Kritik

Wildherz

„Wildherz – Auf der Reise zu mir selbst“ // Deutschland-Start: 29. Oktober 2020 (Kino)

Früher war alles besser? Das vielleicht nicht. Aber so manches doch einfacher. Auf der einen Seite ist es eine erfreuliche Entwicklung, dass die Menschen jetzt mehr Möglichkeiten haben, ihnen Wege offen stehen, von denen vorangegangene Generationen nicht mal träumen konnten, weil sie nichts von deren Existenz wussten. Auf der anderen Seite bedeutet das aber auch, dass es deutlich schwieriger geworden ist, eben diesen Weg zu finden, den man verfolgen will. Gibt es nur wenige, sind die Optionen überschaubar, findet man sich schneller mit etwas ab. Doch wenn die Welt zu einem Labyrinth aus Pfaden wird, bei dem man sich ständig fragt, ob die gerade passierte Abzweigung nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, dann ist man oft so sehr mit Grübeln beschäftigt, dass man dabei fast vergisst, überhaupt mal einen Schritt zu gehen.

Das öffentliche Glück
Simone Hage ist einer dieser jungen Menschen, die mit diesen vielen offenen Türen konfrontiert wird, umso mehr, da sie sich keinen Konventionen unterwerfen will. Doch das hielt sie bislang nicht davon ab, auch einfach mal drauflos zu marschieren und zu sehen, wo sie dabei ankommt. Das hat viel mit Natur zu tun, mit Pferden – und kommt gut an. An manchen Stellen wirkt Wildherz – Auf der Reise zu mir selbst wie eine dieser typischen Social-Media-Influencer-Geschichten, die von Authentizität säuseln und sich dabei in minutiös geplanten Posen ablichten lassen, die ganz spontan aussehen sollen. Doch damit würde man ihr nicht gerecht werden.

Tatsächlich ist es erfrischend, wie Hage sich irgendwann von eben diesen sozialen Medien lossagt, von dem Druck der Unbeschwertheit, der in dem virtuellen Gutelauneland herrscht. Und auch von der Selbstinszenierung, derer sie sich durchaus bewusst ist. Überhaupt ist die junge Frau angenehm reflektiert, wenn sie über ihre Lage sinniert, über Privilegien, die sie genießt, aber auch Grenzen, die sich auftun. Denn selbst wenn im hier und jetzt vieles gut gegangen ist, da ist noch das Morgen, da ist der weitere Weg, den sie verfolgen muss, wenn sie zu sich und dem Glück finden will. Und da sind die Zweifel, die sich dann doch irgendwann einschleichen, wenn der Blick auf die Alternativen zu verführerisch ist.

Wird schon gut gehen
Das ist einerseits sympathisch und auch gut nachvollziehbar. Wildherz stellt einen Menschen vor, der offen mit sich und der Situation umgeht und es dadurch einem Publikum erlaubt, den Weg für eine Weile mit ihr zu gehen. Dennoch neigt der Film dazu, hier und da ein bisschen zu euphorisch zu werden. Das kann dann schon mal ein bisschen aufgesetzt wirken und auch anstrengend werden. Ein bisschen so, als hätte man versehentlich eine Show von Shopping-Sendern eingeschaltet, die dir gerade das neueste Produkt verkaufen wollen. Nur dass das Produkt hier keine Anti-Falten-Creme oder Super-duper-Alleskann-Mischmaschine ist, sondern eine Lebenseinstellung. Wird schon alles gut gehen, so das Motto.

Dass die über zwei Jahre gedrehte Doku bis in die Corona-Zeit hineinreicht, hätte der Anlass für eine spannende Auseinandersetzung sein können. Doch die Phase des Lockdowns und des Verlustes von Freiheit wird einfach weggelächelt, zum Abschluss gibt es Aufbruchsstimmung. Dass Wildherz ausgerechnet zu einem Zeitpunkt ins Kino kommt, wo erneut die Gesellschaft heruntergefahren wird – darunter eben auch die Kinos –, ist dem Film als solchen natürlich nicht anzulasten. Und doch zeigt er auf, dass er doch ein bisschen zu idealistisch ist, zwar einerseits mit Fragen offen umgeht, dann aber doch davor zurückscheut, wirklich in die Abgründe zu schauen und festzustellen, dass manche dieser vielen offenstehenden Wege sich am Ende als Sackgasse herausstellen.

Credits

OT: „Wildherz“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Caro Lobig
Musik: Tobias Bartsch
Kamera: Timo Lendzion

Bilder

Trailer



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Wildherz – Auf der Reise zu mir selbst
„Wildherz“ dokumentiert über zwei Jahre, wie eine junge Frau verschiedenes im Leben ausprobiert auf der Suche nach sich selbst und dem Glück. Das ist teilweise erstaunlich reflektiert, an anderen Stellen dafür idealisierend und zu sehr darauf bedacht, eine positive Einstellung durchzuhalten.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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