Kritik

The Village of No Return

„The Village of No Return“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Es geht gerade richtig drunter und drüber in dem kleinen Dorf. So pocht der Gründer und Anführer (Pao-Ming Ku) darauf, dass sie an eine neue Eisenbahnstrecke angeschlossen werden, die Wohlstand bringen soll – wofür aber leider Opfer gebracht werden müssen. Da kommt es ihm sehr ungelegen, als auf einmal einer der Mitbürger tot umfällt, was Spekulationen lostritt, ein Mörder könnte unter ihnen sein. Und dann taucht auch noch ein Priester namens Fortune Tien (Qianyuan Wang) auf, der behauptet, einen wertvollen Schatz bei sich zu haben. Während der Rest des Dorfes den Fremden aus dem Verkehr ziehen wollen, um so an seinen Reichtum zu kommen, nimmt sich die junge Witwe Autumn (Qi Shu) des Mannes an und erfährt sein Geheimnis: Der besagte Schatz kann dafür sorgen, dass die Menschen ungeliebte Erinnerungen vergessen …

Das Motiv der Amnesie erfreut sich in Filmen immer wieder größerer Beliebtheit. Thriller nutzen einen plötzlichen Gedächtnisverlust, um auf diese Weise Spannung zu erzeugen und Fragen nach der Vergangenheit durch den Raum wabern zu lassen. Das Science-Fiction-Genre wiederum nimmt die Beschäftigung mit Erinnerungen zum Anlass, um ganz grundsätzlich über den Zusammenhang von Erfahrungen und Identität nachzudenken. Wie sehr ist der einzelne das Ergebnis dessen, was er zuvor erlebt hat? Ändere ich die Persönlichkeit, wenn ich alte Erinnerungen lösche bzw. neue hinzufüge? Kann ich auf diese Weise einen völlig neuen Menschen schaffen?

Künftige Fragen einer komischen Vergangenheit
In The Village of No Return schwingen diese Fragen implizit auch immer mit, wenn der mysteriöse Priest nach einer holprigen ersten Begegnung anfängt, eifrig die Erinnerungen des Dorfes zu löschen. Mit Altruismus hat das jedoch weniger zu tun, auch wenn er das ganz gerne behauptet. Vielmehr wird schnell klar, dass er auf diese Weise die Menschen nach Belieben manipulieren kann. Wer nicht mehr weiß, wer er ist und was er tun soll, ist schließlich empfänglich für das, was andere sagen. Denn die müssen es ja wissen. Eine solche Entwicklung würde man eigentlich in einer finsteren Dystopie erwarten, die irgendwann in einer mittelfernen Zukunft spielt. Stattdessen reisen wir hier aber in ein länger zurückliegendes China, in dem die Eisenbahn schon das Nonplusultra der Technik darstellt.

Aber auch der Ton ist ein ganz anderer. Obwohl Regisseur und Co-Autor Yu-Hsun Chen eine im Grunde sehr düstere Geschichte erzählt, ist sein Film ausgesprochen heiter und komisch. Der Humor schwankt dabei jedoch beträchtlich. Mal sind die Witze sehr albern und setzen auf visuelle Gags, wenn beispielsweise der besagte Tote zu Beginn ein doch recht grotesker Anblick ist. Andere Szenen zeigen die satirischen Absichten Chens. Dann und wann wird der Humor aber auch sehr schwarz, etwa bei einer Nebenhandlung mit Dark Cloud (Mei-Hsiu Lin), welche eine Banditenbande anführt, die eng mit dem Dorf verbunden ist – ohne dass Letzteres etwas davon ahnt.

Ein Geheimtipp für Fans schräger Geschichten
Vor allem aber ist The Village of No Return sehr schräg. Hier verhält sich kein Mensch so, wie sich Menschen gemeinhin verhalten: Man meint immer, versehentlich in eine Parallelwelt gestolpert zu sein, in der seltsame Gestalten umherlaufen und so tun, als wären sie reale Leute. Wie viel Spaß man an der taiwanisch-chinesischen Produkt hat, hängt dann auch sehr davon ab, ob man solchen skurrilen Sonderbarkeiten etwas abgewinnen kann. Obwohl die Handlung eher überschaubar ist, ist man doch neugierig, worauf der Blödsinn denn nun hinauslaufen soll und wie die verschiedenen Stränge denn zusammenfinden werden: Banditen, Fortschritt, Vergessen, eine alte Liebe.

Wirklich eindeutig fällt die Antwort jedoch nicht aus. Chen gibt den Leuten zwar diverse Ansätze, über die man beliebig nachdenken darf, gerade auch mit dem irgendwie provokativen Ende. Der große Knall, den man nach dem langen Aufbau erwarten konnte, bleibt aber aus. Doch selbst wenn man sich vielleicht mehr versprochen hatte, der Beitrag vom Chinesischen Filmfest München 2020 ist ein Geheimtipp für Fans ungewöhnlicher Geschichten. Die Schauspieler und Schauspielerinnen zeigen ein tolles Timing für Comedy, der Einsatz der Vergessmaschine ist immer wieder ein Höhepunkt, es macht einfach Spaß, durch das Dorf zu schlendern und darauf zu warten, welcher Blödsinn wohl als nächstes ansteht.

Credits

OT: „Jian wang cun“
Land: Taiwan, China
Jahr: 2017
Regie: Yu-Hsun Chen
Drehbuch: Yu-Hsun Chen, Yaosheng Chang
Musik: Owen Wang
Kamera: Hung-i Yao
Besetzung: Qi Shu, Qianyuan Wang, Hsiao-chuan Chang, Mei-Hsiu Lin, Tony Yo-ning Yang, Eric Tsang, Pao-Ming Ku

Bilder

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The Village of No Return
In „The Village of No Return“ kommt ein Priester in ein kleines Dorf und verspricht, böse Erinnerungen verschwinden zu lassen. Der Film kombiniert ein an und für sich düsteres Szenario mit einer heiteren Stimmung sowie einem Humor, der mal satirisch, dann schwarz, manchmal sehr albern ist. Auch wenn am Ende keine wirkliche Aussage herausspringt, ist die Komödie aus Taiwan ein Geheimtipp für Fans schräger Geschichten.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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