Kritik

The Great War

„The Great War“ // Deutschland-Start: 17. September 2020 (DVD/Blu-ray)

November 1918, der Erste Weltkrieg neigt sich langsam seinem Ende zu. Doch bevor es so weit ist, wird noch mal kräftig um jeden Zentimeter gekämpft – und sei es nur, um eine bessere Ausgangsposition für die anschließenden Verhandlungen zu haben. Das wird auch einer Truppe afroamerikanischer Soldaten bewusst, als sie vom Feind eingekesselt werden und nun um ihr Überleben kämpfen müssen. Einem der Soldaten, Private John Cain (Hiram A. Murray), gelingt dabei die Flucht. Aber anstatt nun entspannt dem Kriegsende entgegenblicken zu können, wird er von General Pershing (Ron Perlman) dazu verpflichtet, zusammen mit Captain Rivers (Bates Wilder) und dessen Männern die anderen zu befreien. Dabei hat Cain nicht nur mit dem deutschen Feind zu kämpfen, sondern auch mit den eigenen Kameraden, die so gar nicht darüber glücklich sind, für Schwarze ihr Leben riskieren zu müssen …

Der vergessene Krieg
Auch wenn der Zweite Weltkrieg der mit Abstand am meisten in Filmen gezeigte Krieg ist, so war es doch der Erste, der den Namen The Great War erhielt. Nicht nur, dass hier Menschenmassen bislang unbekannten Ausmaßes gegeneinander kämpften, in einem sehr kurzen Zeitrahmen. Seinerzeit ging man noch davon aus, dass eben dieser Krieg das Schicksal der Menschheit so bestimmen würde, dass es danach nie wieder Krieg geben müsste. Es kam bekanntlich anders, noch deutlich schlimmer: Mit einer Todeszahl, die ungefähr viermal so hoch war, überschattete der Zweite Weltkrieg den Ersten derart stark, dass kaum noch einer von diesem spricht. Dabei gibt es noch genug Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden.

Eine solche gibt es in The Great War zu hören. Zumindest teilweise. Schon das Szenario um Soldaten, die kurz vor Schluss noch größte Gefahren auf sich nehmen müssen, nur damit am Ende ein größerer Kuchen für die jeweiligen Staaten rausspringt, ist so zynisch, dass es wert wäre, daraus etwas Eigenes zu machen. Wichtiger noch war Regisseur und Drehbuchautor Steven Luke aber das Thema schwarzer Soldaten, die für das amerikanische Heer kämpften. In einer Gesellschaft, die bis heute von Hass und Rassismus zerfressen ist, wundert es nicht sonderlich, dass vor mehr als hundert Jahren die Situation mindestens schwierig, wenn nicht gleich die Hölle war. Der Film zeigt auf, wie die Männer für ein Land in den Tod gingen und dennoch Menschen zweiter Klasse waren.

Klassisch, aber nicht geglückt
Als Thema ist das zweifelsfrei wichtig, allein schon da es bislang zu selten bearbeitet wurde. Spike Lee griff es dieses Jahr in Da 5 Bloods auf, allerdings bezogen auf den Vietnamkrieg. Außerdem machte der berühmte Regisseur eine etwas sonderbare Mischung aus Buddy-Abenteuer, Schatzsuche, Historiendrama und Gesellschaftskritik daraus. Luke ist in der Hinsicht deutlich geradliniger und konventioneller. Sein The Great War ist ein klassischer Kriegsfilm um Männer, die für eine gemeinsame Sache kämpfen, dabei zunächst jedoch nicht wirklich gemeinsam auftreten. Es ist mehr eine Zweckgemeinschaft, die mit der Zeit zusammenwächst, Gräben überwinden muss, um am Ende über das Böse zu triumphieren – wobei das Böse hier gleichzeitig die Deutschen und der Rassismus sind.

Doch es ist nicht allein, dass der systematische Rassismus hier mit der Zeit verschwindet und eigentlich alles ganz dufte ist, weshalb The Great War am Ende doch nicht überzeugt. Man begnügte sich bei dem Film insgesamt einfach mit zu wenig. Die Figuren sind kaum ausgearbeitet, es reicht nicht für Persönlichkeiten oder Geschichten. Hinzu kommt, dass das geringe Budget sich als zu große Hürde für Luke herausstellt. Dessen großes Faible für das Kriegsgenre zum Trotz – seine noch junge Filmografie besteht fast ausschließlich aus solchen Filmen – sind die Kämpfe zu klein, zu unwirklich, sehen oft einfach billig aus. Man hat hier schlicht nie das Gefühl, Teil eines tatsächliches Kriegs zu sein. Zusammen mit den mäßigen Dialogen sind da insgesamt einfach zu viele Schwächen, die dem Film zum Verhängnis werden. Schade um die interessanten Aspekte.

Credits

OT: „The Great War“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Steven Luke
Drehbuch: Steven Luke
Kamera: Joseph Loeffler
Besetzung: Bates Wilder, Hiram A. Murray, Billy Zane, Ron Perlman, Aaron Courteau

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The Great War
„The Great War“ spielt zum Ende des Ersten Weltkriegs, als ein junger afroamerikanischer Soldat zusammen mit weißen Kameraden Teil einer Rettungsaktion ist. Das Thema Rassismus in der Armee ist sicherlich interessant und wichtig, der Film scheitert aber an den schwachen Figuren und Dialogen sowie den offensichtlich billigen Kämpfen.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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