Kritik

Untimely

„Untimely“ // Deutschland-Start: nicht anhekündigt

Nachdem ihm der Fronturlaub wegen Fehlverhaltens nichts gestattet wurde, kehrt der junge Soldat Hamin (Iman Afshar) auf seinen Posten zurück. Auf einem Wachturm überwacht er den Golf von Oman, doch für die Aussicht interessiert er sich wenig, denkt er doch immerzu daran, dass er seine Schwester Mahin (Aiwa Azaripa) bei ihrem wichtigsten Tag, ihrer Hochzeit, alleine lassen muss. Als ihn sein Vorgesetzter abermals auf das Fehlverhalten anspricht während einer Routinekontrolle, kommt es zu einem Handgemenge, in dessen Folge Hamin sein Gegenüber umbringt. Von Schuldgefühlen geplagt versucht er so gut es geht, die Spuren der Tat zu beseitigen, doch die anderen Soldaten werden misstrauisch. Noch während er überlegt, wie er mit der Tat umgehen soll, kehrt er immer wieder zurück in die Vergangenheit, seiner Beziehung zu Mahin und ihrer gemeinsamen Familiengeschichte. Stets hat er versucht, seine Schwester vor den Schwierigkeiten im Leben, vor der Bestimmung ihres Lebens durch andere zu schützen und dieses eine Mal will er für sie da sein, kein Feigling sein und wegrennen.

Kreislauf der Schuld
Eine Karriere in einem künstlerisch-ästhetischen Beruf wurde dem Iraner Pouya Esthehardi quasi in die Wiege gelegt, denn seine Eltern ermutigten sein Interesse für Kunst, Musik und Film. Nach seiner Ausbildung arbeitet Esthehardi an mehreren Kurzfilmprojekten sowie an einer Dokumentation mit, die sich durch einen avantgardistischen Stil und eine starke Bildsprache auszeichneten, ein Kriterium, welches sich in seinem Spielfilmdebüt Untimely, das nun auf dem Filmfestival Oldenburg seine Europapremiere feiert, fortsetzt. An der Oberfläche ein Drama über Schuld und Sühne ist Untimely nicht zuletzt eine Geschichte über unser Schicksal, vor allem, inwiefern unser Handeln oder dessen Ausbleiben das Leben anderer beeinflusst.

Bereits der Titel des Films deutet an, dass es sich bei Esthehardis Spielfilmdebüt um eine Geschichte handelt, von der man keine Linearität erwarten sollte. Wie Hamin selbst fällt es auch dem Zuschauer schwer, die einzelnen Bild- und Zeitebenen auseinanderzuhalten, die sich im Verlaufe der 78 Minuten Laufzeit offenbaren. Manches mag eine Rückblende sein, manches scheint eher ein Tagtraum zu sein, beeinflusst durch die Schuldgefühle des Protagonisten, der sein Nicht-Handeln als unverzeihlich ansieht und als grobe Fahrlässigkeit gegenüber seiner Schwester. Szenen, in denen er als Kind der Schwester Essen bringt, sich knapp von ihr verabschiedet, bevor die schwere Eisentür des neuen Elternhauses ins Schloss fällt, sind verbunden mit Eindrücken eines religiösen Rituals, einer Art Exorzismus.

Einem Gedankenstrom gleich ergießen sich diese Bilder und Gedanken über den Zuschauer, wobei sich eine Verbindung zu der eigentlichen Geschichte nicht immer ergibt. Fast ist es so, als würde Hamin, ausgelöst durch den Mord an seinem Vorgesetzten, einen Verdrängungsprozess durchleben, der ihn aber immer weiter in einen Kreislauf von Schuld hineinführt.

Einsamer Wachposten
Vor allem auf visueller Ebene ist Untimely ein sehr beeindruckendes Debüt. Esthehardi, der auch für das Drehbuch und den Schnitt zuständig war, verknüpft einzelne Bildelemente teils sehr virtuos miteinander, sodass man als Zuschauer einen Einblick in die Psyche der Hauptfigur erlangt. Der rostige Wachturm, aufgestellt an einer Stelle, welche zwar eine atemberaubende Sicht auf das Meer gibt, aber gleichzeitig die Absurdität der Aufgabe Hamins betont, steht sinnbildlich für dessen Empfinden der eigenen Feigheit und Nutzlosigkeit, konnte er doch als Bruder nicht verhindern, welches Leid ihm und seiner Schwester zustieß.

Credits

OT: „Bigah“
Land: Iran
Jahr: 2019
Regie: Pouya Esthehardi
Drehbuch: Pouya Estehardi
Musik: Navid Jaberi
Kamera: Reza Hemasi
Besetzung: Iman Afshar, Ayoub Afshar, Mousa Afshar, Shayan Afshar, Aiwa Azaripa

Bilder

Trailer

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Untimely
4.67 (93.33%) 6 Artikel bewerten

Untimely
„Untimely“ ist ein vor allem visuell starkes Spielfilmdebüt Pouya Estehardis. Das Drama zeigt das persönliche Dilemma eines Mannes, der von Schuldgefühlen geplagt, versucht das Richtige zu tun und sich dabei immer mehr verrennt.
7von 10

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