Kritik

Heavy Craving

„Heavy Craving“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Seit sie denken kann, muss ich Ying-Juan (Jia-Yin Tsai) wegen ihres Gewichts Beleidigungen und Kommentare ihrer Mitmenschen anhören, besonders von ihrer Mutter, in deren Kindertagesstätte sie als Köchin arbeitet. Mit dem Erreichen ihres 30. Geburtstages erreichen die Vorhaltungen ihrer Mutter eine neue Dimension, denn, da sie es nicht mehr ertragen kann und will, dass ihre Tochter noch bei ihr wohnt und einfach nicht abnehmen will, hat sie Ying-Juan kurzerhand bei einem Fitnesscenter angemeldet. Zunächst skeptisch, willigt diese dann doch ein den Kurs zu besuchen, der ihr neben einem täglichen Programm, bestehend aus Joggen und anderen Übungen, auch noch einen Diätplan auferlegt sowie eine Ernährungsberatung. Zwar zeigt sich schon bald ein Erfolg, da sie tatsächlich stattliche 10 Kilo abnimmt, doch es ist immer noch nicht genug, vor allem nicht in den Augen ihrer Mutter sowie ihrer Umwelt, in deren Augen sie immer noch fett ist. Nach einem sehr unschönen Zwischenfall mit ihrem Nachbarn hat Ying-Juan endgültig genug. Parallel jedoch lernt sie den freundlichen und optimistischen Wu (Yao-Jen Chang) kennen, der ihr gesteht, er wäre selbst übergewichtig gewesen, und ihr von seinem Kampf gegen den Drang zu essen berichtet. Zwischen den beiden entwickelt sich eine vorsichtige Freundschaft und nach all den Rückschlägen und Vorhaltungen stellt auch Ying-Juan fest, dass sie dem Abnehmen positiver gegenübersteht als vorher. Jedoch trägt Wu ein dunkles Geheimnis mit sich herum und letztlich kommt es auch zwischen Ying-Juan und ihrer Mutter zu einem handfesten Streit.

Körper und Leistung
Mit ihrem ersten Spielfilm Heavy Craving, der auf dem diesjährigen Chinesischen Filmfest München zu sehen ist, setzt sich die taiwanesische Regisseurin Hsieh Pei-ju mit einem sehr aktuellen Thema auseinander. Das Drama, welches bei den Taipei Film Awards die Auszeichnung für Bestes Neues Talent entgegennehmen durfte sowie den Publikumspreis auf dem Taipei Film Festival, erzählt davon wie im Namen von Begriffen wie Leistung und Optimierung nicht mehr länger unsere Arbeit, sondern nun auch unsere Körper getrimmt werden.

Hsieh Pei-ju, die auch das Skript zum Film schrieb, zeigt die Veränderung des eigenen Körpers als einen Zwang in unserer Gesellschaft an. Gerade in vielen asiatischen Gesellschaften, in denen Konformismus teilweise noch viel stärker betont wird als in westlichen Kulturen, wird jedes Abweichen von der Norm, sei es durch das Äußere oder durch bestimmte Verhaltensweisen, geahndet und soziale Korrekturmechanismen greifen ein. In den Augen der Menschen, denen man auf der Straße begegnet, wie es Ying-Juan ein Fitnesscoach erklärt, geht es nicht darum, dass sie zehn Kilo abgenommen hat und welche Herausforderung dies für sie war, denn sie ist nach wie vor ein „Fettsack“, auf den man entsprechend reagiert, mit Ekel, Irritation und teilweise sogar Wut. Der jungen Frau sind diese Verhaltensweise mehr als bekannt, ist sie diesen doch jeden Tag ausgesetzt.

Wichtig ist, dass es in Heavy Craving nicht etwa um die Veränderung des Körpers geht, weil man sich selbst unwohl fühlt oder aus gesundheitlichen Gründen abnehmen muss, sondern es ist ein enormer sozialer Druck, der an vielen Stellen zu spüren ist. Der Körper wird als Ausdruck einer Leistung und einer Leistungsbereitschaft verstanden, sodass ein Versagen automatisch auf den Menschen zurückzuführen ist. Fettleibigkeit, Essstörungen oder die Lust Frauenkleider anzuziehen sind Ausdruck eines „schwachen Willens“, eines schwachen Ich, welches sich der Leistung verweigert und deshalb entweder korrigiert oder ausgegrenzt gehört.

Das bessere Du
Mit gewissen ironischen Untertönen ist der Slogan des Fitnessstudios, dass man das „bessere Du“ kennenlernen soll, ein Mantra, ein Bild, mit dem man an das Ertragen und das Durchhalten erinnert, bis man dieses Maß der Optimierung erreicht hat. Die Korrektur der Gesellschaft wird übernommen, was die Protagonistin in eine tiefe Identitätskrise stürzt, ihr die Passion zu kochen verleidet und ihre Persönlichkeit verändert. Letztlich kommt es zu einer tiefen Depression, einem frustrierten Aufschrei nach diesen Regeln, denen man einfach nicht genügen kann.

Erzählerisch gelingt Hsieh Pei-Ju ein wahrer Balanceakt, der den Ernst des Themas sowie dessen Dimensionen berücksichtigt, ohne dabei zu übertreiben. Dies ist nicht zuletzt der Darstellung Tsai Jia-Yin in der Hauptrolle geschuldet, die eine Frau spielt, welche an den Regeln und den Idealen der Gesellschaft verzweifelt und ihren Körper mehr und mehr als Ausdruck einer in den Griff zu kriegenden Schwäche ansieht, gegen die sie nicht ankommen kann.

Credits

OT: „Da e“
Land: Taiwan
Jahr: 2019
Regie: Pei-Ju Hsieh
Drehbuch: Pei-Ju Hsieh
Musik: Hung-Tao Lin
Kamera: Hao-jan Chang
Besetzung: Samantha Shu-Chin Ko, Lene Lai, Jia-Yin Tsai, Tsu-wu Hsieh, Yao-Jen Chang, Ein Wai Chang

Bilder

Trailer

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Heavy Craving
„Heavy Craving“ ist ein eindrucksvolles und wichtiges Drama über Konformismuswahn und die Abgründe der Selbstoptimierung. Hsieh Pei-Ju ist ein beachtliches Spielfilmdebüt gelungen, eine berührende und aufrüttelnde Geschichte, die aufzeigt, in welche Depression wir uns stürzen, wenn wir uns einer ständigen Optimierung unterziehen, die einem abstrakten Konzept von Normalität gehorcht.
9von 10

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