Kritik

Die Büchse der Pandora

„Die Büchse der Pandora“ // Deutschland-Start: 19. März 2021 (DVD/Blu-ray)

Das Leben der Tänzerin Lulu (Louise Brooks) könnte eigentlich nicht schöner sein, wird sie doch von ihrem Mäzen Dr. Ludwig Schön (Fritz Kortner), einem bekannten und wohlhabenden Inhaber einer Zeitung, ausgehalten. Nicht nur ihre Garderobe, sondern auch ihre luxuriöse Wohnung wird von ihm bezahlt und Lulu hat die Hoffnung, einmal seine Frau zu werden. Diese Wünsche werden jedoch zerstört, als ihr Schön gesteht, er werde bald die Tochter des Innenministers heiraten, eine Verbindung, die ihm nicht erlaubt, die Beziehung zu Lulu aufrechtzuerhalten. Allerdings will sich Lulu damit nicht zufriedengeben und taucht schon am nächsten Tag im Anwesen der Schöns auf, sehr zur Freude Alwa Schöns (Francis Lederer), dem Sohn Ludwigs. Da ihm dies sehr peinlich ist, schlägt er Lulu für die Hauptrolle in einer der Tanzproduktionen seines Sohnes vor, damit er Lulu endlich vom Hals hat, warnt seinen Sohn aber gleichzeitig davor, je mit Lulu eine Beziehung einzugehen. Doch auch damit ist Lulu nicht einverstanden und die Premiere wird zu Eklat, sodass Ludwig sie letztlich doch heiraten muss. Es kommt zum Streit zwischen den Frischvermählten, in dessen Verlauf Schön getötet wird, als er Lulu davon überzeugen will, die müsse sich selbst umbringen, wenn sie nicht ihrer beider Untergang verantworten wolle. Nun wird Lulu der Prozess gemacht, doch auch dieses Mal kann sie fliehen, nach London, direkt in die Arme des wohl berüchtigtsten Mörders aller Zeiten, Jack the Ripper.

Die Wurzel allen Übels
Wie so vielen Werken der 1920er Jahre galt auch G. W. Pabsts Die Büchse der Pandora lange Zeit als ein verlorener Film, war doch nicht ein einziger Meter des Originalmaterials mehr auffindbar, als man im Rahmen einer Retrospektives von Pabsts Filmografie sich auf die Suche nach den Filmen machte. Erst zehn Jahre später gelang eine Rekonstruktion des Dramas, welches auf den Theaterstücken Erdgeist und Die Büchse der Pandora von Frank Wedekind basiert, und damit die Wiederentdeckung eines Werkes, welches im Jahr seiner Veröffentlichung auf geteiltes Echo seitens der Kritik stieß. Dank der Restaurierung sowie der veränderten Wahrnehmung im Laufe des 20. Jahrhunderts zeigt sich Die Büchse der Pandora als ein großes Sittengemälde, ein Drama über Geschlechterbilder, Verführung und die Ohnmacht des Patriarchats, das auf den eigenen Untergang zuläuft.

Einer der Hauptkritikpunkte innerhalb der zeitgenössischen Rezensionen war die unterkühlte Inszenierung Pabsts, die sich von der Vorlage Wedekinds distanzierte. Mag dies auch eine gewisse Berechtigung haben, so ignoriert diese Bewertung die eigentliche Absicht Wedekinds wie auch Pabsts, denen es nicht alleine um das Erzählen einer Geschichte geht, sondern um das Aufzeigen eines gesellschaftlichen Zustandes, der nicht wegen seines historischen Kontexts wichtig ist, sondern universell ist. Mit der Bezeichnung der Frau als „Wurzel allen Übels“, nicht unähnlich jener Sagengestalt Pandora, deren Büchse Unheil über die Menschheit brachte, zeigt sich der Teufelskreis von Schuld und dem Finden eines Sündenbocks, welcher letztlich alle Beteiligten ins Unglück stürzt. Die von Louise Brooks gespielte Lulu kann somit als ein Mitglied jener Hierarchie gesehen werden, mit der sie sich arrangiert hat, welche sie für sich einnehmen kann und innerhalb derer Strukturen sie versucht ihr Leben zu leben.

Gerade das Kino der Weimarer Zeit ist bekannt für seine klare Darstellung von Konzepten wie Status und Hierarchie. Wenn man in Fritz Langs M – Eine Stadt sucht einen Mörder als Zuschauer eine Collage von verschiedenen Gesellschaftsschichten sieht, die alle wegen unterschiedlicher Agenden auf der Suche nach dem Kindermörder sind, findet dies seine Entsprechung in Die Büchse der Pandora, wenn es um die Darstellung einer exklusiven, auf Geld und Vetternwirtschaft beruhenden Elite geht. Ähnlich dem Wachtmeister Holk in Joe Mays Asphalt, der im selben Jahr wie Die Büchse der Pandora in die Kinos kam, ist Status eine Äußerlichkeit, eine Maskerade, die von einer Minute auf die nächste fallen kann, aber zugleich über die gesellschaftliche Wahrnehmung entscheidet.

Spiel der Verführung
Ein weiterer, heutzutage sehr irritierender Kritikpunkt war die Besetzung Louise Brooks in der Rolle der Lulu, was gar in offene Anfeindung gipfelte und wahrscheinlich darin begründet lag, dass Brooks keine Deutsche war. Ironischerweise gleichen die Kommentare eben jener geringschätzigen Meinung der Männer im Film, wie beispielsweise Ludwig Schön, der mit einem breiten Grinsen seinem Sohn versichert, Lulu könne zwar „ein bisschen hopsen“ auf der Bühne, aber zu mehr sei sie einfach nicht fähig. Doch gerade an diesen Stellen zeigt sich der fatale Irrtum eines Patriarchats, welches sich vor allem auf die subjektive Nabelschau konzentriert und weniger auf tatsächliche Menschenkenntnis. Speziell die Szenen vor Gericht demonstrieren die Ambivalenz dieses Charakters, bei dem man sich nie sicher sein kann, ob ihr eigentlich klar ist, welchen Eindruck sie auf Menschen beiderlei Geschlechts hat und darüber hinaus, ob sie diesen Effekt zu ihrem Vorteil nutzt.

Gerade diese Szenen betonen die formale Brillianz der Inszenierung Pabsts sowie das zweideutige Spiel Brooks, die, was zusätzlich durch ihre Kostüme unterstrichen wird, einer Sphinx gleicht, einer menschlichen Chiffre, deren Inneres man wahrlich nicht durchschauen kann. Mag das Attribut der Verführerin auch formal stimmen, verhält sie sich doch synchron zu einem System, in dem Manipulation einen Teil des Fundaments bildet, was ihr aber wegen ihres Geschlechts und ihres Standes, anders ausgelegt wird.

Credits

OT: „Die Büchse der Pandora“
Land: Deutschland
Jahr: 1929
Regie: Georg Wilhelm Pabst
Drehbuch: Joseph Fleiser, Ladislaus Vajda, Georg Wilhelm Pabst
Vorlage: Frank Wedekind
Kamera: Günther Krampf
Besetzung: Louise Brooks, Francis Lederer, Carl Goetz, Alice Roberts, Fritz Kortner

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Die Büchse der Pandora
„Die Büchse der Pandora“ ist ein tragisches Drama sowie ein nach wie vor sehr aktuelles Sittengemälde. G. W. Pabst zeigt sich als hintersinniger Kommentator gesellschaftlicher Zustände, von Statusdenken sowie eines repressiven Geschlechterbildes.
9von 10

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