe und Not gelingt es ihm, sich aus dem Wrack zu befreien und letztlich auf eine Insel zu retten. Dort befinden sich außer einer ganzen Reihe wilder Tiere keinerlei Bewohner, dennoch scheint schon einmal dort jemand gelebt zu haben, denn Roberto findet Überbleibsel einer Behausung und viele andere Utensilien sowie eine Notiz von einem gewissen Robinson Crusoe, auf der steht, er würde seine Besitztümer jenem Menschen überlassen, dem das gleiche Schicksal widerfahren ist wie ihm einst. So macht es sich Roberto in der Hütte Crusoes bequem und mit der Zeit legt er sich eine tägliche Routine zurecht. Mit der Zeit macht Roberto  auch die Langeweile und die Einsamkeit zu schaffen, bis er eines Tages auf eine junge Eingeborene (Zeudi Araya) trifft, der er den Namen „Freitag“ gibt. Während Freitag versucht Roberto die Jagd beizubringen und für ihn da zu sein, gibt er sich Mühe, ihr die Regeln der Zivilisation beizubringen. Schließlich muss sich Roberto entscheiden, ob er weiterhin der Welt nachtrauert, die ihn scheinbar vergessen hat, oder ob er sich mit seinem Schicksal abfinden soll.

Über das Zivilisierte und das Wilde
Eigentlich gilt Sergio Corbucci, neben seinem Landsmann Sergio Leone, als einer der bekanntesten Regisseure des populären Italowestern, den er mit Beiträgen wie Django und Leichen pflastern seinen Weg mitgeprägt hat. Gerade in den 1970er entfernte sich Corbucci jedoch von dem Genre, welches ihn berühmt gemacht hatte, und drehte Gangsterfilme wie Bluff (1976) oder die Actionkomödie Der Supercop (1980). In diese Zeit fällt auch Robinson jr., eine Komödie, die auf Motiven aus Daniel Defoes Robinson Crusoe basiert und speziell in Deutschland mittlerweile zu einem Kultfilm avanciert ist.

Im Gegensatz zu Sergio Leone mögen nicht alle Einträge in Cobuccis Filmografie gelungen sein, gerade was die 1970er Jahre angeht, doch Robinson jr. bietet nicht nur gute Unterhaltung, sondern zudem eine teils bissige Satire auf die vermutete Überlegenheit der modernen, technisierten Zivilisation. Deren Repräsentant namens Roberto Minghelli, von Freitag später nur noch „Robbie“ genannt, hat seine Mühe mit jenem Akt der Regression, zu dem ihn die Situation eines Gestrandeten zwingt. Als eine Art Running Gag im Film bietet sich der Kampf mit der Kokosnuss an, die Roberto verzweifelt versucht zu öffnen und sich dabei nicht nur reichlich tollpatschig anstellt, sondern sich zudem noch die ein oder andere Verletzung einfängt. Immer wieder verweist die Komik des Films auf die Unzulänglichkeit des zivilisierten Menschen, der in der Wildnis fehl am Platz ist und obendrein auch nicht ohne fremde Hilfe überleben kann.

Dennoch besteht das Verhältnis von Freitag zu Roberto aus einem Überlegenheitsanspruch des Letzteren. Wiederholt versucht Roberto sein Gegenüber davon zu überzeugen, dass seine Welt die bessere und die Zivilisation das Allheilmittel ist, bestätigt aber damit nicht nur die Nutzlosigkeit dieser im Kontext der Wildnis, sondern darüber hinaus auch seine Einsamkeit und Isolation, in die er sich in einem Anfall von weinerlichem Selbstmitleid hineinsteigert.

Versuchter Kolonialismus
Interessant ist hierbei, wie das Skript des Films, an welchem Corbucci mitschrieb, das Konzept des Kolonialismus verarbeitet. Auch außerhalb des historischen Zusammenhangs, der Defoes Werk zugrunde liegt, stellt Robertos Versuch, Freitag von der Überlegenheit der eigenen Kultur, der Zivilisation zu überzeugen, eine Form der Missionierung dar, die sich in der Sprache wie auch der Kleidung zeigt, die Freitag nur Roberto zuliebe anziehen will. Nicht unähnlich dem verzweifelten Kampf mit den Unwägbarkeiten der Wildnis stellt Robertos Versuch der Umerziehung Freitags eine Form der Kontrolle dar, die aber, wie man schon nach kurzer Zeit feststellt, zum Scheitern verurteilt ist.

In dem Zusammenspiel mit großem körperlichen Einsatz spielenden Paolo Villagio und von Zeudi Araya ist nie so ganz klar, inwiefern dieser Prozess der Veränderung nicht auch von Freitag ausgeht, wenn auch vielleicht unbewusst. Wiederholt stellt Corbuccis Inszenierung dar, wie es Roberto ist, der von der Wildheit angezogen ist, gerade wegen seiner bereits lange andauernden sexuellen Abstinenz. In einer der zahlreichen vielsagenden Szenen reagiert dieser verschreckt auf die Veränderung Freitags, als diese auf einmal Schminke und Kleider trägt und aufgrund des übertriebenen Make-ups eine weiße Gesichtsfarbe hat.

Credits

OT: „Il signor Robinson – Mostruosa stria d’amore e d’avventure“
Land: Italien
Jahr: 1976
Regie: Sergio Corbucci
Drehbuch: Sergio Corbucci, Franco Castellano, Giuseppe Moccia, Paolo Villagio
Musik: Guido De Angelis
Kamera: Marecllo Gatti
Besetzung: Paolo Villagio, Zeudi Araya, Anna Nogara, Percy Hogan

Bilder

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Robinson jr.
„Robinson jr“ ist eine unterhaltsame und hintersinnige Satire auf Zivilisation und Moderne. Mag der Film Sergio Corbuccis auch als Klamaukstreifen Kult erzielt haben, bietet er dem aufmerksamen Zuschauer doch viele interessante thematische Aspekte, welche diesen über diese etwas oberflächliche Kennzeichnung emporheben.
8von 10

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