Kritik

Maurice

„Maurice“ // Deutschland-Start: 28. Januar 1988 (Kino) // 10. September 2020 (DVD/Blu-ray)

Als sich Maurice Hall (James Wilby) und Clive Durham (Hugh Grant) 1909 an der altehrwürdigen Cambridge Universität über den Weg laufen, sind sie sich auf Anhieb sympathisch. Mehr noch, sie entwickeln rasch Gefühle für einander. Gefühle, von denen sonst aber niemand etwas erfahren darf: In Großbritannien ist Homosexualität nach wie vor ein Verbrechen, wer erwischt wird, muss mit harten Strafen und gesellschaftlicher Ächtung rechnen. Mit der Zeit wird Clive, der die Folgen eines solchen Fehltritts miterlebt hat, der Druck zu hoch und er beschließt, ein ganz normales Familienleben zu gründen. Für Maurice ist die Sache damit aber nicht ausgestanden, auch ein Besuch beim Therapeuten bringt nicht den erwünschten Erfolg …

Mehr als 30 Filme hat James Ivory im Laufe seiner Karriere inszeniert. Berühmt wurde er dabei vor allem durch eine Reihe von Historiendramen, die zwischen Mitte der 80er und Mitte der 90er drehte und die allesamt auf Romanvorlagen basierten. Zimmer mit Aussicht (1985) war für acht Oscars nominiert, Wiedersehen in Howards End (1992) für neun, Was vom Tage übrig blieb (1993) erneut für acht. Im Vergleich etwas untergangen war sein 1987 erschienenes Drama Maurice, das ebenso wie die ersten beiden Filme einen Roman von E.M. Forster zur Grundlage hatte. Aber irgendwie ist das auch passend für ein Werk, das von der erzwungenen Unsichtbarkeit von Gefühlen handelt und das Forster, der seine eigene Homosexualität nie publik machte, selbst erst nach seinem Tode veröffentlichen ließ.

Erschreckende Erinnerung
Teilweise ist die Geschichte, sowohl als Buch wie auch als Film, ein Produkt ihrer Zeit. Menschen ins Gefängnis zu stecken oder mit einer Prügelstrafe zu malträtieren, nur weil sie einen Menschen des eigenen Geschlechtes lieben, das klingt für heutige Ohren schon weit hergeholt – zumindest für Gesellschaften in unserem Kulturkreis. Die Versuche, Homosexuelle zu „heilen“, sind inzwischen ebenfalls eine Seltenheit geworden, auch wenn vereinzelt immer noch barbarische Läuterungscamps existieren – siehe Der verlorene Sohn. Was jedoch nach wie vor ein Thema ist, hierzulande wie in anderen westlichen Ländern, das ist der Druck einer zu erfüllenden Norm. Auch wenn Individualität als Ideal formuliert wird: Zu anders darf man noch immer nicht sein, will man an der Gesellschaft teilhaben.

Im Fall von Maurice kommt noch hinzu: Sowohl Maurice wie auch Clive gehören einer privilegierten Schicht an, die zwar mehr Möglichkeiten und Freiheiten hat, aber auch eigenen Gesetzen zu folgen hat. Der Schein will bewahrt werden, ein Mann braucht Frau und Kind für die Öffentlichkeit. Der Film spielt also sehr mit dem Unterschied der Fassade und dem, was dahinter geschieht. Während Clive dieses Spiel verinnerlicht hat und entsprechend vorsichtig auftritt, will die Titelfigur mehr. Das Drama erzählt die Geschichte eines Mannes, der unter den Versteckspielen leidet und sich nach der Möglichkeit sehnt, sich selbst ausdrücken und finden zu können. Und das ist etwas, das bis heute Wirkung zeigt und relevant ist, nicht nur in Hinblick auf Homosexualität.

Liebe über alle Klassengrenzen hinweg
Das zweite größere Thema ist das des Klassenunterschiedes. So führt Forster später noch einen zweiten Mann ein, der es Maurice angetan hat: der von Rupert Graves gespielte Alec Scudder. Der ist als Wildhüter deutlich näher an seiner Natur dran, steht für einen offeneren und positiveren Umgang mit der eigenen Sexualität. Die Frage der gleichgeschlechtlichen Liebe wird damit verknüpft, ob reich und arm eine echte Verbindung eingehen können. Der Autor zeigt sich an der Stelle als Romantiker, der an ein Happy End glaubt oder glauben möchte. Dafür nimmt er auch ein bisschen Kitsch in Kauf, von der mangelnden Glaubwürdigkeit der Verbindung ganz zu schweigen: Man sieht einfach keine Gemeinsamkeit zwischen Maurice und Alec, über die Homosexualität und Attraktivität hinaus.

Die Attraktivität des Films beschränkt sich dabei nicht allein auf das Ensemble. Allgemein ist Maurice eine Augenweide, wie man es von den Werken Ivorys auch gewohnt ist. Ob es die prächtigen Landschaften sind, die sorgfältig zusammengestellten Kostüme oder die Ausstattung innerhalb der Gebäude von anno dazumal – die Augen haben hier schon viel Gelegenheit sich zu beschäftigen, umso mehr da der Film mit 140 Minuten nicht eben kurz ist. Das Drama ist damit ein Fall für ein Publikum, das gerne schwelgen möchte, sowohl visuell wie emotional, wenn wir hier von der großen Liebe träumen, die am Ende alle Hindernisse überwindet. Und das funktioniert heute noch genauso gut wie damals.

Credits

OT: „Maurice“
Land: UK
Jahr: 1987
Regie: James Ivory
Drehbuch: James Ivory, Kit Hesketh-Harvey
Vorlage: E. M. Forster
Musik: Richard Robbins
Kamera: Pierre Lhomme
Besetzung: James Wilby, Hugh Grant, Rupert Graves, Denholm Elliott, Simon Callow, Billie Whitelaw

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1988 Beste Kostüme Jenny Beavan, John Bright Nominierung
Venedig 1987 Goldener Löwe Nominierung
Beste Regie James Ivory Sieg
Bester Schauspieler Hugh Grant, James Wilby Sieg
Beste Musik Richard Robbins Sieg

Filmfeste

Venedig 1987

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Maurice
„Maurice“ erzählt von zwei jungen Männern, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Großbritannien ihre Gefühle füreinander entdecken, diese aber nicht ausleben dürfen. Die Romanadaption verwöhnt mit wunderbaren Bildern, geht gleichzeitig zu Herzen als Geschichte einer Liebe, die nicht sein darf. Dabei muss man jedoch über spätere Idealisierungen hinwegsehen können, wenn es sich der Film recht einfach macht.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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