Kritik

Der 26. November 2020 ist ein Tag, der von Gewalt und Demonstrationen gekennzeichnet ist in Istanbul sowie einem Stromausfall, der weite Teile der Stadt lahmgelegt hat. Während um sie herum vieles im Chaos versinkt, hat Didem (Dilayda Güneş) ganz andere Sorgen, da sie gerade ihren Job in einem Hotel verloren hat und sich zusammen mit ihren Freundinnen auf einen Tanzwettbewerb am Abend vorbereiten muss, für den die drei jungen Frauen schon viele Wochen lang proben. Ihre Geldnot lässt sich auf das Angebot ihrer Nachbarin Iffet (Nalan Kuruçim) ein, die aus Verzweiflung zugestimmt hat, für einen Schlepper (Emrah Özdemir) eine Drogenlieferung anzunehmen. Didem soll ihr nach dem Wettbewerb bei dem schwierigen Job helfen, da Iffet dem Schlepper, der wegen seiner zwielichtigen Geschäfte als Dealer und Schlepper keinen guten Ruf im Viertel genießt, nicht über den Weg traut. Und dann wäre da noch Ela (Beril Kayar), eine Aktivistin und Künstlerin, die trotz der widrigen Umstände in Istanbul zusammen mit ihrem Freund eine Ausstellung auf die Beine stellen will. Im Laufe des Tages kommen alle Figuren immer wieder mit der Polizei und der Armee in Konflikt sowie den Konsequenzen des Stromausfalls, der bei vielen der Anwohner des Viertels, in dem sie leben, für Aggressionen und Nervosität sorgt. Schließlich ist es eine Fehlentscheidung einer Figur, die das Leben und die Freiheit aller bedroht, vor allem von Iffets Sohn, der das Geld dringend braucht, um im Gefängnis für seinen Schutz zu bezahlen.

Die Geister einer Stadt
Nach einer Reihe von Kurzfilmen sowie -dokus legt die in Istanbul geborene Regisseurin Azra Deniz Okyay mit Hayaletler oder Ghosts, wie der internationale Titel lautet, ihr Spielfilmdebüt vor, welches im Wettbewerb der International Film Critics‘ Week von Venedig vertreten ist. Im Regiestatement beschreibt Okyay, dass sie fünf Jahre an der Geschichte und den Figuren schrieb, die sich im Laufe der Jahre immer wieder änderten, genauso wie die Stadt Istanbul, in der sie leben. Ihren Film sieht sie als ein Porträt der vielen Problemfelder, die ihr Land derzeit prägen, auf politischer und gesellschaftlicher Ebene.

Innerhalb von 90 Minuten verhandelt Ghosts zahlreiche Themen, angefangen von dem Status der Flüchtlinge in der türkischen Gesellschaft, über das Bild der Frau bis zu politischem Aktivismus sowie Gentrifizierung. Über allen steht der Stromausfall, der in mehr als nur einer Hinsicht für einen Weg der Gesellschaft in eine dunkle Zukunft stehen kann, zu der Okyay, wenn man sie letzten Minuten des Films betrachtet, ein eher ambivalentes Verhältnis hat und die noch gar nicht in Stein gemeißelt zu sein scheint. Dennoch spielt sie die Probleme nicht herunter, die zusammengefasst den Alltag zu einer Art Pulverfass machen, das jederzeit hochgehen kann. Die Omnipräsenz der Polizei sowie die latente, passiv-aggressive Haltung mit denen viele Menschen gerade jungen Menschen wie Didem begegnen, zeichnen ein sehr beunruhigendes Bild einer Gesellschaft, in der die Nerven blank liegen.

Das wahre Leben spielt sich nicht auf dieser Oberfläche ab, sondern hinter den Mauern der Stadt. Von den Flüchtlingen, die eine Schattenexistenz führen müssen, immer auf der Hut vor der Polizei, den Jugendlichen, die hinter verschlossenen Türen feiern und tanzen oder eben dem Schlepper, der aufgrund seines Rufes schon alleine gebrandmarkt ist. Dies sind die im Titel angesprochenen Geister und mit ihnen jene Probleme einer zutiefst verstörten Gesellschaft, in der Repression und Aggression an der Tagesordnung sind.

Die neue Türkei
Gerade im Hinblick auf das Thema Gentrifizierung trifft man immer wieder auf die Idee der „neuen Türkei“. Der von Emrah Özdemir gespielte Schlepper macht wiederholt halblegale Geschäfte mit Firmen, die das Bild des Viertels, in dem die Handlung spielt, verändern, was mehr als noch die Drogengeschäfte seinen schlechten Ruf in der Gemeinde manifestiert. Als Zuschauer fragt man sich, was eigentlich dieses neue Land sein soll, was hier geschaffen wird, das sich in solchen Geschäften äußert. Der Blick auf die Bürokomplexe und die neuen Apartmentblöcke, welche Bariş Özbiçers Kamera bisweilen einfängt, wollen ein einheitliches Bild demonstrieren, doch die Substanz scheint mehr als marode zu sein, ist brüchig und auf einem schlechten Fundament gebaut.

Auf ästhetischer Ebene verfolgen Okyay und Özbiçer einen semi-dokumentarischen Ansatz, der die thematischen Aspekte der Geschichte sinnvoll betont. Schauspielerisch können besonders  Nalan Kuruçim und Dilayda Güneş Akzente setzen als sehr gegensätzliche Frauenfiguren, welche die Geldnot und die äußere Situation zusammenführt. Während die eine mit einem jugendlichen Trotz ihre Träume nicht aufgeben will, versucht die andere zu überleben, für ihre Familie da zu sein, da sie keinerlei Hilfe seitens des Staates mehr erwartet.

Credits

OT: „Hayaletler“
Land: Türkei, Frankreich, Katar
Jahr: 2020
Regie: Azra Deniz Okyay
Drehbuch: Azra Deniz Okyay
Musik: Ekin Uzeltuzenci
Kamera: Bariş Özbiçer
Besetzung: Nalan Kuruçim, Dilayda Güneş, Beril Kayar, Emrah Özdemir

Bilder

Filmfeste

Venedig 2020

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Ghosts
4 (80%) 12 Artikel bewerten

Ghosts
"Ghosts" ist ein teils episodenhaftes Drama, das eine Geschichte über die heutige und die neue Türkei erzählt. Thematisch dicht und mit guten Darstellern gelingt ein an vielen Stellen sehr bedrückender aber dann auch wieder hoffnungsvoller Film, dessen Offenheit vielleicht seine größte Stärke ist.
8von 10

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